Der Transformer
Das Internet zerstört unser Leben nicht!

Mit der Verleihung der Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Informatiker Jaron Lanier ist die Debatte über das Internet entbrannt. Lanier wird zum Posterboy der Internetkritiker – und liegt daneben.
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Am Sonntag bekam Jaron Lanier den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Formuliert man es positiv, dann kann man sagen, dass die Verleihung dieses renommierten Preises an Lanier die Debatte um die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft neu entfacht hat. Mir allerdings stoßen viele Äußerungen des Informatikers und Virtual-Reality-Pioniers Lanier bitter auf, denn sie verkennen die Vorzüge, die das Internet eben auch bieten kann. Seine pauschale Diskreditierung von Schwarmintelligenz und einer Kultur des Teilens als „digitaler Maoismus“ halte ich beispielsweise für nicht zielführend. Das Narrativ von der Wandlung des Paulus zum Saulus ist zwar nett gemeint; aber wenn jemand, der für Microsoft arbeitet, die Geschäftsmodelle von Google und Facebook kritisiert, dann kann ich dem wenig abgewinnen.

Allerdings erfüllt Lanier derzeit einen ganz anderen Zweck, denn er wird zum Posterboy aller derjenigen, die das Internet schon immer irgendwie nicht mochten. Sei es, weil es ihre tradierten Geschäftsmodelle gefährdet, sei es, weil es Menschen zu Wort kommen lässt, die vorher keine Stimme hatten, sei es, weil sie schon immer eine Abneigung gegen Technologie hatten, oder sei es, weil die Wurzeln des Internets in den USA liegen.

Man muss diese Kritik ernst nehmen, denn sie ist viel relevanter als die Thesen Laniers selbst. Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir die Vorzüge der Digitalisierung für uns nutzen können und wie wir uns vor den negativen Aspekten besser schützen können. Wenn die Hamburger Morgenpost allerdings titelt: „Das Internet zerstört unser Leben!“, dann wird eben genau das nicht getan, sondern dann werden Vorbehalte geschürt und Abneigungen gestärkt. 

Dabei ist viel wichtiger, dass wir als Gesellschaft verstehen, was der digitale Wandel bedeutet. Selbst wenn man selbst das Internet nicht nutzen will, so bestimmt das Digitale um uns herum zunehmend das Leben. Es zerstört es nicht, es verändert es. 

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Allerdings zeigt der Mopo-Titel auch deutlich, wie sehr en vogue es hierzulande ist, das Internet zu verteufeln. Die Investitionsbereitschaft gerade des deutschen Mittelstands im Bereich der Internet-Technologien ist erschreckend gering und dürfte für viele Unternehmen ein spätes, schlimmes Erwachen bedeuten. Die damit verbundene selbst erfüllende Prophezeiung wird dafür sorgen, dass die Verteufelung noch zunimmt.

Das Internet bereichert allerdings auch unser Leben, das sollten wir bei aller Diskussion über die Risiken nicht vergessen. Als Sozialdemokrat steht für mich vor allem der Aspekt der Teilhabe im Vordergrund. Es werden Menschen in die Lage versetzt, Dinge zu tun, die ohne Internet schlichtweg nicht möglich gewesen wären. Dabei geht es um die Aspekte der Bildung, Arbeit, Kultur, Kunst, Kommunikation, aber auch Kommerz, um nur einige zu nennen. 

Unternehmen können durch das Internet neue Absatzmärkte und Distributionskanäle erschließen, die sonst nur schwer erreichbar wären. Gerade für eine Exportnation wie Deutschland bietet das Internet immense Möglichkeiten. Man muss sie allerdings auch nutzen.

Ich teile den aktuellen apokalyptischen Unterton der Debatte über die digitale Zukunft nicht. Gleichwohl müssen wir dafür sorgen, dass das deutsche bzw. europäische Wertesystem nicht unter die Räder kommt. Das bedeutet aber auch, dass wir uns in die Debatte einbringen und nicht pauschal die Digitalisierung verteufeln.

Nico Lumma arbeitet als selbstständiger Berater und Autor in Hamburg und ist Mitglied der Medien- und netzpolitischen Kommission des SPD Parteivorstandes. Er bloggt auf lumma.de.

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