B.wertet
Die Freuden des Älterwerdens

Altern ist so eine Sache: Die Falten und Gebrechlichkeiten will niemand - die Weisheit schon.
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Kürzlich las ich in einer Münchner Gazette, dass die Stadt München sehr viel älter sei als bisher vermutet. Ausgrabungen am Marienhof, direkt hinter dem Neuen Rathaus, mitten im Herzen der Isarmetropole gelegen, hätten ergeben, dass die Besiedlungsspuren sehr viel länger zurück reichten als bisher gedacht, wahrscheinlich bis ins 11. Jahrhundert. Die 850-Jahrfeier vor drei Jahren war also total verspätet – eher sollten sich die Münchner über eine 1000-Jahrfeier Gedanken machen.

Man könnte sagen: Typisch Bayern, immer etwas langsam. Nun, was als spektakuläre Neuigkeit durch den vorwiegend lokalen Blätterwald geisterte, ist eigentlich ein alter Hut. Viele Städte sind tatsächlich älter als sie offiziell gefeiert werden, denn als Gründungsdatum gilt stets die erste schriftliche Erwähnung oder die erste Urkunde und nicht die schwankende Datierung von ausgegrabenen Gegenständen. Am Marienhof war es im Übrigen eine Tonscherbe, die in einem mittelalterlichen Klo gefunden worden war. Das „stille Örtchen“ gab also spät erst sein Geheimnis preis.

Aber was sagt uns das neben der offensichtlichen Tatsache, dass Zeit relativ ist und Jubiläen grundsätzlich hinterfragt werden könnten? Zum einen werden wir an die Bedeutung des geschriebenen Wortes erinnert – auch wenn der Großteil unserer Textarbeit, wie E-Mails, Briefe, Mitteilungen, Aktenvermerke, Rechnungen, Pressemitteilungen, Artikel und Kolumnen, realistisch betrachtet wohl nur eine ziemlich kurze Halbwertzeit haben wird.

Zur „Gründungsurkunde“, das heißt zur erstmaligen urkundlichen Erwähnung Münchens, kam es übrigens wegen eines Streits. Im Jahr 1158 erteilte Kaiser Friedrich I. Barbarossa im „Augsburger Schied“ Herzog Heinrich dem Löwen (im Streit mit Bischof Otto I. von Freising) das Recht, eine Zollbrücke über die Isar am neu entstandenen Ort «ad Munichen» zu betreiben. Heinrich hatte zuvor eine bischöfliche Brücke in Feringa (Oberföhring) abreißen lassen und die Salzhändler auf ihrem Weg nach Norden und Westen über seine eigene, wenige Kilometer weiter südlich gelegene Brücke geführt. München wurde das Markt- und Münzrecht bestätigt, es musste jedoch ein Drittel der daraus resultierenden Einnahmen an Freising abführen.

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