B.wertet

Sind wir böse Spekulanten?

Immer wieder wird der Kampf gegen die Spekulanten als Ziel genannt, das Eindämmen der Spekulation zur Rechtfertigung herangezogen. Aber das ist ein Fehler.
13 Kommentare
Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

Ob bei der Diskussion über die Börsenumsatzsteuer, bei Maßnahmen zur Eindämmung des Hochfrequenzhandels, bei der Infragestellung der Notwendigkeit von Investmentbanken oder der Diskussion der Aufgaben der EZB im Schuldentaumel – immer wieder wird der Kampf gegen die Spekulanten als Ziel genannt, das Eindämmen der Spekulation zur Rechtfertigung herangezogen. Auf der schwarzen Liste breiter Bevölkerungskreise und der Politik scheint der Spekulant einen Spitzenplatz einzunehmen. Spekulanten bereichern sich an unserem sauer verdienten Vermögen und verursachen Finanz- und Wirtschaftskrisen, so könnte man wohl die Volksmeinung auf den Punkt bringen. Doch im eigentlichen Wortsinn bedeutet Spekulation nichts anderes als in Zukunft gerichtetes Handeln. Also heute zu entscheiden, was zu tun ist, wenn sich – zum Beispiel – ein Wertpapier in nächster Zeit so oder eben anders entwickelt. Wirtschaftlich gesehen will der Spekulant einen finanziellen Erfolg aus dieser seiner Entscheidung ziehen, trägt aber auch das Risiko einer immer möglichen Fehlentscheidung. Mittels Information und unterschiedlichster Analysetechniken versucht er, dieses Risiko einzugrenzen. Auf philosophisches Eis – Spekulation als Denken des Ungedachten – will ich mich an dieser Stelle aber lieber nicht wagen.

In diesem Sinne ist aber auch beispielsweise jede Versicherung Spekulation. Wir entscheiden heute, einem Unternehmen Geld zu zahlen, damit wir bei Eintreten eines bestimmten Ereignisses daraus resultierende Verluste erstattet bekommen. Anders ausgedrückt: Wer zum Beispiel eine Glasbruchversicherung abschließt, "spekuliert darauf", dass Glas bricht – sonst hat er ja "fehlinvestiert" und ohne Grund seine Police bezahlt. Wer keine Haftpflichtversicherung abschließt, "spekuliert darauf", dass ihm schon kein Missgeschick passiert. Und die Versicherung "spekuliert" mit dem angelegten Geld, damit sie im Notfall auch über genügend Kapital verfügt, den Schaden zu bezahlen. Sind das immer alles böse Spekulanten, sind wir also mehr oder weniger alle Spekulanten? Wo beginnt Spekulation im landläufig verwendeten Sinne? Gibt es eine Grenze, ab der vorausschauendes Handeln unanständig wird? Ist die Geldanlage auf dem Sparbuch auch "Spekulation"?

Die Unternehmensgründung ist die größte Spekulation
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13 Kommentare zu "B.wertet: Sind wir böse Spekulanten?"

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  • @popper: Realwirtschaftlicher Nutzen einer Fussballwette - warum nicht wenn es den Beteiligten Spass macht? Komme doch bitte keiner mit der Erklärung alles Handeln muss einen irgendwie gearteten Nutzen haben. Eine Oper oder modernes Theater hat für mich nullkommanull Nutzen; trotzdem ein Big Business.

    Analog dazu von einer Pervertierung des Finanzmarktes zu sprechen ... das ganz Spiel geht nur wenn eine Firma, Staat, Land, Kommune sich so bescheuert verhält dass die jeweilige Institution auch anderweitig über kurz oder lang über den Jordan gegangen wäre. Weiß nicht wer hier der Perversere ist.

  • @Weekend: Für wie dumm halten Sie uns eigentlich dass Sie uns so eine abenteuerliche Spekulation der Tatsachen andrehen? Ich kaufe diese abstrusen Sinnverdrehungen nicht! Im Übrigen ist der Verweis auf "früher war alles besser" keinen Deut besser. Sie haben ja glücklicherweise die Freiheit sich ein "einfacheres Leben" anzutun um dann mal zu merken um wie viele banalere, aber lebenswichtige Dinge Sie sich tagtäglich selbst kümmern müssten.

  • ..jaja. Und wer jede Woche einen Lottoschein ausfüllt und darauf spekuliert, ein paar Richtige zu treffen: Überflüssige Spekulation, verbieten! Und wer im Sommer seinen Heizöl-Tank füllt, weil er darauf spekuliert, dass das Öl im Winter teurere wird: Vebieten! Und wer eine Frau heiratet, weil er darauf spekuliert, mit ihr glücklich zu werden: Verbieten!

  • Frau Bortenlänger spielt mit Begriffen und bleibt dabei äußerst ungenau. Es geht nicht um "die" Spekulanten und wer alles spekuliert, sondern um die Unterscheidung zwischen Geld-Anlagen, die einen realwirtschaftlichen Erfolg herbeiführen sollen und reiner Spekulation auf Rendite. Frau Bortenlänger wird niemandem erklären können, welchen realwirtschaftlichen Nutzen ein von der Deutschen Bank emittiertes Zertifikat haben sollte, mit dem man darauf wetten kann, wer Fußball-Weltmeister wird. Zwischen guten und bösen Spekulanten zu unterscheiden ist ebenfalls nicht besonders sinnvoll, denn jeder tut nur das, was alle Spekulanten tun, sie spekulieren auf Gewinn oder auch auf Verlust, um daraus einen Vorteil zu ziehen. Spekuliert aber einer auf den Verlust von etwas, das er gar nicht besitzt (CDS), dann ist das die Pervertierung des Finanzmarktes.

  • Frau Bortenlänger, ich stimme ihnen zu, die Spekulation an sich und auch Lehrverkäufe (ausser vielleicht naked) haben einen wirtschaftlichen Sinn und dienen einer effizienten Preisfindung.

    Die Politik nutzt die Märkte und Spekulanten gerne als das personalisierte Böse, will aber doch nur von ihrem eigenen Versagen ablenken.

    Der Euro leidet zB nicht an einer Spekulation gegen sich, sondern an einer Vertrauenskrise in die Bonität der PIIGS. Zu recht übrigens, wenn man sich die Dynamik der Leisungs- und Kapitalbilanzen anschaut.

    Trotzdem sind die Summen (700 Bill. $) an Derivaten, die weltweit gehandelt werden, ein Grund zu grosser Sorge. Damit werden meiner Meinung nach durchaus Preise von Aktien, Rohstoffen und Edelmetallen in die gewünschte Richtung geschoben und Kleinanleger und Sparer im großen Stil abgezockt.

  • @Weekend: Sie sind ja ein besonders Schlauer! Glauben Sie denn, es würde noch jemand einem Unternehmen bei der Emission Geld zur Verfügung stellen, wenn er wüßte, daß es keinen Sekundärmarkt gibt, er also die Aktien zu einem späteren Zeitpunkt nicht wieder verkaufen kann, wenn er das Geld braucht? Und wie soll es diesen Sekundärmarkt geben, wenn es niemanden geben sollte, der die Aktie kauft und glaubt, damit noch Gewinn machen zu können?

  • Tut mir leid, ich kann dem Artikel nichts Positives abgewinnen. Er stellt die Spekulationen nur einseitig dar und möchte mit an den Haaren herbeigezogene Beispielen das eigene Handeln, das Spekulieren, rechtfertigen.
    Ähnlich argumentativ geht auch jeder X-beliebige Steuerhinterzieher vor.

    Meiner Meinung nach ist das Problem, dass sowohl die Steuerhinterziehung als auch das Spekulieren absolut die eigenen Interessen verfolgt und jegliche Auswirkungen auf die Mitmenschen und die Umwelt ausblendet, aber wir sind nun mal nicht alleine auf der Welt!

    Um jedoch auf den Artikel zurückzukommen:
    Der Kauf von Aktien ist ja wunderbar, aber von der Emission der Aktien erhält das Unternehmen nur EINMAL Geld. Auch ist es dem heutigen Aktienhändler doch egal, was das Unternehmen damit macht, es geht doch nur um den eigenen Profit, der durch eine möglichste schnelle Kurssteigerung nach Kauf der Aktie realisiert werden kann.
    Das hat also überhaupt nichts mit der Tätigkeit des Unternehmens und Arbeitsplätzen zu tun.

    Abschließend möchte ich noch anmerken, dass der Handel an sich Jahrtausende OHNE die Börse, Aktienhandel etc. auskam und die Menschen konnten trotzdem leben.
    Die Möglichkeit auf zukünftige Erträge zu wetten, wurde somit nur eingeführt, um ohne Arbeit trotzdem mitzuverdienen. Das ist für mich wahre Sozialschmarotzerei!

  • "...Wer keine Haftpflichtversicherung abschließt, spekuliert darauf", dass ihm schon kein Missgeschick passiert..."
    Diese Aussage kann ich nicht teilen: Vielmehr ver"pflicht"et ihn der Gesetzgeber doch eine solche Versicherung abzuschließen: Nach der Autorin also zu spekulieren. Im Rahmen der Pflicht eine Krankenversicherung - ob gesetzlich oder privat - abzuschließen, müssen wir auch spekulieren. Wohl darauf das wir als Einzelner möglichst mehr Geld an das Gesundheitssystem (Ärzte, Krankenhäuser, Pharmafirmen usw.) zahlen müssen, als wir in die Krankenversicherung einzahlen. Was mich immer wieder beruhigt ist, dass der Markt anders denkt und nicht nur "rational" sondern auch gefühlsmäßig entscheidet.

  • Probleme tauchen auf wenn wie heute, unheimlich große vermögen in einer überschaubaren gruppe Menschen versammelt ist und die damit Schindluder treiben....

    Wir können doch glücklich schätzen, das unsere Unternehmer und Handelnden sich noch unterscheiden in Ihrem tun von den Drüben...

    das lustigste ist das die die immer gefordert habn nach der Wende "last den markt machen".... nun gerettet wurden..... "sonst ginge die welt unter" ..... oder Neusprech "Alternativlos"..

  • sehr richtig, viele Aspekte im Leben sind schlicht und einfach Spekulation! Der Spekulant in Europa hat aktuell nur deshalb einen schlechten Ruf, weil Politiker, vor allem der Krisenländer, durch jahrelange Misswirtschaft vom eigenen Misthaufen ablenken wollen, und da bietet sich der "böse Spekulant" geradezu an!
    vielen Dank für diesen Beitrag
    unterhofer klaus bozen

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