B.wertet
Die Macht der Ratingagenturen

Ratingagenturen sehen sich massiver Kritik ausgesetzt. Doch sie kann nicht komplett gerechtfertigt sein, denn sie können die Kreditwürdigkeit entweder zu lasch und zu streng bewerten, aber nicht beides.
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Seit Jahren mehren sich die Klagen über die „Macht der Ratingagenturen“. Nach der ersten Finanzkrise wurde ihnen vorgeworfen, sie hätten die strukturierten Finanzprodukte, die sich später als Schrottpapiere erwiesen und etwa die Lehman Bank zu Fall brachten, viel zu gut bewertet. In der derzeitigen Staatsschuldenkrise sehen sie sich dem gegenteiligen Vorwurf ausgesetzt, sie würden einige Staaten viel zu schlecht bewerten und sie damit nur noch tiefer in den Schuldensumpf treiben. Ein wenig erinnert das daran, den Überbringer schlechter Nachrichten für die schlechten Nachrichten verantwortlich zu machen.

Nun, im Fall der Ratingagenturen ist es zumindest so, dass die Ratingagenturen die schlechten Nachrichten auch selbst schreiben, allerdings eben nicht verursachen. Ihre Aufgabe ist es, das Risiko einzuschätzen, das Investoren haben, wenn sie in ein Land oder in ein Unternehmen investieren. Die Kreditwürdigkeit und die Ausfallwahrscheinlichkeit, das sind die Parameter, die die Analysten dabei im Auge haben. Das ist legitim und für die Investoren interessant, die sich nicht oder nicht ausschließlich auf ihr eigenes Research verlassen möchten – oder dürfen.

Es war nämlich die Politik, die heute die Macht der Ratingagenturen verurteilt, die bestimmte Investoren, zum Beispiel Pensionskassen, dazu verpflichtete, nur in Papiere mit einem bestimmten Rating zu investieren. Damit erteilte sie den Ratingagenturen quasi die Berechtigung zur Vergabe einer Art von TÜV-Siegel. Allerdings gibt es nur eine überschaubare Anzahl an international anerkannten Rating-Agenturen, genau drei. Sie sind privatwirtschaftlich organisiert und auf Gewinne ausgerichtet. Alle drei sitzen in den USA, was oftmals Anlass zu Spekulationen gibt, ob Ratings über europäische Staaten etwa von dem amerikanischen Schuldenberg ablenken sollen.

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Modelle für eine europäische Ratingagentur

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  • Sehr geehrte Frau Bortenlänger, der Einfluss der Rating(agentur)meinung manifestiert sich doch in den "Produktionsvorstufen" der Meinungsbildungen. Hier haben die Ratingagenturen praktisch keine Werte jenseits der guten alten Bilanzanalyse geschaffen. Sie bewerten die Vergangenheit einer Kundenadresse (z.B. eines Bond-Emittenten) (quantitative Analyse)und beschreiben mit hohem Sachverstand die übrigen Markteinflussfaktoren (Qualitative Analyse).Systemimmanent müssen die Agenturen in ihren Bewertungsurteilen nachbessern, wenn sich die qualitativen Merkmale verändern. So geschehen in der LehmanBrothers-Krise (Ausfall von Vertragspartnern = Eintritt des Kontrahentenrisikos) und der Euro-Krise (Neugewichtung der Staatsschulden im Risikomodel). Wirken Sie auf die Erweiterung und Neugewichtung von z.B. politischen Risiken, Kontrahentenrisiken aus Finanzmarktanteilsgrößen, etc. hin! So ließe sich z.B. Wachstum der Kontrahenten am "grauen Kapitalmarkt" in die Bewertungsmodelle internalisieren oder auch Produktlebenszyklenverschiebungen unter konkurrierenden Markteilnehmen (z.B. BMW und Daimler im PKW-Geschäft). Das ist selbstverständlich gegenwärtig gegen die Interessen der Marktteilnehmer gerichtet, aber nicht eine weitere (europäische) Ratingagentur ist die Lösung, sondern die Offenlegung (ich vermeide den Begriff der Regulierung hier bewusst, auch wenn die Ratingagenturen in der EU durch die BASELII-Regelungen faktisch lizenziert wurden und sich damit auch dem Transparenzgebot stellen müssen!) der qualitativen Risikomodelle der bestehenden Agenturen. Alleine schon die Fachdiskussion hierzu würde die Qualität (= Prognosefähigkeit) der Bewertungsmodelle der Ratingagenturen verbessern und so Wert für die Marktteilnehmer schaffen! Die Ratingagenturen untereinander könnten sich in geeigneter Weise wettbewerblich (noch stärker wahrnehmbar?) ausdifferenzieren und sich so dem landläufigen Vorwurf entziehen, ohnehin lediglich von einander abzuschreiben.

  • Liebe Frau Bortenlänger,

    vielen Dank für Ihren Artikel.
    Ihr Satz, dass "Ratingagenturen die schlechten Nachrichten (...) schreiben, allerdings eben nicht verursachen", stimmt natürlich nur in der Theorie. In praxi lag der Sachverhalt in der Vergangenheit oft anders. Eine lange Liste liest hier keiner, darum nur ein kleines Beispiel, ist zwar länger her, aber die Akteure in der Finanzbranche sind oft ein wenig vergesslich:
    http://www.ft.com/cms/s/0/f5ac406a-26d0-11dd-9c95-000077b07658.html
    und
    http://www.ft.com/cms/s/0/721b66de-279a-11dd-b7cb-000077b07658.html

    Die Frage, ob eine Anleihe oder ein sonstiges Produkt zu gut oder zu schlecht bewertet ist, steht gar nicht zur Debatte. Sie hab natürich recht: Beides auf einmal geht nicht. Die Forderung an eine Ratingagentur ist doch nur diejenige, dass das Risiko einer Anleihe o.ä. mit der grösstmöglichen Sorgfalt bewertet wird. Vorwürfe, die meiner Meinung nach gerechtfertigt sind, wurden erhoben, dass Ratingagenturen teilweise schlampig gearbeitet haben, so dass ihre Einschätzung keinen Pfifferling wert waren.
    Um Ihre Analogie bezüglich des TÜVs zu kommentieren: Eine Institution, die Kfz durchwinkt, die kurz darauf, aufgrund von Sicherheitsmänngeln schwere Unfälle verursachen wird geschlossen.

    P.S.
    Was für private Unternehmen der freien Wirtschaft gilt, gilt icht immer für private Institutionen der Finanzbranche, wie wir wissen.
    Ich sage nur: Banken-bailouts & "Lemon Socialism."

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