Der Finanzlotse
Schnurstracks am Problem vorbei

Die aufgeregte Debatte über G8 oder G9 verdeckt, dass deutsche Schüler die Schule als wirtschaftliche und finanzielle Analphabeten verlassen. Das zu ändern, wäre viel wichtiger als die Dauer der Schulzeit.
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Glaubt man Umfragen, dann wollen 75 Prozent der Deutschen, dass die Gymnasialzeit wieder auf neun Jahre aufgestockt wird. So eine Quote löst bei Politikern stets einen starken Impuls zum Handeln aus – wie jetzt aktuell in Niedersachsen. Dort wird die auf acht Jahre verkürzte Gymnasialzeit abgeschafft, weil G8 doch „frappierende Nebenwirkungen“ habe. Abiturienten brächten zum Beispiel nicht mehr dieselbe Reife mit wie vorher, als noch neun Jahre am Gymnasium geschult wurde.

Mal abgesehen davon, dass es höchst betrüblich wäre, wenn unsere Kinder mit 17 oder 18 Jahren schon „ausgereift“ wären, und sie ihre Jugendlichkeit bereits über Bord geworfen hätten; die Debatte über G8 oder G9 geht aus meiner Sicht schnurstracks am wahren Kern des Problems vorbei.

Wenn denn der alte Spruch „Nicht für die Schule lernen wir, sondern für das Leben“ auch heute noch gilt, dann kann die Dauer der Schulzeit nie und nimmer ausschlaggebend dafür sein, wie wir später im Leben zurechtkommen.

Dafür verantwortlich sind in erster Linie die Lernziele, die dann natürlich auch die Lerninhalte maßgeblich bestimmen. Doch darüber, ob die heute amtlich vermittelten Lernziele und -inhalte den jungen Menschen das notwendige Rüstzeug mitgeben, um in ihrem späteren Leben gut zurechtzukommen, wird in der breiten Öffentlichkeit längst nicht so intensiv diskutiert.

Ich kann und will an dieser Stelle nicht zu einem Rundumschlag ausholen, sondern mich auf ein Thema konzentrieren, das bei den Herausforderungen im beruflichen wie privaten Leben eine gewichtige Rolle spielt: Die wirtschaftliche und finanzielle Bildung unserer Kinder.

Es ist nahezu gleichgültig, welche Untersuchung man zu Rate zieht, das Ergebnis ist immer ernüchternd. Die Wirtschafts- und Finanzkompetenz der jungen Menschen (und nebenbei: auch die der erwachsenen Bevölkerung) ist grottenschlecht. So schlecht, dass das Kompetenzniveau in Untersuchungen gar als wirtschaftliches und finanzielles Analphabetentum bezeichnet wird.

Zwei von drei jungen Menschen können sich unter dem Prinzip von Angebot und Nachfrage nichts vorstellen, mehr als die Hälfte kann die Begriffe Inflation oder Rendite nicht erklären und 80 Prozent haben keine Ahnung davon, was an der Börse vor sich geht und wozu die überhaupt da ist. Erschreckend dabei ist, dass sich die Ergebnisse von aktuellen Untersuchungen und denen von vor mehr als zehn oder zwanzig Jahren bestenfalls in Nuancen unterscheiden.

Ein irrwitziges Bildungsdefizit

Bisher sind die staatlichen Ausgaben für Bildung und dabei insbesondere für Schulen in Deutschland nahezu Jahr für Jahr gestiegen. Aktuell geben Bund, Länder und Gemeinden für die gut 11 Millionen Schüler an öffentlichen Schulen fast 70 Milliarden Euro aus. Weil aber die Finanzkompetenz nicht zu den Lernzielen für Schulen gehört, ist dafür eben auch kein Geld da. Ich halte das für ein geradezu irrwitziges Bildungsdefizit.

Der Umgang mit Geld und das Geschehen an den Märkten sind elementare Dinge im Alltag der Menschen. Nur, darauf werden die jungen Menschen in der Schule nicht vorbereitet. Drei Viertel der befragten jungen Menschen gaben in einer aktuellen Umfrage an, dass finanzielle Angelegenheiten so komplex geworden seien, dass man gar nicht mehr verstehe, was nun gut oder schlecht sei.

Das deckt sich mit der Aussage eines mir gut bekannten Versicherungsexperten, nach der jede Versicherung den Verständnishorizont eines Durchschnittsdeutschen übersteige. Die Folgen: Viel zu wenige junge Menschen sichern sich zum Beispiel gegen Risiken ab, die im weiteren beruflichen wie privaten Leben existenzbedrohende Ausmaße annehmen können. Haftpflicht- und Berufsunfähigkeitsversicherungen sind bei ihnen weitgehend unbekannt und auch die private Altersvorsorge nimmt bei ihnen nicht den Stellenwert ein, den sie – schon auf Grund der demografischen Entwicklung – haben müsste.

Es ist aus meiner Sicht ein gefährliches Versäumnis der Politik, wenn sie den Bürgern einhämmert oder diese sogar verpflichtet, mehr für die Absicherung privater Risiken zu tun, gleichzeitig aber nichts dagegen unternimmt, das finanzielle Analphabetentum zu verringern.

Das zu ändern, hielte ich für viel wichtiger, als über die Länge der Schulzeit am Gymnasium zu debattieren. Wissen ist durch die Revolution in der Informationstechnologie heute jederzeit und überall verfügbar. Das aber hilft nicht weiter, wenn die jungen Menschen das Problem nicht erkennen. Es ist höchste Zeit, eine ökonomische Grundbildung der Schüler als Teil einer zeitgemäßen Allgemeinbildung zu begreifen und nach dieser Erkenntnis auch zu handeln.

Herbert Walter, 58, führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank. Vorher war er bei der Deutschen Bank weltweit für Privat- und Geschäftskunden verantwortlich. Heute arbeitet Walter als selbständiger Berater. Unternehmerisch engagiert er sich beim Finanzportal WhoFinance.de.

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  • Ob Beamte oder Angestellte, die Frage ist auch hier eine andere. Man kann Naturwissenschaften auf Lehramt studieren, aber BWL nicht. Wieso? Sicher zunächst weil die zuständigen Politiker von dem Thema auch keine Ahnung haben und es nicht wirklich brauchen (wollen).

    Wenn schon die Schulbildung als Grundlage einer Brufsausbildung sein soll und dann gehört auch das dazu. Doch genau da liegt das Problem. In der Realität lernen die Schüler eben doch für die weitere Schule (Berufsschule. Fachschule, Hochschule etc.) und nicht für's Leben. Das G8 ist eine Forderung der Industrie und Hochschulen (Professoren) und nicht der Politik oder der Lehrer.

    Das Problem ist auch in welchem Fach das stattfinden soll. In der Mathematik wo die meisten Schüler wg. der realitätsfernen Theorie sowieso das Denken bis auf das Mittel- bis Kurzzeitgedächtnis aus schalten? Ober in Fächern wie Gesellschatskunde wo eher das 3. Reich und der Aufbau der BRD gelehrt wird? Ob G8 oder G9, letzlich muss der Lehrplan ausgemistet werden und für diese Thema Anderes entfallen. Nur Sport und Kunst hat es ja meist schon ersatzlos erwischt und das Wissen über Informatik will sicher auch keiner missen. G10?

    Im Ernst, es wird immer Menschen/Schüler gben die kreativen und metaphysischen zuhause sind und denen die Welt der Fakten und Mathematik der Finanzwelt unverständlich bleibt. Wir habe in D große Lücken in der Regulierung des Finanzmarktes an Privatpersonen. Da sind die bösen Briten und Amis weiter. Da könnte Hr. Walter mal seinen Einfluss geltend machen, ggf. zu Lasten seines ehem. Arbeitgebers. Tut er das?

  • Tja Herr Walter, leider muss auch ich Ihnen zustimmen, was die Folgen fehlender Unterrichtsinhalte zu Wirtschaft und Finanzen angeht. Auch zu meiner Schulzeit kamen diese Themen im Unterricht nicht vor. Und es ist sozial außerordentlich ungerecht, dass ein großer Teil der Bevölkerung bei diesen Themen unmündig bleiben muss. Manchmal habe ich jedoch den Eindruck, dass dies so auch gewollt ist, da der Sozialstaat den unmündigen und hilflosen Bürger braucht.
    Aber was wollen Sie denn dagegen unternehmen? Bitte beachten Sie, dass Lehrer in Deutschland gemeinhin Beamte sind. Die meisten haben nach der Schule studiert und sind dann wieder an die Schule. Wenn man Glück hat, kam ein Lehrer während seiner Wehr- oder Zivildienstzeit mit der Realität da draußen in Berührung. Ansonsten müssen Beamte weder für irgendwas vorsorgen, noch brauchen sie sonst irgendwelche wirtschaftliche Kompetenz. Beamtete Lehrer sind daher vollkommen ungeeignet, der Jugend auch nur irgendwas zum Thema Wirtschaft und Finanzen beizubringen. Leider gilt dies auch für viele andere Kenntnisse, die man im wirklichen Leben später braucht.

  • 100% Zustimmung! Neben den aufgeführten Argumenten kann man noch anführen, dass Bildung bzgl. Wirtschaft und Finanzen das beste Mittel zum Verbraucherschutz ggü. Finanzdienstleistern aller Art darstellt. Weiterhin wäre es wirklich sozial gerecht (i.S. von Chancen – nicht Verteilungsgerechtigkeit), die Menschen mit dem nötigen Wissen auszustatten. Manchmal kommt mir die deutsche Gesellschaft i.S. Finanzen vor, wie die Menschen im Mittelalter vor der Reformation! Die brauchten auch die römische Kirche zum Lesen der Bibel und durften sich keine eigene Meinung bilden. Leider gibt es aber im Bereich der „Wissenden“ zu viele, die an der Dummheit der anderen gut verdienen und weiterhin viel Arroganz bei den „Bildungsbürgern“, den „Finanzkram“ als Bildungsnotwendigkeit zu akzeptieren.

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