Kunstmarkt
Zum Ersten, zum Zweiten, zum …

Es war sicher ein Jahr der Übertreibungen auf dem Kunstmarkt. Von Rothko über Warhol bis Hirst – zeitgenössische Künstler sind zu Luxusmarken geworden, die Schwindel erregende Preise erzielen. Die jüngste Versteigerung bei Christie’s bildete da keine Ausnahme. Wall Street mag sich krümmen, aber der Kunstmarkt ist mit seiner Hausse noch nicht fertig.

Sotheby’s und Christie’s rechnen damit, in diesem Monat mit Auktionen für zeitgenössische Kunst bis zu zwei Mrd. Dollar einzufahren. Gestern Abend hat Christie’s den Motor schon einmal angeworfen und Werke über 395 Mill. Dollar versteigert. Das mag überraschen, wenn man die momentane Lage an der Wall Street bedenkt. Aber die New Yorker Finanziers sind nicht die einzigen Einheizer auf dem Kunstmarkt. Wundern Sie sich nicht, wenn die Auktionshäuser sogar noch über ihre Ziele hinausschießen.

Viele Branchenbeobachter hatten angenommen, der Markt hätte seinen Höhepunkt im Mai erreicht, als auf den Auktionen 1,4 Mrd. Dollar erlöst wurden. In den darauf folgenden drei Monaten waren die Aktien von Sotheby’s denn auch um zehn Prozent niedriger bewertet worden. Da zum Beispiel das Werk „White Center“ von Mark Rothko für ungeheure 73 Mill. Dollar wegging und damit dreimal höher bewertet wurde als je ein Bild des Künstlers zuvor, war die Besorgnis vielleicht verständlich.

Aber die Anleger haben seitdem ihren Blickwinkel erweitert. Während die Implosion auf dem Subprime-Markt für US-Hypothekenanleihen zweitklassiger Bonität und die Kreditkrise zu schrumpfenden Bankkonten in der Finanzindustrie geführt haben und die Bonuszahlungen im Durchschnitt um zehn Prozent sinken dürften, haben die Papiere von Sotheby’s in den vergangenen zwei Monaten um 20 Prozent zugelegt. Die Versteigerung bei Christie’s, bei der ein Gemälde von Matisse aus dem Jahr 1937 die Rekordsumme von 34 Mill. Dollar eingespielt hat, zeigt, warum.

Der Kunstmarkt profitiert von mehr als nur einer spekulativen Blase. Einen Teil steuern die New Yorker Kredit-, Hedge Fonds- und Subprime-Märkte bei, einen anderen Teil liefert die Ansammlung von Reichtümern in Asien, dem Nahen Osten und Russland, die zu einem großen Teil vom Anstieg der Rohstoff- und Energiepreise angetrieben wird. Während sich die Hitze des Kredit-Booms zwar abgekühlt hat, ist diese Flaute durch die internationale Nachfrage ausgeglichen worden. In einer jüngsten Studie von Sotheby’s hat sich herausgestellt, dass nur zehn Prozent der 500 Top-Käufer aus der Finanzdienstleistungsbranche stammen.

Das sind gute Vorzeichen für die größeren Versteigerungen, die innerhalb der nächsten Tage anstehen und eine Reihe von Attraktionen präsentieren. Die Abendauktion bei Sotheby’s umfasst unter anderem ein 1892 entstandenes Gemälde von Paul Gauguin einer kauernden Frau aus Tahiti, das bis zu 60 Mill. Dollar erlösen könnte, und die Skulptur eines Frauenkopfes von Pablo Picasso aus dem Jahr 1950, die mit 30 Mill. Dollar veranschlagt wird. In der kommenden Woche kommt bei Christie’s ein Warhol-Portät von Elizabeth Taylor aus dem Besitz des Schauspielers Hugh Grant unter den Hammer, das ebenfalls 30 Mill. Dollar bringen könnte. Und die Edelstahl-Skulptur „Blue Diamond“ von Jeff Koons sollte bis zu 20 Mill. Dollar wert sein.

In diesem Jahr haben sich die Höhepunkte auf dem Kunstmarkt förmlich überschlagen – von den Rekordpreisen für Werke von Rothko bis zu den 100 Mill. Dollar, die Damien Hirst für einen mit Juwelen besetzten Schädel erzielt hat. In den nächsten beiden Wochen dürfte sich diese Entwicklung fortsetzen. Da anderen spekulativen Blasen, die dem Kunstmarkt einheizen, die Luft ausgeht, dürfte das Geschäft mit der Kunst früher oder später auch nach unten tendieren. Aber der Kunstmarkt hat bewiesen, dass er vielfältig genug ist, um tief greifenden Turbulenzen auf dem Finanzsektor Widerstand zu bieten.

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