Der Finanzlotse
Nie mehr in Rente

Die Zahl der Berufstätigen im Rentenalter steigt weltweit. Das hat nicht nur finanzielle Gründe. Die in die Jahre gekommenen Babyboomer definieren ihren dritten Lebensabschnitt neu.
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Warren Buffett (83) macht es, George Soros (83) ebenso wie Karl Lagerfeld (80) und Hartmut Mehdorn (71). Sie arbeiten, obwohl sie längst das Rentenalter erreicht haben - und sie denken nicht daran aufzuhören. Das könnte man als Marotte einiger superreicher alter Männer abtun, die nicht loslassen können, die ihre Arbeitswelt brauchen wie eine Droge, um weiter als wichtige und bedeutsame Person öffentlich wahrgenommen zu werden.

Tatsächlich ist das aber alles andere als eine elitäre Marotte, sondern ein weltweit verbreitetes Phänomen. Sogar in Deutschland, wo vor wenigen Wochen noch über die von der Großen Koalition eingeführte Rente mit 63 gejubelt wurde. Natürlich ist der Jubel erklärbar, weil die Rentenreform handfeste finanzielle Vorteile bietet. Allerdings ist damit nicht gesagt, dass die davon Begünstigten automatisch nicht mehr arbeiten und mit 63 nur das Rentnerdasein genießen möchten.

Deutlich zeichnet sich ab, dass die starren Regeln beim Eintritt in das Rentenalter immer mehr Menschen nicht passen. Rund 1,3 Millionen Menschen im Rentenalter sind hier zu Lande berufstätig, mehr als doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Die stereotype Antwort der Gewerkschafter und Sozialpolitiker, das sei doch nur Folge der Leistungskürzungen bei der gesetzlichen Rente, ignoriert vollkommen, dass es auch andere wichtige Gründe für eine längere Berufstätigkeit gibt.

Wissenschaftliche Studien von Universitäten und viele andere Untersuchungen zeigen, dass sich die meisten Menschen Illusionen über die Wonnen des Ruhestands machen, selbst wenn er finanziell gut abgesichert ist. Die Aussicht auf 20 oder gar 30 Jahre Freizeit mag für einen heute Berufstätigen äußerst verlockend sein. Aber das scheint sich dann doch recht rasch zu ändern. Bereits ein Jahr nach dem Wechsel in die Rente konnten sich laut einer Untersuchung der Universität Bremen deutlich mehr finanziell abgesicherte Facharbeiter eines großen Unternehmens gut vorstellen, wieder berufstätig zu werden.

Woran auch immer es liegen mag, dass Rentner im Schnitt nicht zufriedener sind als andere Altersgruppen. Außer finanziellen Aspekten spielen Kontakte, Wertschätzung und die Möglichkeit, berufliche Erfahrungen weiterzugeben, eine zunehmend wichtigere Rolle bei der Entscheidung, länger zu arbeiten.

Kommentare zu " Der Finanzlotse: Nie mehr in Rente"

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  • " Die meisten Arbeitnehmer wünschen sich keine starren Regeln, sondern vielmehr flexible Arbeitsmodelle, vor allem in den letzten Berufsjahren. Die sollten ihnen dann aber auch die Möglichkeit einräumen, bis 65 oder sogar noch deutlich länger arbeiten zu können."

    Herr Walter, Sie waren der Vorstandvorsitzende der Dresdner Bank AG. Diese Bank gibt es heute nicht mehr. Viele Mitarbeiter haben ihren Job verloren, wurden von Ihnen bzw. in Ihrem Auftrag gekündigt.

    Verstehen Sie dies als ein flexibles Altersmodell?

    Ich denke, dass Sie vielen den "goldenen Handschlag" verwehrt haben, den man Ihnen gegeben hat. Ihr Beitrag wirkt zynisch, wenn man Ihren Job von zuvor kennt. Solche Themen sollten Sie meiden. Sie werfen sogar rückwirkend ein schlechteres Licht auf Sie als Sie tatsächlich in der Realität hatten.

  • Ich bin so ein Babyboomer und will nicht mehr für die Bankster und das Politbüro arbeiten!

  • Ich kann die Babyboomer-Rentner sehr gut verstehen, gönne ihnen eine längere Berufstätigkeit von Herzen und glaube, daß 20-30 Jahre Rentenalter einfach zu lang sind. Aber: wenn alle Älteren auf ihren jeweiligen "Posten" bleiben, bekommen die Jüngeren nie eine Chance. Abgesehen davon, daß es zermürbend sein kann, seine besten Jahre und weit darüber hinaus in der Warteschleife der zweiten Reihe zu vertändeln (Prinz Charles-Phänomen), ist es auch für die Gesellschaft schlecht, wenn die potentiell Nachrückenden erst immer später Verantwortung übertragen bekommen. Erstens bewirkt das eine "Vergreisung" gesellschaftlicher Entscheidungen und Weichenstellungen. Dies ist bereits jetzt spürbar: zukunftsgewandte Richtungsentscheidungen und entsprechende Investitionen sind zumeist Fehlanzeige. Zweitens haben die Jungen keine Chance in Verantwortung hineinzuwachsen, weil die Babyboomer-Schicht unter Anwendung der Spielregeln ihrer Generation alles unter sich ausmacht.
    Diese Seite der Medaille lassen Sie komplett außer Betracht. Dies ist symptomatisch für die Selbstgenügsamkeit Ihrer Generation.

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