B.wertet
Polen wird unterschätzt

Vor der Fußball-EM wurde viel über die Probleme Osteuropas berichtet - und wenig über die Potenziale. Dabei sind die Gastgeberländer längst wichtige Partner für Deutschland geworden.
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Europa macht derzeit viel von sich reden, leider stehen dabei Stichworte wie Krise, Schulden, bedrohte Banken, Rettungsschirme, flaue Konjunktur und hohe Arbeitslosenzahlen im Vordergrund. Von Peripheriestaaten und armen Südländern ist hier die Rede – wenig allerdings vom Osten. Gerade auch diese Kolumne widmet sich gerne diesen selbstverständlich wichtigen und für uns alle, die wir in Europa leben und weiterhin leben wollen, wichtigen, ja existenziellen Themen. Auch unsere – ganz überwiegend – geschätzten Kommentatoren, die uns dabei mit vielen guten Vorschlägen und einem gerüttelt Maß an Frust begleiten. Doch ab Freitag wird sich ein anderes Thema zu und über Europa in den Vordergrund drängen – die Fußballeuropameisterschaft.

Auch hier ist im Vorfeld viel über Themen geschrieben worden, die wenig mit Sport zu tun haben: Die zweifelsfrei enorme wirtschaftliche Bedeutung der EM für die austragenden Nationen und – vor allem – für die UEFA sowie das problematische und alles andere als demokratische Regime in der Ukraine.

Aber ab Freitag werden sich die Augen in erster Linie auf die wichtigste Nebensache dieser Welt richten, den Fußball. Noch sind nur wenige Deutschlandfahnen zu sehen, aber spätestens ab dem Wochenende werden sie erneut das Stadtbild und die Autofenster schmücken.

Wir haben uns – was ich für überfällig hielt – seit 2006 endlich wieder einen natürlicheren Umgang mit den Hoheitszeichen unseres Landes angewöhnt. Interessant ist es auch festzustellen, wo in der Nachbarschaft Franzosen, Holländer, Polen oder Italiener wohnen, die man nun aufgrund ihrer patriotischen Beflaggung an den Fenstern erkennt. Die deutsche Nationalmannschaft erfreut sich hoher Sympathie und wir alle drücken gerade dieser ausgesprochen jungen Mannschaft die Daumen, dass sie ihre faszinierende Spielweise auch mit einem Titel krönen kann. Aber selbst wenn unsere Mannschaft scheitert, werden wir mit ihr sein und auf die nächste Chance hoffen. Die nächste Weltmeisterschaft kommt ja auch schon bald.

Die deutsche Nationalmannschaft logiert in einem so noblen wie schönen Hotelkomplex in Danzig. Vielleicht ist dies einmal die Gelegenheit, auf unseren östlichen Nachbarn Polen zu blicken. Seit dem Fall der Mauer und der Öffnung des Eisernen Vorhangs konnten wir erkennen, dass Europa nicht östlich von Deutschland endet und dass weite Teile des „Ostens“ eigentlich mitten in Europa liegen. Polen zum Beispiel gehört zum Kern Europas und wird bis heute in seiner wirtschaftlichen Potenz meist unterschätzt. Dabei wies es in den vergangenen zwanzig Jahren ein durchschnittliches jährliches Wachstum von vier Prozent auf, auch in diesem Jahr wird – trotz europäischer Schuldenkrise – von einem Wachstum von drei Prozent ausgegangen.

Polen entwickelte sich so zum weltweit sechstgrößten Investitionsstandort. Fast ein Drittel der Exporte Polens gehen ins Nachbarland Deutschland. Bei aller Euphorie und Begeisterung für die eigene Mannschaft bieten Europa- wie Weltmeisterschaften immer auch die Gelegenheit, sich mit den Ausrichternationen näher auseinanderzusetzen. Deshalb ist es gut, dass diese EM auch in Polen veranstaltet wird und dass die deutsche Nationalmannschaft dort logiert. Wie auch immer unser Team abschneidet, nicht nur das Hotel nahe Danzig wird daran einen Anteil haben, mit großer Sicherheit auch zwei in Polen geborene junge Fußballer. Drücken wir also auf jeden Fall unserer Mannschaft und auch Polen die Daumen.

Christine Bortenlänger, geboren 1966 in München, ist Geschäftsführerin der Börse München.

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Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.
Christine Bortenlänger
/ Gastautorin

Kommentare zu " B.wertet: Polen wird unterschätzt"

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  • Matze, sie sollten ihre Meinung konkretisieren.
    Danke

  • @matze - wollen Sie ein neues Rapallo und die polnische Passkontrolle am Rhein?

  • hat mir freude gemacht zu lesen. prima, darauf hinzuweise, dass die em dazu beitragen kann, den nicht freien - also eingeschränkten - geostrategischen blick der deutschen öffentlichkeit zu erweitern.
    @PRAWDA mein mitgefühl und verständnis ist auch bei den osteuropäischen ländern und insbesondere polen. die härten des "krieges" sind nun mal in osteuropa ausgetragen worden. drum fordere ich ja hier und an anderer stelle seit einiger zeit endlich faire bedingungen für osteuropa natürlich mit russland - ein neues rapollo.

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