Kontrollmechanismen für die Märkte
Derivate-Clearing: Lösung von der Stange

Nach dem Willen maßgeblicher US-Abgeordneter sollen standardisierte Derivate künftig ein zentrales Clearing durchlaufen und an den Börsen gehandelt werden. Aber es besteht kaum Konsens darüber, was mit „standardisiert“ eigentlich gemeint ist. Die Gesetzgebung könnte sich in Details verzetteln – oder der Schuss aufgrund erhöhter Risiken nach hinten losgehen.
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In die Bemühungen, den Derivatemarkt über 600 Bill. Dollar im Zaum zu halten, ist neuer Schwung gekommen. Maßgebliche US-Abgeordnete haben einen Gesetzesentwurf vorgelegt, dem zufolge standardisierte Kontrakte künftig ein zentrales Clearing durchlaufen und an den Börsen gehandelt werden sollen.

Auch die EU-Kommission unterstützt eine zentrale Abrechnung. Für viele Produkte wird dies auch sinnvoll sein. Aber es besteht die Gefahr, dass die neuen Richtlinien über das Ziel hinausschießen.

Zum einen besteht immer noch wenig Konsens darüber, was "standardisiert" eigentlich bedeutet. Wenn die Aufsichtsbehörden letztendlich dazu übergehen, zu komplexe Produkte durch die Clearinghäuser zu treiben, könnte sich die Gesetzgebung in Details verzetteln - oder der Schuss könnte durch eine Erhöhung der Risiken nach hinten losgehen.

Denn die Clearinghäuser, bei denen die Haftung für Verluste gemeinsam von den Mitgliedern getragen wird, arbeiten am effektivsten, wenn sie für Produkte mit großen, liquiden Märkten eingesetzt werden - wie etwa den 325 Bill. Dollar umfassenden Zinsswap-Basar. Das erleichtert es der Clearing-Firma, Käufer für die in ihren Büchern festsitzenden Kontrakte zu finden, wenn ein Mitglied Pleite geht. Das ist eine große Aufgabe. Als Lehman Brothers implodierte, musste das von der Investment Bank genutzte Clearinghaus in London allein Geschäfte im Wert von Billionen von Dollar abwickeln.

Es ist viel problematischer, Abnehmer für maßgeschneiderte Kontrakte aufzuspüren, die per Definition bestenfalls umsatzarm sind. Hybride Instrumente oder Produkte mit ungewöhnlichen Fälligkeiten oder Auszahlungsprofilen wären schwer abzustoßen. Das bedeutet, dass die anderen Mitglieder der Clearingfirma vielleicht noch schlimmer in Mitleidenschaft gezogen würden, wenn einer ihrer Kollegen unterginge.

Zugegeben, das Clearinghaus würde das Risiko einer Mitglieder-Insolvenz immer noch unter vielen anderen Firmen streuen. Damit würde die Wahrscheinlichkeit verringert, dass eine einzige Pleite gefährlich umfangreiche Dominoverluste bei einem oder mehreren anderen Instituten auslösen könnte. Aber einem Clearinghaus zu viele spezifische Kontrakte aufzudrängen, wird seine Effektivität trotzdem reduzieren.

Die Branchenwächter werden wahrscheinlich darauf hinarbeiten, dass möglichst viele Kontrakttypen eine zentrale Abwicklung durchlaufen müssen. Aber sie können systemische Risiken schon dadurch umfassend vermindern, indem sie die massiven Märkte für ganz normale - und leicht zu verrechnende - Produkte wie Kredit- und Zinsswaps oder Devisenkontrakte angehen. Wenn man mit den Instrumenten anfängt, die von jedem als Standard erachtet werden, dann kann man auch vermeiden, dass sich die Gesetzgebung in Definitionsdetails verheddert. Es ist sinnvoll, mit den niedrig hängenden Früchten zu beginnen. Es gibt sie in Hülle und Fülle.

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