Der Ver(un)sicherer
Verkehrte Welt bei der Altersvorsorge

Unabhängig sein vom Staat, vom Kapitalmarkt profitieren: Es waren die Argumente für die private Altersvorsorge. Doch ist es eine Mär zu glauben, es gäbe einen Kapitalmarkt losgelöst vom Staat. Bürger kann nur verlieren.
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Einst gab es einen Konsens zwischen Bürger und Staat. Die Vereinbarung war einfach: Der Bürger zahlte Steuern und Abgaben und der Staat kümmerte sich um seine Bürger. Er sorgte für Sicherheit, für Infrastruktur und auch für die Versorgung im Alter. Nicht unbedingt immer mit dem gewohnten Lebensstandard, aber dennoch gut genug, so dass es kein großes Klagen gab. Die Bürger konnten verstehen, dass Steuern und Abgaben steigen und zusätzlich womöglich auch die Renten nicht so üppig waren, wenn es dem Staat nicht so gut geht. Umgekehrt gab es immer die Hoffnung, dass die Leistungen steigen und Steuern und Abgaben sinken, wenn der Staat floriert. Es bestand Vertrauen auf diese Wechselwirkung.

Dann kamen andere Zeiten und andere Ideen. So ergab es sich, dass einzelne Menschen Zweifel an dem Konsens säten. Der Neoliberalismus stellte das Vertrauen in Frage und proklamierte, dass dieses System falsch sei. Man müsse dem Staat mehr und mehr seine Aufgaben entziehen und diese dann in private Hände legen. Besonders bei der Altersvorsorge wäre dies wichtig. Denn der freie Kapitalmarkt wäre viel besser und effizienter, wenn es um die Altersvorsorge geht.

Und so ergab es sich, dass mehr und mehr Menschen diesen Glauben teilten: Die Kapitalmärkte sollten das richten, was der Staat nicht zu lösen vermochte. Die Kräfte des Marktes würden ja so gut wirken, dass man sich in Sachen Altersvorsorge zu einem wichtigen Teil endlich vom Staat emanzipieren könne. Das, was die Altersvorsorge jenseits der grundlegenden Sicherung ausmache, solle zukünftig unabhängig vom Staat angelegt, angespart und erwirtschaftete werden.

Und so führten diese Ideen zu einer Stärkung der kapitalgedeckten Altersvorsorge. Es wurden alle Bürger angehalten, private Vorsorge zu treffen. Ein Volk von Kapitalanlegern wurde erträumt, ein Volk von glücklichen Menschen, die ungeachtet der Eingriffe des bösen Staates ihre Altersvorsorge in eigene Hände nehmen. Ein Volk, das sich der Knute der staatlichen Gängelung entzieht, den Politikern die kalte Schulter zeigt und sich auf die Stärke und die Effizienz der Kapitalmärkte stützt.

Und so geschah es dann auch. Es wurde ein neues System geschaffen, durch das zumindest ein Teil der Altersvorsorge unabdingbar über die Kapitaldeckung laufen soll: Die Riester-Rente! Der Weg schien bereitet, sich frei zu fühlen, frei vom Staat und frei von den bösen Taten gemeiner ArbeitsministerInnen und FinanzministerInnen!

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Bürger hat stets einen Grund, sich zu ärgern.

Kommentare zu " Der Ver(un)sicherer: Verkehrte Welt bei der Altersvorsorge"

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  • Guten Tag,
    die Artikel von Herrn Kleinlein lese ich schon gar nicht mehr. Seine tendenziösen, einseitigen Meinungsäußerungen sind nichts Anderes als Werbung für den eigenen Club der selbsternannten Verbraucherschützer.
    Schade nur, dass diese im sonst so ernsthaften Handelsblatt erscheinen. In der BILD wären sie aber noch schlimmer, obwohl passender, weil die Leser hier m. E. leichter beeinflussbar sind.

  • Also ich finde, den Artikel sehr einseitig und polemisch. Mit dieser Argumentation sind doch meines Wissens nach dann sämtliche Kapitalbildenden Lebens- und Rentenversicherungen gemeint, oder? Zumindest was das Anlagemodell betrifft. Warum wird da mal wieder nur Riester genannt? Außen vor bleibt da, dass viele Versicherer systemimmanent immernoch Renditen von 3- über 4% bieten können und die Auszahlung je nach Alter des Vertrages steuerfrei oder steuerbegünstigt ist. Gut, Riester zu 100% steuerpflichtig (nachgealgert), dafür gibt es jetzt die Zulage und die Steuerersparnis in der Sparphase, in der die meisten einen wesentlich höheren Grenzsteuersatz haben als im Alter. Und wer will, muss ja keine klassische Riesterversicherung machen, sondern kann z. B. die Fondsgebundene Variante oder den Riester Fondssparplan nutzen, um nur mal zwei der weiteren Alternativen zu nennen.

    Also für einen Fachmann ein sehr bescheidener Beitrag aus meiner Sicht. Das führt nur wieder dazu, dass die Bürger das Vertrauen in die private Altersvorsorge verlieren und pauschal alles aburteilen. Ist das sinnvoll?

  • @Herr A. S.
    Mit der fehlenden Lösung haben Sie vollkommen recht, aber was die Problembeschreibung angeht ist der Artikel ein Totalausfall.
    Das Niveau, auf dem Kleinlein da argumentiert, ist bestenfalls sozialistisch infantil und historisch inkorrekt. Ich weiß ja nicht, in welchem Land er damals gelebt hat, in Deutschland anscheinend nicht. Wer sich noch daran erinnern kann weiß, dass der Economist Deutschland 1999 als kranken Mann Europas bezeichnet hat. Es waren SPD und Grüne, die sich des Reformstaus angenommen haben und nicht die pöhsen Neoliberalen. Man hatte damals sehr richtig erkannt, dass die bestehende gesetzliche Versorgung den demographischen Wandel nicht überstehen würde und hat gehandelt, weg vom Umlage hin zum kapitalgedeckten System. Eine andere Lösung gibt es ja auch nicht, wenn doch soll Kleinlein sie uns doch nennen.
    Dass die europäischen Staaten sich dann Jahre später via Basel III und Solvency II die Platine Kreditkarte besorgt haben, steht dann wieder auf einem ganz anderen Blatt.

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