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B.wertet: Ein Plädoyer für das Schöngeistige

Teuer ausgebildet, dann am Staatstropf hängen? Unrentabel, meinen die Chinesen und wollen Studienfächer abschaffen, wenn zu wenige Absolventen einen Job finden. Ein Modell für Europa? Nein, Vielfalt schlägt Uniformität.

Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger ist Geschäftsführerin der Börse München.
Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger ist Geschäftsführerin der Börse München.

Die chinesische Führung plant, „unrentable“ Studienfächer abzuschaffen, berichtete das Deutschlandradio jüngst. Eine interessante Vorstellung, die auf den ersten Blick sicherlich auch bei uns viele Anhänger gewinnen dürfte. Allerdings bliebe zu fragen, wann denn ein Studienfach „rentabel“ ist und wann nicht, und vor allem, für wen?

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Die Chinesen wollen dies an einer einfachen Rechnung festmachen: Wenn weniger als 60 Prozent der Absolventen eines Studienfachs innerhalb von zwei Jahren einen Job finden, werde das Fach geschlossen, so das Bildungsministerium. Ein Studienfach rentiert sich für den Staat und die Gesellschaft also nur dann, wenn die Absolventen möglichst schnell ins Arbeitsleben integriert werden und Steuern und Abgaben zahlen. Eigentlich eine verständliche und bestechende Sache: Warum soll der Staat erst eine teure Bildung finanzieren, damit die Hochqualifizierten dann weiterhin an seinem Tropf hängen?

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit ist mit Sicherheit eines der großen Probleme Europas. Im vergangenen Jahr standen mehr als fünf Millionen Menschen unter 25 Jahren in Europa ohne Job da – etwas mehr als zwanzig Prozent! Gerade die besonders hoch verschuldeten Staaten glänzen hier mit besonders schlechten Werten: So liegt die Arbeitslosenquote junger Menschen 2011 in Spanien bei 45,7 Prozent, in Griechenland bei 38,5 Prozent, in Italien bei 27,8 Prozent und in Portugal bei 26,8 Prozent. Darunter sind auch gut ausgebildete, studierte und hoch motivierte Jugendliche und junge Erwachsene – eine einzige große Fehlallokation?

Tatsächlich steigt der Anteil der jungen Akademiker an den Arbeitslosen kontinuierlich an. Akademiker müssen die Erfahrung machen, dass sie nicht quasi automatisch einen Job bekommen – schon gar keinen unbefristeten und gut bezahlten. Oder haben die Jugendlichen vielleicht einfach nur die falschen Fächer gewählt, sich in schöngeistigen Studien verloren, einen Elfenbeinturm ohne Bezug zur Wirklichkeit erklommen? Tatsächlich gehen in Deutschland nur 70 Prozent der Geisteswissenschaftler ein Jahr nach ihrem Abschluss einer geregelten Beschäftigung nach, so eine Studie des HIS-Instituts (Hochschul-Informations-System GmbH). Sollen wir es den Chinesen also doch gleich tun?

So sehr es schmerzt, wenn junge Menschen nach dem Hochschulabschluss Hartz IV beantragen müssen – aber der „chinesische Weg“ ist keine Alternative. Es ist vielmehr ein typisch sozialistisches Gedankengut, dass eine Planungskommission vorab festlegen könnte, welche Studienfächer belegt werden sollen, um eine bestmögliche „Ausbeute“ zu gewinnen. Das klappt schon bei der Lehrerausbildung alles andere als gut.

Selbstbestimmung in der Wahl der Ausbildung ist ein wesentliches und hohes Gut einer freien Gesellschaft. Wir müssen es vielmehr schaffen, das kreative Potenzial der Jugend in den Arbeitsprozess einzugliedern. Dass das in Europa derzeit so wenig gelingt, ist zweifellos ein Skandal, und dass es in den hoch verschuldeten Ländern besonders schlecht aussieht, kann kein Zufall sein.

Die Ursache liegt jedoch nicht in exotischen Studienfächern sondern in verkrusteten Strukturen, geschaffen und bewahrt von Menschen, die in Lohn und Brot stehen und ihre Position mit Händen und Füßen verteidigen. Dabei wäre gerade hier Geist gefragt.

Eine Gesellschaft braucht ein buntes Miteinander. Die Vielfalt der kulturellen und geistigen Entwicklungen ist eine der großen Stärken Europas. Diversity Management, also soziale Vielfalt konstruktiv zu nutzen, ist das Stichwort der Zeit. Nicht nur Unternehmen, auch Gesellschaften sollten diese Strategie umsetzen.

Was wir brauchen, ist eine höhere Flexibilität auf beiden Seiten – also Unternehmen, die Ägyptologen einstellen und Ägyptologen, die in ein Unternehmen gehen, um es einmal plakativ zu sagen. Hier ist bereits viel in Bewegung geraten, Personalchefs sind offen auch für Sozial- und Geisteswissenschaftler, die Grenzen sind längst fließend. Wir sollten die Universitäten nicht zu reinen Erfüllungsgehilfen der Staatskasse degradieren, denn ich glaube nicht, dass wir alle in einer Welt leben wollen, die ausschließlich von Ingenieuren, Juristen und Betriebswirtschaftlern gestaltet wird.

Auf der „Abschussliste“ in China stünden nach der neuen Regel im Übrigen die Fächer Russische Sprachwissenschaft, Theoretische Physik und Geschichte – welch eine Vorstellung! Liegt in den Erkenntnissen der theoretischen Physik nicht ein wesentlicher Schlüssel zur Erklärung unserer Welt? Und ist Geschichte nicht existenziell für das Verständnis unserer Gegenwart? Und ist es nicht wichtig, sich für die Sprache seines Nachbarn zu interessieren? Armes reiches China, fällt mir da spontan nur ein.

 

Ihre cb.

Christine Bortenlänger, geboren 1966 in München, ist Geschäftsführerin der Börse München.


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