Der Finanzlotse
Unwissen ist Ohnmacht

Eine stattliche Mehrheit der Deutschen hat in Finanzfragen keine Ahnung, für sie ist das ein absolutes Tabuthema. Die Politik muss dafür sorgen, dass Finanzwissen schon in den Schulen vermittelt wird.
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Warum nur kommen wir beim Thema „persönliche Finanzen“ und unserem Wissen darüber nicht wirklich weiter? Seit Jahrzehnten wird hier zu Lande darüber geklagt, dass die weit überwiegende Mehrheit der Bürger keine Ahnung von Finanzdingen hat. Zudem tragen die Folgen der Finanzkrise aktuell zu diesem Thema bei.

Immer wieder bekommt es medialen Auftrieb, wenn - wie gerade jetzt im Falle Prokon - ein Unternehmen seine vermeintlich „sicheren Anlagen“ nicht zurückzahlen kann. Was hat Prokon denn prinzipiell anders gemacht als weiland Rudolf Münemann mit seiner Darmstädter Getreidehandelsbank?

Münemann bot in den 60er Jahren Unternehmen Kredite mit einer Laufzeit von bis zu 30 Jahren zu einem festen Zinssatz an, die er über kurzfristige Darlehen refinanzierte. Prokon finanzierte Anlagen mit einer Laufzeit von ebenfalls rund 30 Jahren mit kurzfristig kündbaren Genussrechten. Bei Münemann ging das gut, solange die kurzfristigen Zinsen unter den langfristigen lagen, bei Prokon, solange den Anlegern keine Zweifel an der Solidität dieser Finanzierung kamen.

Man muss wirklich kein ausgefuchster Finanzexperte sein, um zu erkennen, dass die kurzfristige Refinanzierung langfristiger Forderungen oder Investitionen mit einem großen Risiko behaftet ist.

Aber nicht nur spektakuläre Pleiten, auch ungezählte Untersuchungen führen uns unser unterentwickeltes Verständnis von elementaren Finanzfragen vor Augen. So kann sich die Mehrheit der Bundesbürger unter dem Zinseszinseffekt nichts vorstellen. Sie weiß nicht, welche Auswirkungen die Inflation auf die Kaufkraft ihres Vermögens oder ihre zukünftige Rente hat.

Bei Bagatellen nehmen wir gern das Sorglos-Paket, wenn es zum Beispiel um Smartphone, Urlaubskoffer oder Brillen geht. Die versichern wir Sicherheitsfanatiker natürlich gegen Diebstahl oder Verlust. Wenn es aber um wirklich wichtige Risiken geht, dann zögern und zaudern wir. Nicht einmal 10 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland haben eine eigenständige Berufsunfähigkeitsversicherung. Kaum besser sieht es bei der Privathaftpflicht aus.

Natürlich hat jeder eine Erklärung dafür parat, warum er bestimmte Risiken nicht abdeckt, nicht für das Alter vorsorgt oder eine falsche Anlageentscheidung getroffen hat: Das teure Leben, das geringe Gehalt, die große Unsicherheit, der falsche Berater und überhaupt etwas, woran andere Schuld sind.

Damit könnte man es bewenden lassen, wenn es nicht seit langem zwei klar erkennbare Trends gäbe: Die Politik verlagert die Risikoabsicherung immer mehr weg vom vordem fürsorglichen Staat hin in den privaten Bereich. Die Leistungsfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme lässt kontinuierlich nach, wie es zum Beispiel insbesondere in der gesetzlichen Altersvorsorge zu spüren ist.

Kommentare zu " Der Finanzlotse: Unwissen ist Ohnmacht"

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  • Unser Bildungssystem hat enorme Schwächen, weil es die Lernfähigkeit unserer Jugend falsch einsetzt. Für was soll man zwei Fremdsprachen lernen, wenn jedem klar ist, dass man mit Englisch überall durchkommt? Für was muss man sich mit komplizierter Mathematik in Schule und Studium abquälen, wenn man in 90% der Fälle im Beruf mit Grundwissen auskommt? Warum lernt man nicht im Geschichtsunterricht von den Verbrechen der machtgierigen und menschenverachtenden Figuren, dass sie Millionen Menschen und Vermögen vernichtet haben, und dass uns Europa die Chance gibt, mit anderen Staaten friedlich zu leben? Warum wird kein Wissen über Ernährung und Gesundheit vermittelt, wo klar ist, dass wir nicht schon mit 60 wegen sinnlosem Konsum krank sein dürfen? Und natürlich, warum lernt man nichts über den Umgang mit Geld und Erspartem und Vorsorge?

  • "Herbert Walter, 58, führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank. Vorher war er bei der Deutschen Bank weltweit für Privat- und Geschäftskunden verantwortlich. Heute arbeitet Walter als selbständiger Berater. Unternehmerisch engagiert er sich beim Finanzportal WhoFinance.de."

    Herr Walter, man kann Ihren Artikel kritisieren oder auch nicht. Ich habe ihn kritisiert. Aber man muss Ihnen für wahr zugute halten, dass jedermann klar sein muss, aus welchem Blickwinkel Sie den Beitrag geschrieben haben. Sie haben Ihren Interessenkonflikt offengelegt und das finde ich fair.

    Es ist dann eine Sache des Handelsblattes, ob er auch veröffentlicht wird.

    Ich finde, da ich Sie von "früher" kenne und schätze, dass Sie es nicht nötig haben, sich derart billig vor den Karren spannen zu lassen.

  • Geehrter Herr Walter, der Titel Ihres Artikels soll vermutlich den Umkehrschluss aus „Wissen ist Macht“ ergeben? Dabei ist Glauben das Gegenteil von Wissen. Die Deutschen glauben gerade in Geldfragen das Nötige zu wissen und fallen deshalb besonders gern auch auf ihre Politiker und Finanzhaie rein. Wollen Sie etwa ausgerechnet von jenen Aufklärung fordern, die sich aus der Torheit der Deutschen alimentieren? Wären sich die Deutschen Ihres Unwissens bewusst, sie könnten ab morgen Hammer, Kelle oder Stift hinlegen und sich ein schönes Leben machen. Stattdessen geben sie ihr Geld denen, die damit gegen sie wetten.
    Woanders heißt es nicht zu unrecht: Die Deutschen sind nicht gebildet, sondern eingebildet.

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