Connellys Corner
Zu früh gefreut

Nach der Lehman-Pleite wähnten Versicherer ihre Produkte als Gewinner gegenüber anderen Anlageformen. Das war ein Trugschluss.
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Dortmund war in den letzten Tagen Nabel der deutschen Versicherungswelt. Die dort stattfindende Versicherungsmesse DKM führte wieder tausende von Versicherungsmaklern in den Ruhrpott.  Natürlich dient die Messe vordergründig der Information und  des Gedankenaustausches.   Versicherer überbieten sich jedes Jahr mit immer grandioseren Ständen, die Berater mit allerlei Kostenfreiem anlocken, Freibier inklusive. Ach ja, und  es ist fast selbstredend, dass Damen dort primär als Hostessen zum Einsatz kommen. Aber das Thema hatten wir schon letzte Woche.

Den Wirbel um die DKM erinnerte mich an Gespräche, die ich dort unmittelbar nach der Lehman-Pleite 2008 mit Vertriebsverantwortlichen von Versicherungsgesellschaften führte. Meine Frage, ob Auswirkungen auf das eigene Geschäft befürchtet werden, wurde verneint. Das beträfe doch nur Banken und Fondsgesellschaften. Aha. Die Aussage erschien mir damals schon etwas naiv. Klar, die Versicherer erhofften sich von dem erneuten Absturz der Aktienmärkte  und Pleiten bei Zertifikaten einen Aufschwung für ihr Geschäft mit den „sicheren“ Kapitallebensversicherungen. Das bis dahin endlich ins Laufen gekommene Geschäft mit Fondspolicen war vielen ohnehin suspekt.

Berater, die Kunden fondsgebundene Lebens- oder Rentenversicherungen angeboten hatten, gerieten mit fallenden Märkten in Erklärungsnot. Die erwartete Rendite, das schlagenden Argument gegenüber den langweiligen Kapitallebensversicherungen, war dahin. Und somit brach der Umsatz bei fondsgebundenen Versicherungen in den Folgejahren drastisch weg. Das ist sehr bedauerlich aber symptomatisch für den Kenntnisstand deutscher Anleger und Berater. Zugegeben, eine Direktanlage in Fonds ist die kostengünstigste Alternative für einen Anleger. Aber dass eine Vielzahl an Beratern, und das sind nun mal die Versicherungsmakler, sich dem anlegerfreundlichen Produkt Fonds in der Verpackung einer Versicherung zugewandt haben, war ein gigantischer Fortschritt.

Der erwartete Umsatzschub bei Kapitallebensversicherungen blieb aus. Es gibt mehrere Gründe, aber nennen wir zwei davon. Zum einen, weil das in der Vergangenheit beliebte Steuervergünstigungselement weitestgehend wegfiel. Und zum anderen, dass mit der Krise niedrige Zinsen angesagt waren und sind. Und diese machen es den Versicherern  schwer, den nochmals abgesenkten gesetzlichen Mindestzins von aktuellen 2.25 % für ihre Kunden zu erzielen.  Eine beliebte Anlage der Versicherer sind langjährige, deutsche Staatsanleihen. Diese rentieren bekanntlich bei unter 2%. Alternative Staatsanleihen waren und sind gefragt. Und deren Problematik brauche ich an dieser Stelle sicherlich nicht zu erwähnen. Bleibt zu hoffen, dass die Aktuare der Versicherungen die Zusammenhänge internationaler Kapitalmärkte besser einzuschätzen wissen als ihre Vertriebsverantwortlichen. Denn wir wollten ja nicht, dass Vorfreude in Schadensfreude verfällt.

Anne Connelly ist Marketingdirektorin Europa von Morningstar. Bevor sie 2001 zu dem internationalen Researchhaus wechselte war sie unter anderem bei der Fondsgesellschaft Pioneer Investments in verschieden Positionen tätig.

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  • Es freut mich, dass eine ehemalige Fondsmanagerin hier Werbung in eigener Sache machen darf und offen oder unterschwellig vermittelt, dass Fonds doch einen viel höheren Wertzuwachs hätten, wie festverzinsliche Produkte. Tatsache ist: In den letzten 10 Jahren gabs beim DAX keine nennenswerte Rendite. Zieht man die überhöhten Gebühren fürs Fondsmanagement ab, so bleibt doch oft zu sagen: Außer Spesen nichts gewesen! Und dass 70% der Fonds auch noch schlechter sind, als ihr zugrunde liegender Index, wird leider viel zu wenig erwähnt. Da ist doch die Garantieverzinsung und der Boni oben drauf auf einmal deutlich interessanter, als ihre Investmentfonds. Reden sie es sich nicht schön: Die Märkte sind schon längst ausgelutscht und durch Unsummen an Giralgeld, die es nur auf dem Papier gibt, völlig aufgebläht. Zurück zu alten Werten. Und nein, das ist keine Lobeshymne auf die klassische Rentenversicherung. Es ist nur ein Denkanstoß für diejenigen, die sich mit solchen "Berichterstattungen" selbst in die Tasche wirtschaften oder wirtschaften lassen.

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