B.wertet
Liebesheirat

Ist das Modell der Liebesheirat am Ende? Gibt es bessere Modelle? Gerade politisch ist es um die Liebesheirat nicht gut bestellt.
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Mehr als 40 Prozent aller Ehen in Deutschland werden innerhalb eines Zeitraums von 25 Jahren geschieden – insgesamt nähert sich die Zahl der jährlichen Scheidungen der Zahl der jährlichen Eheschließungen immer mehr an. Wir erleben es selbst im Freundes-, Bekannten- und Verwandtenkreis: Die Ehe „bis dass der Tod Euch scheidet“ wird langsam aber sicher zur Ausnahme, nicht mehr zur Regel.

War es noch vor gar nicht langer Zeit undenkbar, dass ein geschiedener konservativer Politiker in höhere Ämter berufen wird, ist das heute nicht einmal für das Amt des Bundespräsidenten ein Hinderungsgrund. Im Gegenteil: Seine Patchwork-Familie wird als beispielgebend für die Realität in Deutschland gesehen. Mit allem Konflikten für Kinder und Eltern in diesen Ehen, die sich im lustigen Patchwork meist weniger schnell zu Recht finden als es den Anschein macht. Mit allen Folgen für die Zukunft – zum Beispiel, welcher Schwiegersohn dann für seine vielleicht zwei Schwiegermütter im Alter aufkommen muss, wer sie im Heim besucht und an wen sie sich erinnern mag.

Ist das Modell der Liebesheirat am Ende? Gibt es bessere Modelle? Ist etwa die Vernunftehe, wie wir sie aus früheren Jahrhunderten kennen, doch das kleinere Übel?

Mein Auslöser, über die Ehe nachzudenken, war aber nicht etwa ein neuer Scheidungskrach in meiner Umgebung, sondern die Politik in Berlin: Dort ist die angekündigte Liebesheirat zwischen Rot und Grün gescheitert, weil man sich über den Ehevertrag nicht einig wurde. Dabei sollte das Rote Rathaus doch den Testlauf geben für die Bundesregierung in Berlin.

Doch auch die nach der letzten Bundestagswahl vollzogene Liebesehe zwischen Schwarz und Gelb im Bund steht eigentlich vor dem Aus. Die Scheidung wurde nur noch nicht eingereicht, weil ein Teil – die FDP – die berechtigte Sorge treibt, dass ihr die Existenzgrundlage in Form von fünf Prozent Wählergunst entzogen wird. Der andere Partner liebäugelt derweilen mal mit einer grünen, mal mit einer roten Braut.

Gegen Rot Rot in Berlin haben sich im übertragenen Sinne die Kinder ausgesprochen, sie wollten kein gleichgesinntes eheähnliches Konstrukt mehr haben.

Nun wird in der Hauptstadt über ein Zweckbündnis, eine Vernunftehe, eine Große Koalition verhandelt. Und seien wir ehrlich, auf Bundesebene kommt uns die Große Koalition im Nachklang geradezu wie eine Musterehe vor – unter Gleichen. Auch wenn wir alle dazu neigen, die Vergangenheit zu verklären.

Genug der Analogien – im Privatleben dürfen wir weiterhin auf den großen Glückstreffer hoffen, Liebe ist das große "Trial and Error" des Lebens, ohne Hoffnung keine Partnerschaft. In der Politik sollten wir uns künftig davor hüten, Liebesheiraten zu erwarten – mir reicht hier eine Vernunftehe alle Mal.

 

Ihre CB  

Christine Bortenlänger, geboren 1966 in München, ist Geschäftsführerin der Börse München.

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Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.
Christine Bortenlänger
/ Gastautorin

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