Der Transformer
Die Banken schaffen sich ab

Während wir uns in Europa noch immer erstaunt wundern, wie man die Einführung von IBAN und BIC als verbraucherfreundlichen Fortschritt verkaufen kann, wird im Silicon Valley die Bank an sich in Frage gestellt. 
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Bisher kannte man Snapchat vor allem für kompromittierende Fotos, die sich selbst löschten, oder für spaßige Nachrichten, die keine lange Halbwertszeit benötigen. Nun werden die Snapchat-Nutzer in den USA in die Lage versetzt, sich auch kleine Geldbeträge per Nachricht zu schicken. Möglich wird das durch eine Kooperation mit Square Cash, einem amerikanischen Dienstleister für bargeldloses Bezahlen. Die Kooperation hat Potential: Snapchat hat 100 Millionen monatliche Nutzer, Square Cash hat jahrelange Erfahrung mit der Abwicklung von Geldgeschäften.

Es ist eine Allianz, die vor allem die klassischen Banken herausfordert. Während die Branche über die Sicherheit von eTAN, iTAN, SmartTAN diskutiert, entwickeln Internetkonzerne wie Apple, Google und Paypal, aber auch Start-ups die Zahlverfahren der Zukunft.

Dabei mögen es die Kunden auch bei der Bezahlung vor allem praktisch. Nutzwert hat die Sicherheit als wichtigsten Kriterium für die Anbieterwahl abgelöst. Besonders wenn es - wie bei Snapcash - nur um kleine Beträge geht, die von einer Guthabenkarte abgebucht werden können. Wie anachronistisch wirken da im Vergleich die immer noch weit verbreiteten horrenden Gebühren beim Abheben an Geldautomaten oder die Überweisungsformulare, die kein @-Zeichen zulassen!

Weil sie den Anschluss an das moderne Banking verpassen, drohen die klassischen Banken auch den direkten Kontakt zu ihren Kunden zu verlieren. Diese wollen zwar bargeldlos zahlen, aber nicht so, wie die Bank es gerne hätte. Darum greifen sich auf die neuen Bezahlsysteme zurück - von Paypal über Apple Pay bis zu Snapchat. Die Bank rückt in den Hintergrund, wird zur Schnittstelle, zum Abwickler - und verliert ihr Gesicht.

Die herkömmlichen Kontoauszüge dokumentieren, dass die Banken immer noch in einer anderen Welt leben. Einer Welt, bei der das Zahlen per Cash die Normalität ist. Es fällt schwer, auf einem klassischen Kontoauszug den Überblick über die unzähligen Mikrotransaktionen im Monat zu behalten. Und längst haben sich andere Marktteilnehmer aufgemacht, dieses Problem für die Banken zu lösen, wie z.B. das Startup Figo

Damit wird der bargeldlosem Zahlungsverkehr über Smartphones und Apps auch in Deutschland künftig an Akzeptanz gewinnen. Noch sind Verbraucher hierzulande zurückhaltend, aber auch die Deutschen mögen es praktisch. Darum wird das Bargeld in der Geldbörse seltener, stattdessen werden kleine Beiträge einfach so mit dem Smartphone bezahlen. Reagiert die Branche jetzt nicht, droht sie sich selbst abzuschaffen - die Türme in Frankfurt werden noch ordentlich wackeln.

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Nico Lumma arbeitet als selbstständiger Berater und Autor in Hamburg und ist Mitglied der Medien- und netzpolitischen Kommission des SPD Parteivorstandes. Er bloggt auf lumma.de.

Kommentare zu " Der Transformer: Die Banken schaffen sich ab"

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  • "...Der Durchschnitts-USA-Bürger lebt noch im Zahlsystem der Steinzeit. Er bezahlt seine Rechnungen überwiegend mit Schecks..."
    und tilgt in den ersten Monaten maximal 30% davon.
    Die IT-Freaks bezahlen mit ungedecken Wetten auf die Zukunft. Die Notenpresse der FED läuft heiß. Das Land ist pleite. Ich denke nicht, das wir uns von den Amis was abgucken können.
    Dann doch evtl. eher von den Indern. Aber diesem Geld-Verleih ging es wohl auch nicht mehr so gut? Kenne den Stand nicht.
    Wenn Deutsche Banken für Einlagen Gebühren haben wollen, die sie negative Zinsen nennen, aber gleichzeitig für den Dispokredit 12% Zinsen haben wollen, dann ist es nur eine Frage der Zeit bis die Menschen Alternativen finden. Die ersten Plattformen für Privat-Privat Kredite gibt es ja schon.

  • Banken bräuchte genaugenommen ein Großteil der Menschen bereits heute nicht mehr - in Wirklichkeit benötigt nur die Politik (respektive die Staatskrake) die Banken.
    SPAREN und TRANSAKTIONEN DURCHFÜHREN (und für diese beiden Tätigkeiten verwenden die Meisten nun einmal die Banken) funktionieren komplett ohne irgendeine Bank.
    Transaktionen kann man mit spezialisierten Dienstleistern (wie etwa Western Union oder MoneyGram) blitzschenll und rund um die Uhr durchführen, ohne auf Bankenöffnungszeiten angewiesen zu sein. Eine andere Möglichkeit sind Transaktionen mit Computer-Währungen wie etwa Bitcoin.
    Auch zum Sparen benötigt man keine Bank - schon gar nicht in Zeiten heruntergeknüppelter Niedrigzinsen, wo das "Geld" auf dem Konto (was genaugenommen als Buchgeld nur eine Forderung gegen die Bank darstellt, und das bei einem Mindestreservesystem der EU-Banken von 1%!) durch eine negative Realverzinsung entwertet wird. Sparen kann man daher auch, indem man Realwerte kauft und diese z.B. in einem Hochsicherheitstresor lagern lässt.
    Sie sehen also bereits, weshalb die Politik die Banken wirklich benötigt:
    1) um über das Fractional-Reserve-Banking der Geschäftsbanken die systembedingte Aufschuldung weiter aufrecht erhalten zu können
    2) um die Bürger überwachen und kontrollieren zu können und um gläserne Bürger zu bekommen (da anonyme Transaktionen und anonymes Sparen bei den Banken unmöglich sind).

  • Bequemlichkeit kommt vor Sicherheit? Nie im Leben, wie mein Vorredner schon schreibt: Google, Apple und Co. werden vielleicht ein paar Foto´s anvertraut, wenn überhaupt, aber Geld? Nein. Es gibt verschiedene Untersuchungen, die klar bestätigen, dass die Deutschen am liebsten mit Bargeld bezahlen, über 80 % der aller Transaktionen! FED, Bundesbank, EZB. Die Deutschen sind in Sachen Geld konservativ und wollen den Überlick behalten.

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