Kreditmärkte
Die Angst vor dem Absturz

Die Zentralbanken stehen unter dem Druck, genug Geld zu möglichst günstigen Konditionen bereitzustellen, um die Kreditvergabe – und die Geschäftsaktivitäten – vor dem Zusammenbruch zu schützen. Das wird nicht einfach werden. Das ist die schmerzhafte Quittung für Politik der US-Notenbank, es zuzulassen, dass spekulative Blasen von selbst platzen. Das Chaos nach dem Knall erweist sich als schwer beherrschbar.

Normalerweise läge der Gedanke an eine Rezession in den USA in weiter Ferne. Schließlich wird der wichtigste Bestandteil der in dieser Woche zur Veröffentlichung anstehenden Konjunkturdaten die Revision der Wachstumsrate des US-Bruttoinlandsprodukts im dritten Quartal sein. Sie wird wahrscheinlich revidiert bei fünf Prozent liegen und damit alles andere als auf eine Rezession hindeuten. Aber es sind keine normalen Zeiten.

Sicher, die Welt der Wirtschaft sieht seit Ende September nur ein kleines bisschen düsterer aus. Die zusätzlichen Probleme – ein weiterer Rückgang auf dem US-Immobilienmarkt und schlechte Indikatoren für die Zuversicht der Marktteilnehmer in der EU und den USA – sind milde zu bewerten. Aber in der Finanzwelt sieht das schon ganz anders aus. Viele Schlüsselmärkte laufen schon wieder Gefahr, komplett einzufrieren – und die Wirtschaft mit sich in den Abgrund zu ziehen.

Auf den Geldmärkten meint man, es wäre wieder August. Die Europäische Zentralbank hat wieder ihre Absicht erklärt, ausreichend Liquidität in den Markt zu geben, um die Interbanken-Spreads auf ein beherrschbares Niveau herunterzudrücken. In den vergangenen zwei Wochen ist ein maßgeblicher Indikator für die kurzfristige Liquidität, die Spanne zwischen dem dreimonatigen Interbanken-Satz und den Tagesgeldzinsen, in der Eurozone von 50 auf 80 Basispunkte gestiegen.

Auf einigen anderen Märkten ist es sogar noch schlimmer als im August. Die vergangene Woche war gekennzeichnet von der ersten Ankündigung einer großen Notfallkapitalerhöhung durch den US-Hypothekenfinanzierer Freddie Mac und von der praktischen Stilllegung des europäischen Marktes für Covered Bonds, einer Variante des deutschen Pfandsbriefs, über 1,7 Bill. Dollar.

Die Zentralbanken versuchen zu helfen – die EZB mit Liquidität und die Federal Reserve sowohl mit Liquidität als auch mit niedrigeren Zinsen – der Satz für Tagesgeld ist von 5,25 Prozent auf 4,5 Prozent gesunken. Aber der Markt schreit nach mehr. Die Banken brauchen billiges Geld, um ihren großen Vorrat an unerwünschten und unsicheren Vermögenswerten zu finanzieren. HSBC hat beispielsweise Mittel über 45 Mrd. Dollar im Zusammenhang mit Investmentvehikeln für strukturierte Produkte in der Bilanz.

Es ist nicht klar, ob selbst die großzügigste Geldpolitik in der Lage sein wird, die Verluste aus der spekulativen Zeit der übergroßen Kreditvergabe auszugleichen – die Schätzungen belaufen sich auf 400 Mrd. Dollar bei steigender Tendenz. Diese Ausfälle schlagen sich vorwiegend in den Bilanzen der Banken nieder, dem Herzen des Finanzsystems.

Klar ist dagegen, dass die Notenbanken einen der grundlegenden Lehrsätze des ehemaligen Fed-Chairman Alan Greenspan überdenken müssen: Dass es besser ist, wenn die Spekulationsblasen von selbst platzen. Das Chaos nach dem Knall stellt sich nämlich als äußerst heikel heraus.

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