Kreditklemme
Kreditkrise: Der nächste Dominostein

Die Unternehmensrefinanzierung könnte sich als nächster Dominostein der weltweiten Kreditkrise erweisen. Bis zum Ende des Jahres 2010 müssen Unternehmen weltweit Schuldtitel über vier Bill. Dollar zurückzahlen oder refinanzieren. Doch die Banken im Westen allein fahren ihre Kreditvergabe um fast zehn Bill. Dollar zurück. Einen Engpass in der Unternehmensfinanzierung abzuwenden, sollte ganz oben auf der Tagesordnung stehen, wenn sich die Regierungsvertreter der G-20 an diesem Wochenende in Washington treffen.

Von Refinanzierung: Hier kommt schon wieder eine richtig dicke Zahl für die globale Finanzkrise: vier Bill. Dollar. Diesem gewaltigen Betrag sehen sich die Kreditnehmer unter den Unternehmen außerhalb des Finanzbereichs in den kommenden zwei Jahren gegenüber, wenn Teile ihrer Schuldtitel zur Rückzahlung oder Refinanzierung anstehen, wie aus Zahlen von Dealogic hervorgeht. Normalerweise würden die Darlehensnehmer die Verbindlichkeiten mit ihren Kredit gebenden Banken umschulden oder vielleicht neue Anleihen emittieren. Aber da die Finanzfirmen die Luft aus ihren aufgeblähten Bilanzen lassen, wird dieses Vorgehen immer schwieriger, wenn es überhaupt noch möglich ist.

Diejenigen, die Kredite direkt von den Banken erhalten - rund 85 Prozent aller Firmen in Europa, während es in den USA dagegen viel weniger sind -, werden die Erfahrung machen, dass einfach viel weniger Kredite verfügbar sind. Die Banken stehen unter dem Druck, die Aktivseite ihrer Bilanz zu reduzieren, selbst wenn sie dazu gezwungen sind, außerbilanziell geführte Zweckgesellschaften in ihre Bücher zu integrieren. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass allein europäische und amerikanische Banken in den kommenden fünf Jahren das Kreditvolumen um zehn Bill. Dollar kürzen werden.

Spekulative Darlehensnehmer wie Hedge Funds, Oligarchen und mit einem hohen Anteil an Fremdkapital ausgestattete Anlagekäufer werden sich zuerst die Finger verbrennen. Doch hier und da zeichnet sich schon ab, dass auch ganz gewöhnliche Unternehmen mit einem moderaten Verschuldungsgrad vor verschlossenen Türen stehen - besonders jene, die in den taumelnden verbraucherorientierten Sektoren beheimatet sind, oder diejenigen, die in guten Zeiten zu sehr auf den Konditionen herumgeritten waren.

Falls Kredite überhaupt noch zu haben sind, dann werden sie teurer. Einige Banken berechnen die Sätze bei einer neuen Kreditvergabe, indem sie die Kosten für eine Versicherung gegen den Zahlungsverzug des Kreditnehmers zugrunde legen. Borse Dubai, Nestle und Nokia sind allesamt Ablösungsfazilitäten eingegangen, die an den Kurs ihrer Credit Default Swaps (CDS), also der Kreditderivate zum Handeln von Ausfallrisiken, gebunden sind. Das ist ein unattraktives Geschäft, denn die CDS-Spannen werden nicht von den Unternehmen selbst, sondern von den Launen der Kreditmärkte beeinflusst.

Wenn die Banken ablehnen, gibt es ja immer noch den Anleihemarkt. Bonds waren in den vergangenen Jahren links liegen gelassen worden, da die Kreditnehmer die engen Spannen und die flexible Rückzahlung syndizierter Bankkredite bevorzugt hatten. Aber sie kommen immer noch nicht für jedermann in Frage. Erstens einmal sind Anleihen teuer. Altria, die amerikanische Tabakfirma, hat gerade eine Anleihe über sechs Mrd. Dollar zu dem Strafsatz von 600 Basispunkten über dem Zins der US-Treasuries begeben. Zweitens kommt es bei ihrer Emission auf den Namen an: Schön, wenn man Nestle oder Altria heißt. Schwieriger wird es da schon für deren kleinere Cousins, denen man weniger Vertrauen entgegen bringt.

Nicht alle Kreditnehmer werden in die gleiche Klemme geraten. Die größeren Margen aus den teureren Kreditvergaben werden neue Spieler auf den Markt locken. Einige japanische Banken sollen schon dabei sein, einzugreifen - aber sie werden nicht in der Lage sein, den gesamten Betrag zu absorbieren. Daher werden einige Firmen scheitern. Und andere werden Ausweichmanöver starten müssen: Mitarbeiter entlassen, die Dividendenzahlung aussetzen, Niederlassungen schließen oder Kosten und Investitionen kürzen.

Dass Spekulanten weniger Kredite erhalten, erscheint wie eine gesunde Korrektur. Nicht mehr so gesund ist es, wenn ansonsten dynamische Unternehmen aufgrund mangelnder Kreditvergabe an die Wand fahren. Dann wäre die Unternehmensverschuldung mehr als nur ein Unternehmensproblem. Diese Kreditlinien offen zu halten, sollte daher ganz oben auf der Tagesordnung stehen, wenn sich die führenden Vertreter der in der G-20 zusammengefassten Länder an diesem Wochenende in Washington treffen.

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