Homosexualität: Die NFL ein Wegbereiter für die Bundesliga!

Homosexualität
Die NFL ein Wegbereiter für die Bundesliga!

Homosexualität im Profi-Sport ist ein Reizthema. Michael Sam hat seine Homosexualität öffentlich gemacht. TV-Moderatoren stellen seitdem immer wieder die Frage: „Is the NFL ready for Michael Sam?“
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Einige deutsche Sportjournalisten halten Homosexualität im Sport hierzulande für kein erwähnenswertes Thema im Rahmen der Sportberichterstattung. Ich sehe das anders. Der Sport ist ein Mikrokosmos. Es geht nicht nur um Taktik, Spielstatistik und Ergebnisse, sondern immer wieder auch darum, dass sich im Sport vieles offenbart, was in der Gesellschaft relevant und brisant ist. Nur: Ist Homosexualität immer noch ein brisantes Thema? Offenbar - und das müssen wir einfach zur Kenntnis nehmen - ja! Leider immer noch.

So hat die amerikanische Sportwelt seit zwei Wochen nur ein großes Thema. Der 24-jährige Michael Sam hat seine Homosexualität öffentlich gemacht und dadurch in den USA ein mediales Beben verursacht. Der große Unterschied zu Thomas Hitzlsperger: Er steht nicht am Ende, sondern am Anfang einer vielversprechenden Karriere und wird sich in Kürze, wenn alles nach Plan läuft, als Spieler eines NFL-Clubs den Fans präsentieren.

Der Zeitpunkt und das Prozedere des Auftritts von Michael Sam waren, wie SPIEGEL-Online vor einigen Tagen berichtete, minutiös geplant. Howard Bragman, Hollywood-Publizist, hatte Sam offenbar intensiv vorbereitet und unterstützt. Die Kommentatoren im amerikanischen Fernsehen zitieren viele Sportler, Trainer und Funktionäre, die Sam demonstrativ Respekt zollen. Das kennen wir von der Berichterstattung über Thomas Hitzlsperger. Und doch stellen TV-Moderatoren und Publizisten immer wieder die Frage: „Is the NFL ready for Michael Sam?“ Wodurch sie auch die Zweifel vermitteln, ob hinter den wohlformulierten Unterstützungsbotschaften wirklich soviel wohlwollende Selbstverständlichkeit steckt.

Die Zweifel haben einen Hintergrund. Früher haben, vor allem in den USA, Sportler wie Muhammed Ali, Billie Jean King und Arthur Ashe gesellschaftliche Diskussionen als mündige Bürger forciert. Und heute? Der Sport hinkt hinter den gesellschaftlichen Entwicklungen hinterher. In Deutschland genau wie in den USA. Warum ist das so? Die amerikanische Sportfachzeitschrift „Sports Illustrated“ vermutet aktuell, es könnte an den vollen Bankkonten der Sportler, ihren Schuhverträgen und Sponsorendeals liegen. Polemik? Das Fazit der Kollegen ist auf jeden Fall zutreffend: „At some time society raced ahead of pro sports.“ Hoffen wir auf eine Tempoverschärfung bei der Aufholjagd. Anzeichen dafür gibt es.

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Gareth Thomas, eine walisische Rugby-Legende, hat den Weg in die Öffentlichkeit schon hinter sich und vor zwei Jahren im sportstudio über seine überwiegend positiven Erfahrungen berichtet. Seit einer Woche gibt es mit Jason Collins auch in der NBA einen Spieler, der seine Homosexualität öffentlich gemacht hat. Sein Trikot ist derzeit einer der großen „Verkaufsschlager“ der Liga. Sollten Michael Sams Erfahrungen in der NFL ebenfalls positiv sein, so wird dies ein weiterer Anstoß für Bundesligaprofis werden, ihm zu folgen.

Jürgen Klopp hat vor Jahren schon einmal vorgeschlagen, dass gleich 20 Profis gemeinsam mit dem Thema in die Öffentlichkeit gehen, damit sich nicht die komplette Aufmerksamkeit auf einen Spieler und einen Verein fokussiert. Wie auch immer – wir alle können uns auf den Zeitpunkt freuen, wenn ein Ausdruck wie „öffentliches Coming Out“ im Zusammenhang mit Homosexualität aus dem Sprachschatz gestrichen wird. Genauso wie die Formulierung, Hitzlsperger und Sam hätten sich zu ihrer Homosexualität „bekannt“ (wie zu einer Straftat). Erst wenn wir im TV auf den Tribünen der Fußballstadien Spielerfrauen und Spielermänner nebeneinander versammelt sehen, ohne dass sich der Kommentator bemüßigt sieht, daraus eine Bemerkung abzuleiten, wird dies auch in dieser Kolumne kein Thema mehr sein. In diesem Sinne: Good luck, Michael Sam!

Michael Steinbrecher ist Journalist, Fernsehmoderator und seit 2009 Professor für Fernseh- und crossmedialen Journalismus am Institut für Journalistik der TU Dortmund. Von 1992 bis Mitte 2013 hat er das ZDF-Sportstudio moderiert und war für das ZDF als Moderator bei zahlreichen Sport-Großereignissen wie Fußballwelt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen vor Ort. Bis zum Ende der Fußball-WM 2014 in Brasilien wirft er – künftig immer samstags – einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen des internationalen Spitzensports.

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