Der Ver(un)sicherer
Das Kollektiv hat immer Recht!

Die Versicherungsaufseher fühlen sich in der Pflicht, die Rechte des Kollektivs gegen die einzelnen Versicherten abzuwägen. Das führt zuweilen zu drolligen Rechtsauffassungen - besonders bei Altersrückstellungen.
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Früher musste man in den Osten blicken, wenn man die wahren Kollektive suchte. Dort wurden zum Beispiel Bauernhöfe kollektiviert, die zuvor in Privatbesitz waren. Das Ergebnis waren beispielsweise Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG).

Kollektivierung war unter den sozialistischen oder selbsternannten kommunistischen Regimen ein Euphemismus, um Enteignung und Diebstahl zu legitimieren. Demnach sollte das „Kollektiv“ gestärkt werden, das „Kollektiv“ sollte sich über die gemeine Bourgeoisie erheben. Tief im Westen Deutschlands, in Bonn – einst Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland – war ein Zentrum der Gegenbewegung, dort wurde gegen die Kollektivierung in der DDR gewettert.

Diese Zeiten sind vorbei. Von Kollektiven redet eigentlich niemand mehr. Niemand? Nein, denn auch heute ist Bonn weiterhin das Zentrum derer, die sich begeistert mit den Kollektiven beschäftigen. Heute finden sich in der rheinischen Universitätsstadt aber nicht mehr die Gegner, sondern die Befürworter des Kollektivs. Wo sich einst das Finanzministerium um die Steuern der Bundesbürger kümmerte, dort sitzt heute die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht und singt das hohe Lied des Kollektivs.

Es sind die Versicherungsaufseher, die am lautesten die Stimme erheben. Egal, ob es sich um die Lebensversicherung oder die private Krankenversicherung handelt. Stets fühlen sich die Aufseher in der Pflicht, das Kollektiv gegen die einzelnen Versicherten abzuwägen.

Dabei gilt anscheinend ein eherner Grundsatz: Wenn es um die Belange einzelner Versicherungskunden geht, dann sind diese grundsätzlich geringer zu bewerten, als die Interessen des Kollektivs. Das Kollektiv sind dann immer „die anderen“ im Gegensatz zum „einzelnen Versicherungsnehmer“.

Die Logik ist dabei auch in sich schlüssig: Die Aufsichtsbehörde hat schließlich dafür zu sorgen, dass das System als solches funktioniert. Es geht darum, dass das Kollektiv im Großen und Ganzen den vereinbarten Versicherungsschutz bekommt. Da kann der Anspruch eines Einzelnen stören. Und der soll dann eben zurücktreten, wenn dadurch das große Kollektiv geschützt und bewahrt bleibt.

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Diese „Autokollektivierung“ ist Unfug

Kommentare zu " Der Ver(un)sicherer: Das Kollektiv hat immer Recht!"

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  • "bei den Aufsehern oder bei Vertretern der Versicherungslobby"

    Woran erkennt man den Unterschied für eine solche Differenzierung?

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