Der Finanzlotse
Die Ära der Blasen

Vieles spricht dafür, dass wir unabhängig von der Geldpolitik vor einem Zeitalter anhaltend niedriger Zinsen und immer neuer Vermögenspreisblasen stehen – mit schwerwiegenden Konsequenzen für Privatanleger.
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Wenn über die Folgen der Finanz- und Staatsschuldenkrise gesprochen wird, ist häufig von „finanzieller Repression“ die Rede. Man spricht von diesem Phänomen, wenn die Zinsen, die man auf risikoarme Anlagen wie Tages- und Festgeld oder auch auf deutsche Bundesanleihen erhält, unter der Inflationsrate liegen. In diesem Fall kommt es zu einer „schleichenden“ Entwertung von Kapital.

In Deutschland gehört es quasi zum guten Ton, den schwarzen Peter dafür der Europäischen Zentralbank (EZB) und der amerikanischen Federal Reserve (Fed) zuzuschieben. Die Erklärung klingt logisch: Die Währungshüter haben die Leitzinsen schließlich auf Rekordtiefs gesenkt.

Das ist gut für Schuldner. Denn sie müssen tendenziell weniger Zinsen für Kredite berappen. Es ist aber schlecht für Gläubiger. Zu dieser Gruppe gehören auch all jene, die ihr Geld in risikoärmere Zinsprodukte wie Sparkonten und Lebensversicherungen investieren. Die Deutschen haben rund 80 Prozent ihrer Ersparnisse in solche Anlagen gesteckt. Sie sind also Gläubiger im großen Stil.

Dementsprechend hoch schlagen die Wogen, wenn es hierzulande um die Niedrigzinspolitik der EZB geht. Manch einer wirft ihr gar eine „kalte Enteignung“ vor. Kein Wunder, wenn stimmt, was Volkswirte der Unternehmensberatung McKinsey ausgerechnet haben. Danach sind die kumulierten Zinseinnahmen der privaten Haushalte in der Euro-Zone infolge ultraniedriger Zinsen zwischen 2007 und 2012 netto um 160 Milliarden Dollar gesunken.  Aber stimmt es wirklich, dass vor allem die Notenbanken für reale Vermögensverluste von Millionen Sparern verantwortlich sind?

Viele amerikanische Ökonomen, darunter auch der frühere Chef der US-Notenbank Ben Bernanke, vertreten eine andere Theorie. Demnach haben einige bedeutende Wirtschaftsnationen seit den 1990er-Jahren gigantische Sparüberschüsse angehäuft, darunter Deutschland und China. Diese seien ein Spiegelbild entsprechender Überschüsse in den Leistungsbilanzen und in erster Linie für die Kapitalflut verantwortlich, die seit mehr als zwei Jahrzehnten die Finanzmärkte überschwemmt.

Wenn mehr gespart wird als Investitionen geplant sind, kann das unterschiedliche Ursachen haben. Zum Beispiel die stärkere private Altersvorsorge im Zuge der demographischen Entwicklung. Oder der technologische Fortschritt: Im Zuge der Automatisierung und Digitalisierung entstehen zahlreiche neue Industrien, die für die Herstellung ihrer Produkte deutlich weniger Kapital benötigen als das in der Wirtschaftswelt des 20. Jahrhunderts der Fall war.

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  • Steigende Verschuldung fuehrt immer zu hoeheren Zinsen um fuer das steigende Kreditausfallrisiko zu kompensieren. Ist diese Kompensation unzureichend, geben private Anleger solange keinen Kredit, wie sie Anlagealternativen haben. Damit sich Staaten in Konkurrenz zu Anlagealternativen weiterhin finanzieren koennten, muessten also die Zinsen steigen. Steigende Zinsen wuerden aber den Finanzierungsnotstand der Staaten verschaerfen. Um ein Steigen der Zinsen zu verhindern, schaffen Notenbanken zusaetzliche Liquiditaet, treten direkt oder indirekt (ueber Banken) als Nachfrager von Staatstiteln auf und springen damit fuer die streikenden Privateanleger ein.

    Gaebe es wirklich die bahauptete Kapitalschwemme, wuerde ein Teil des Ueberschusses auch bei niedrigen Zinsen zwangslaeufig in die Staatsfinanzierung fliessen. Der Liquiditaetsstrom durch die Notenbanken waere dann nicht notwendig.

    Die Liquiditaetsschwemme der Notenbanken ist offensichtlich. Die “Kapitalschwemme” gibt es genauso wenig wie die “Kreditklemme".

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