Der Transformer
Ein digitales Wunder lässt sich nicht verordnen

Die Politik will die Digitalwirtschaft fördern. Doch die etablierten Unternehmen sind viel zu selbstzufrieden und bequem. Die Bundesregierung tut gut daran, auf Start-ups zu setzen.
  • 0

Die Deutschland AG alter Prägung, sie stößt an ihre Grenzen. Das haben zwei Termine in der vergangenen Woche wieder einmal gezeigt. Erst gab es am Dienstag in Hamburg die Silberrücken der IT-Branche zu bestaunen, dann kamen zu den Medientagen München die Elefanten der Medienbranche in die Manege. Das Muster beider Veranstaltungen war gleich: Die Politik forderte ein digitales Wirtschaftswunder ein und die anwesenden Männer mittleren Alters klopften sich gegenseitig auf der Schulter vor Selbstzufriedenheit.

Dabei ist es an sich schon ein bemerkenswerter Vorgang, dass die Bundesregierung die IT-Branche ermuntern muss, mehr in die wirtschaftliche Entwicklung zu investieren. Es ist leicht, nach mehr Fördermitteln zu rufen, wie es viele Technologieunternehmen tun. Dabei wissen wir alle, wie wenig staatliche Förderprogramme und die damit verbundene Bürokratie mit schnell wachsenden Start-ups harmonieren. Wirtschaftsminister Gabriel (SPD) hat daher auch richtigerweise darauf hingewiesen, dass die IT-Branche ihre Anstrengungen erhöhen müsse. 

Aber auch in München erklang vor allem ein Klagelied, dass der Medienwandel nicht so einfach abläuft, wie man es gerne hätte. ARD-Intendant Lutz Marmor beispielsweise ließ sich zu einer bemerkenswerten Aussage hinreißen: „Nicht nur, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, sondern auch wer zu früh kommt. Denn das kostet dann auch enorm Geld.“ Generell mag das stimmen. Aber: Wenn die junge Generation viel Video konsumiert, aber eben nicht im linearen Fernsehen, dann darf man nicht mehr davon reden, nicht zu früh dabei sein zu wollen.

Insgesamt bot die vergangene Woche ein interessantes Bild einer Branche, in die die Politik viel Hoffnungen setzt. In der deutschen Kultur- und Kreativwirtschaft arbeiten mittlerweile über eine Million Menschen, die 2012 für einen Umsatz von 62,4 Milliarden Euro gesorgt haben. Die Größenordnung der Kreativbranche ist also ähnlich wie die der Automobil- oder Chemiebranche. 

Daher ist es besonders betrüblich, auf den Branchentreffs nur ältere Männer anzutreffen, die zwar „das Sagen haben“, aber nicht wissen, was zu tun ist. Es ist bezeichnend, dass die Bundesregierung das Thema Industrie 4.0 in den Vordergrund schieben muss, denn sie befürchtet, dass die Branche das Thema verschläft. Und es ist auch bezeichnend, dass die Branche viel über den Medienwandel diskutiert, die Impulse aber grundsätzlich von Außen kommen. 

Das digitale Wirtschaftswunder ist eines der Kernthemen der Bundesregierung und sie tut gut daran, auf Start-ups zu setzen. Die etablierten Marktteilnehmer sind zu unbeweglich.

Kurz und schmerzhaft: alle Kolumnen

Kolumnenkabinet

Nico Lumma arbeitet als selbstständiger Berater und Autor in Hamburg und ist Mitglied der Medien- und netzpolitischen Kommission des SPD Parteivorstandes. Er bloggt auf lumma.de.

Kommentare zu " Der Transformer: Ein digitales Wunder lässt sich nicht verordnen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%