Der Finanzlotse
Nie mehr in Rente, die Zweite

Die Rente mit 63 belegt eines: Die Politik will den demografischen Wandel nicht wahrhaben. Dabei überlebt unser umlagefinanziertes Rentensystem nur, wenn die Deutschen länger arbeiten. Anreize dafür müssen endlich her.
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Das jüngste Politbarometer vom ZDF hat es erneut bestätigt: 73 Prozent der Bundesbürger finden die Rente mit 63 gut. Damit ist die Sache auf längere Sicht aber noch nicht in trockenen Tüchern. Das bittere Ende wird kommen, wenn in den nächsten fünf bis zehn Jahren immer mehr der so genannten Babyboomer in Rente gehen. Wie gewagt die Rente mit 63 ist, zeigt ein Blick in die vom Statistischen Bundesamt herausgegebenen demografischen Daten bis 2030.

Bis dahin wird die Zahl der arbeitsfähigen Bundesbürger zwischen 20 und 65 um 7,5 Millionen oder 15 Prozent abnehmen. Dagegen wächst die Zahl der über 65-Jährigen um ein sattes Drittel oder fast sechs Millionen. So gewaltig hat sich die deutsche Bevölkerungsstruktur in so kurzer Zeit noch nie verändert. Das wird zwangsläufig gravierende Auswirkungen auf unser Rentensystem haben.

Als Folge davon wird sich das Verhältnis von Arbeitnehmern zu Rentnern von aktuell etwa vier zu eins auf zwei zu eins verringern. Soll das Leistungsniveau der gesetzlichen Rente erhalten bleiben, müssten sich rechnerisch die Rentenbeiträge der Arbeitnehmer von derzeit knapp 20 Prozent auf etwa 40 Prozent verdoppeln.

So etwas anzunehmen, ist vollkommen unrealistisch, wer wollte unter solchen Bedingungen denn überhaupt arbeiten? Aber daran zeigt sich deutlich, dass unser Rentensystem Renovierungsbedarf hat und zwar einen ganz anderen, als die Rente mit 63.

Um einen Kollaps des Rentensystems ohne weitere große Leistungseinbußen zu vermeiden, gibt es theoretisch nur drei Möglichkeiten: Verbreiterung der Finanzierungsbasis, mehr Einwanderung, längere Arbeitszeiten.

Aktuell zahlen in Deutschland rund 30 Millionen Arbeitnehmer in die Sozialversicherungen ein. Das Heer der Beamten und die Selbständigen gehören nicht dazu. Die mit zur Finanzierung heranzuziehen, hat aber noch keine Bundesregierung gewagt.

Auch Einwanderung scheint kein Weg aus dem Dilemma zu sein. Die Bundesregierung geht davon aus, dass bis 2030 nur drei Millionen Menschen nach Deutschland kommen. Selbst wenn alle arbeiten würden, könnte der Arbeitskräfteschwund so nicht einmal zur Hälfte ausgeglichen werden.

Bleibt also die dritte Lösung: Viele von uns werden mehr arbeiten müssen und erst später in Rente gehen können. Dazu gehört aber unweigerlich, dass es für Menschen, die im Rentenalter arbeiten können und wollen, attraktiv sein muss, das auch zu tun.

Das ist aber in Deutschland längst nicht der Fall. So darf ein Betrieb einen Rentner nur dann befristet einstellen,  wenn er neu von außen kommt.  Dort, wo er zuvor jahrelang gearbeitet hat, ist eine Befristung nicht erlaubt. Politik und Gewerkschaften wollen so alles schön im Griff behalten. Die Regelung wirkt heute aber fatal: staatlich gefördert werden ältere, arbeitswillige Menschen ausgegrenzt.

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Rentenverzicht, ein mieses Geschäft

Kommentare zu " Der Finanzlotse: Nie mehr in Rente, die Zweite "

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  • Bei den Einwanderern muss oder sollte man doch annehmen dass sie irgendwann arbeiten.
    Wie viele Einwanderer kommen ist genau so ein Zahlenspiel, wie das angebliche Demografieproblem.
    Bei der Demografielüge geht man immer davon aus, dass die Rentner ewig leben, und es in Deutschland einen massiven Wegfall von Arbeitsplätzen gibt.

    In allen Diskussionen über die "Bezahlbarkeit der Rente in Zukunft" wird immer wieder festgestellt, dass alle in ein Rentensystem einzahlen sollen. Nur wird diese Option von der Politik verdrängt.
    Nur wäre dies die plausibelste und sofort wirkende Möglichkeit etwas zu verbessern.
    Genauso gehören alle in einem Krankenversicherungssystem versichert.

  • Im Übrigen wäre ich für eine Wiederaufnahme des Generationenvertrages. Auf der einen Seite des Vertrages sehe ich die Eltern, auf der anderen Seite deren Kinder. Jeder tritt mit seiner Geburt auf der Seite der Zahler für seine Eltern ein. Das ist ja wirklich so.
    Kinderlose sparen sich die gesamten Erziehungsmühen und -kosten, und sind so also nur Zahler für ihre Eltern. Sie haben aber auch so viel Vermögen übrig (im gegensatz zu Kindern) dass sie selbst vorsorgen können.

  • "Sozialismus ist in der Vergangenheit immer gescheitert."

    Naja, und das stimmt eben gerade hier nicht. Wieso war die Geburtenrate im Osten denn vor der Wende höher als bei uns, wohl über 2 und ist mit der Wende auf unser Niveau und darunter eiingebrochen??

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