Der Ver(un)sicherer
In Abwicklung - und dann?

Nicht nur Arbeitnehmern, auch Versicherten kann die Abwicklung drohen. Das geschieht oft zu ihrem Nachteil und häufig auch ohne ihr Wissen. Sie haben in der Praxis keine Chance, sich dagegen zu wehren.
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Abwicklung – bisher dachte man bei diesem Begriff an DDR, Volkseigene Betriebe (VEB), Kombinate und die Treuhandanstalt, die Unternehmen mit Millionen von Arbeitnehmern „abwickelte“. Es ging der Treuhand dabei genau um die Betriebe, die nicht rentabel waren, denen man nicht zutraute, sich im westlichen Kapitalismus zu behaupten und deren Arbeitnehmer dann oft in die Arbeitslosigkeit gerieten. „Abwicklung“ wurde zu einem Synonym für diesen wirtschaftlichen Rückbau. Für viele Betroffene, die Jahre oder Jahrzehnte in den Betrieben arbeiteten, wurde „Abwicklung“ auch zu einem Synonym für die Respektlosigkeit, mit der die Treuhandanstalt dem einen oder anderen Arbeitsleben begegnete.

Heute ist alles anders. Heute ist „Abwicklung“ die Zukunft für Teile der Versicherungsbranche, genauer gesagt sogar die Hoffnung für den einen oder anderen Lebensversicherer. Aber keine Angst: Nicht die Unternehmen sollen abgewickelt werden, sondern nur die Kunden und deren Verträge sind von der Abwicklung betroffen. Glauben Sie nicht? Aber vielleicht sind Sie sogar schon betroffen, obwohl Sie es noch gar nicht wissen!

Wenn ein Unternehmen beschließt, dass die bestehenden „Verträge“ abgewickelt werden sollen, dann geht das erst einmal damit einher, dass das Unternehmen keine neuen Verträge mehr annehmen möchte. Das Management beschließt, dass das Neugeschäft abgewürgt wird und nur noch die Kunden hält, die schon abgeschlossen haben. Auch diese Kunden dürfen keine echten Neuverträge mehr abschließen. Wenn in einem Vertrag eine Prämiendynamik vereinbart ist oder der Kunde eine Nachversicherungsmöglichkeit hat, können zwar immer noch die Prämieneinnahmen steigen. Aber echte Neuverträge kommen eben nicht mehr in den Bestand.

Wenn es keine Neuverträge mehr gibt, dann braucht der Versicherer auch keinen Vertrieb mehr oder der bisherige Vertrieb soll nun die Angebote eines anderen Versicherers verkaufen. Zum Beispiel bei der Victoria ist das so. Die früheren Victoria-Vermittler verkaufen ja nun die Tarife der ERGO-Leben (ehemals Hamburg-Mannheimer). Dadurch haben die Kunden der Victoria immerhin noch indirekt Zugriff auf einen Vermittler, den sie um Rat fragen können.

Nicht immer hat der Versicherer aber im Falle einer Abwicklung noch Zugriff auf eine Vermittlerstruktur. Gerade das Einsparen von Vermittlern kann genau der Grund dafür sein, dass sich das Unternehmen in die Abwicklung begibt. Dann sieht das für den Kunden schlechter aus: Hat er Fragen oder Probleme, wird er nur noch schwer einen Ansprechpartner bei seinem Versicherer finden. Denn der hat ja genau das Personal eingespart, mit dem die Kunden ansonsten reden könnten.

Neben dem Einsparen von Geldern hat das Unternehmen, das sich in einer solchen Abwicklung befindet aber auch noch ganz andere Möglichkeiten, Extraeinnahmen zu erzielen. Wer noch Neugeschäft machen will, der muss ja schauen, dass er im Wettbewerb kein zu schlechtes Bild abgibt. Der Versicherer, der auf Neukunden aus ist, wird also insbesondere versuchen, eine marktübliche Überschussbeteiligung auszuloben.

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Versicherer verdienen an der Abwicklung

Kommentare zu " Der Ver(un)sicherer: In Abwicklung - und dann?"

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  • Vielen Dank für diesen Artikel.

    Der "Run Off" der Victoria Leben AG ist ein Pleitegeier auf Kundenkosten
    zugunsten der Bonuszahlungen an die Vorstände: Nikolaus von Bomhard (Vv Munich RE), Torsten Oletzky (Vv Ergo) und Daniel von Borries (V Victoria Leben).

    Die Wirtschaftswoche hat sich 2004 bereits eingehender mit der
    dunklen Vergangenheit der Victoria Leben Vorstandsetage beschäftigt:

    http://www.wiwo.de/unternehmen/-victoria-genau-unter-die-lupe-nehmen/4810412.html

    http://www.wiwo.de/unternehmen/-victoria-alles-abgezeichnet/4824190.html)

    Um die Bilanz, und damit die Bonuszahlungen an die o. a. Herren zu erhöhen,
    wurde der Konzernvertrieb der Ergo Versicherungsruppe zum gewerbsmäßigen Betrug angestiftet.

    So sollten Hamburg-Mannheimer - und Victoria Kunden mit hohen Garantiezinsansprüchen in ihren Altersvorsorgeverträgen aufgesucht werden, und zur Kündigung oder Beitragsfreistellung dieser Verträge überredet werden. Parallel dazu, wurde empfohlen, einen Neuabschluß mit niedrigeren Garantiezinsansprüchen zu tätigen (Quelle Revisionsbericht der Ergo).
    Ergebnis für den geprellten Ergo Kunden:

    Doppelte Abschlußkosten und geringere Garantiezinsansprüche
    Höheres Eintrittsalter und aufgrund kürzerer Vertragslaufzeit
    eine erheblich niedrigere Auszahlung am Laufzeitende.

    Um die Vermittler erfolgreich anzustiften, wurde angeboten, daß keine Provisionsbelastung durch die selbst vermittelten Kündigungen erfolgen würde. Ferner gab es ja die neue Abschlußprovision.

    Jeder Ergo Leben Kunde sollte sich also reiflich überlegen,
    ob er nicht gleich zu einem seriösen Anbieter wechseln möchte.

    Denn wer schon die Victoria Leben dicht macht, macht das auch mit Ergo Leben.

  • Super Herr Kleinlein, Sie bleiben sich einfach treu.
    Es freut mich immer wenn ich solche Artikel lese. Aber nehmen wir doch einmal einen anderen Blickwinkel.
    Je mehr derartige Artikel erscheinen, desto verunsicherter werden die Menschen. Diese Unsicherheit führt automatisch dazu, dass sich Menschen aus Ihrer, absoluten Notwendigkeit, der Altersversorgung zurückziehen und nichts tun. Je mehr Menschen nichts tun, desto wahrscheinlicher und sicherer wird Altersarmut.Die Sitaution in der sich die Versicherer nun befinden haben nichts mit Missmanagement oder dergleichen zu tun, sonder sie ist vielmehr die unweigerliche Folge der Jahren anhaltenden, weltweiten, Zinspolitik; und die folge der strengen Anlagevorschriften durch die Bafin. Weiter möchte ich noch anmerken, dass die meisten Versicherer Fondspolicenn ihren verschiedensten Ausprägungen anbieten. Bei Fondspolicen ist das Zinsniveau von eher nachrangiger Bedeutung. Zum anderen erlauben Sie mir bitte noch die Frage nach den Alternativen. Immobilien - die sind heute so teuer wie selten zuvor, dazu kommen die Fragen nach Instandhaltungskosten / Mietausfällen und dem Zinsrisiko nach der Zinsbindung.Klassische Sparformen? sehen Sie sich das dortige Zinsniveau 0,xx% + Kapitalertragsteuer?; Aktien und Fonds in Reinkultur ohne Sicherungsmechanismen und professioneller Verwaltung - die nächsten Crash´s kommen mit Sicherheit. Also Herr Kleinlein was nun?
    Ich bleibe dabei solche Artikel sträken nur Misstrauen und Unsicherheit, liefern aber niemals Antworten und schon gar keine Antworten, für die man die Verfasser haftbar machen kann.

  • Eine Versicherung geht ja nicht so einfach in Abwicklung. Da darf man schon einmal nachfragen, was die BAFin als Finanzaufsicht dazu sagt. Da die BAFin auch den Verbraucherschutz für Versicherungsnehmer wahrnimmt, kann die Zuständigkeit zu einem so wichtigen Thema nur nach oben, nicht nach unten schieben. Es sei denn, die BAFin betätigt sich als Lobbyist für die Versicherer - was häufig unterstellt und bisher nicht bestritten wurde-.

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