Der Finanzlotse
Ein Programm gegen Zukunftsangst  

Die Deutschen scheuen langfristige Kapitalanlagen und verschenken dadurch jedes Jahr viele Milliarden Euro. Der monströse Anlegerschutz fördert diesen Irrsinn noch.
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Das Licht am Ende des Tunnels ist für die EU-Kommission unübersehbar. Selbstbewusst pochten die EU-Kommissare auf der gerade zu Ende gegangenen Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds in Washington darauf, dass die Finanz- und Schuldenkrise in Europa das Schlimmste hinter sich habe. Von jetzt an gehe es wieder aufwärts mit den europäischen Krisenländern, lautete ihre Botschaft.

Wenn es denn tatsächlich so ist, dass die Politiker die Feuerpatschen in die Ecke stellen und zu einer mehr strategisch ausgerichteten Wirtschafts- und Finanzpolitik zurückkehren können, dann gibt es einiges zu tun.

Lässt man die Rückkehr zu normalen Verhältnissen in der Geldpolitik einmal außen vor, weil das ja vor allem eine Aufgabe der Europäischen Zentralbank ist, so stehen für mich vor allem zwei Themen auf der Agenda von Politik und Finanzindustrie: Die Etablierung eines neuen „normalen“ Verhältnisses zwischen Politik und Finanzindustrie und die Überprüfung der Regulierungsvorschriften, insbesondere im Hinblick auf einen wirklich sinnvollen Anlegerschutz.

Der Grund dafür liegt auf der Hand. Notwendige Voraussetzung jeder wirtschaftlichen Erholung ist, dass die Bürger wieder Vertrauen in die Arbeit von Politik und Finanzindustrie fassen. Davon kann jedoch aktuell weder in Europa , noch in den USA die Rede sein.

Im Gegenteil, das Misstrauen ist riesengroß und es wird auch dadurch geschürt, dass die Finanzindustrie weiter skandalöse Missgriffe macht – Stichwort Marktmanipulationen – und die Politik nur allzu gern mit verbalen und gesetzgeberischen Attacken gegen die Finanzindustrie von eigenem Fehlverhalten abzulenken versucht. Letzteres hat man besonders im Getöse des Bundestagswahlkampfs erfahren.

Damit das auch ganz klar ist: Es geht nicht darum, Dinge unter den Teppich zu kehren oder eine neue Art von Kungelwirtschaft zwischen Politik und Finanzindustrie zu etablieren. Es geht darum, die aus dem gestörten Verhältnis resultierenden deutlich sichtbaren Schäden für die Allgemeinheit, also die Bürger, zu beseitigen.

Kommentare zu " Der Finanzlotse: Ein Programm gegen Zukunftsangst  "

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  • Das sehe ich grundsätzlich auch so, wobei ich eher von einem Versuch sprechen würde.

    "Das Deutsche Aktieninstitut hat kürzlich festgestellt, dass etwa jede 7. deutsche Bank oder Sparkasse wegen der bürokratischen Regulierung inzwischen auf die Aktienberatung verzichtet.
    So ärgerlich es für den Anleger ist, wenn Banken nur noch Sparprodukte oder risikoarme Staatspapiere empfehlen, die bestenfalls den Inflationsverlust ausgleichen, so schädlich ist das für die Volkswirtschaft als Ganzes."

    Gerade das ist doch das Ziel. Wenn die Anlageberater mit einem Bein im Knast stehen, es sei denn, sie empfehlen die Staatspapiere mit Null-Zinsen, dann ist doch das Beratungsergebnis vorgegeben.

    Der Staat kann dem Sparer den Zins verweigern und die Richter klatschen noch Beifall, weil deren Gehälter daraus bezahlt werden.

    Das größte Problem ist natürlich, was Herr Walter richtig feststellt, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Anlegern und Politik und Finanzindusrie zerstört ist. Zugegeben, umgekehrt ist das Vertrauensverhältnis zwischen Politik und Finanzindustrie um so besser. Der Künde ist in einer Lage, aus der er sich scheinbar eigenständig nicht befreien kann.

    Was fehlt ist einer der auf den Tisch haut und "Schluß" erklärt. Dann könnte es in wieder aufwärts gehen. Die Politik hat aus den 30igern nichts gelernt.

  • Das ist doch wieder Lobby-Arbeit vom feinsten!

    "Mehr als 40 Prozent des Geldvermögens der Bundesbürger liegen nahezu zinslos irgendwo auf Halde. [...] Das Interesse an einer langfristigen Geldanlage, insbesondere für die Private Altersvorsorge, sinkt seit Jahren beständig, eben weil es an Vertrauen fehlt."

    Ja, es fehlt an Vertrauen! Aber an Vertrauen den Versicherungs- und Bankberatern gegenüber! Täglich wird versucht den Bürgern private Renten zu verkaufen, deren inflationsbereinigte Verzinsung irgendwo unter 1% liegt. Alternativ kann in riskantere Vorsorgeformen angelegt werden. Die Kunden werden aber meistens nur unzureichend oder unverständlich über die Risiken informiert. Wenn man die Risiken nicht kennt oder beurteilen kann, ist es eine kluge Entscheidung nicht zu investieren und - trotz geringer Verluste - auf bessere Chancen zu warten. Eine Altersvorsorge ist nichts womit man spielen kann. Warum sollte man also in riskante Anlagen zur Vorsorge gehen? Rational ist das nicht zu begründen.

    Viel mehr sind es die Banken und die fehlenden Finanzreformen, die hier das Problem darstellen. Aktien sind zur Finanzierung der Unternehmen dar, um deren Innovationstätigkeit zu fördern und langfristig die Wirtschaft zu pushen. Dafür sind Unternehmensanalysen und langfristige Anlagen notwendig. Konträr dazu wächst weltweit der Anteil des Hochfrequenz-Handels. Kurzfristig sollen in Millisekunden Spekulationsgewinne abgeschöpft werden. Da kann kein Kleinanleger mithalten und wird ausgebotet.

    Solange die Kapitalmärkte so an Ihren Aufgaben vorbeiarbeiten, wird sich an dem Anlegerverhalten nichts ändern. Niemand kann leichtfertig mit seiner Rente umgehen. Warum sollte man sich dann übereilt auf riskante Anlagen einlassen; zumal ein wesentlicher Teil der Überschüsse in erster Linie von Transaktions- und Verwaltungskosten verzehrt werden!

  • Wo sollen denn diese Milliarden verschenkte Zinsen herkommen?
    Man müsste sie ja irgendjemanden wegnehmen.

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