Der Ver(un)sicherer
Viel verkauft und unberechenbar

Die meisten Deutsche haben eine Lebenspolice abgeschlossen. Kunden haben kaum eine Chance, zu verstehen wie das Finanzprodukt funktioniert. Erträge lassen sich nicht nachrechnen. Der Versuch einer Erklärung.
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Wir hatten vor wenigen Tagen unsere ordentliche Mitgliederversammlung. Eine Gelegenheit dass sich Mitglieder unseres Vereins und die Experten des BdV kennenlernen. Und unsere Mitglieder sind durchaus pfiffig und sehr engagiert. Zum Beispiel, wenn es darum geht, den eigenen Lebensversicherungsvertrag zu verstehen.

Konkret ging es um eine Kapitallebensversicherung mit Berufsunfähigkeitszusatzversicherung. Der Vertragsbeginn lag in den 70ern und endete vor zwei Jahren. Die Ablaufleistung war frustrierend und der Versicherungsnehmer wollte verstehen, warum.

Akribisch genau hat das BdV-Mitglied den Vertragsverlauf modelliert. Er hat beim Versicherungsunternehmen alles an Daten eingeholt, was er bekommen konnte und hat schließlich den Verlauf des Vertragsguthabens und Überschussguthabens erfasst. Er konnte aber noch immer nicht verstehen, wie es zu den einzelnen Werten kam.

Das Versicherungsunternehmen hat erst einmal einen Sachbearbeiter antworten lassen: Es würde ja stets nur der Sparanteil verzinst und für die Überschussbeteiligung bräuchte man die genauen Deklarationen, um selbst rechnen zu können. Der Versicherungsnehmer ließ sich denn dann auch diese Deklarationen aus den Anhängen zu den Geschäftsberichten zusenden. Ein genaues Nachrechnen war ihm aber immer noch nicht möglich.

Nach weiteren Nachfragen und weiteren Nachfragen und noch mehr Nachfragen gab es schließlich sogar auch ein Telefonat zwischen Versicherungsnehmer und dem Mathematikvorstand des Unternehmens. Bemerkenswert, denn es handelt sich immerhin um einen der Top-Ten-Versicherer.

Aber auch der Vorstand gab nur Antworten, die der Versicherte nicht verstand. Hier drehte sich ebenfalls alles um „Sparanteil“ und Verzinsung, die sich nicht auf die gesamte Prämie beziehen. Zur Verständlichkeit hat das nicht beigetragen. Auch weiterhin hatte das BdV-Mitglied mehr Fragen als Antworten.

Kommentare zu " Der Ver(un)sicherer: Viel verkauft und unberechenbar"

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  • Herr Kleinlein hat recht, wenn er mehr Transparenz fordert - auch wenn es hier in den letzten Jahren aus verschiedensten Gründen schon eine Verbesserung gegeben hat. Die Komplexität der Berechnung zu kritisieren halte ich jedoch für falsch und überzogen. Die Formel für die gesetzliche Rentenversicherung verstehen auch die Wenigsten. Finanz- und Versicherungsmathematik ist Bestandteil einer Wissenschaft und dazu noch eine Formel mit mehreren Variablen - also per se komplex. Und das mit Barwerten gerechnet wird, sollte zumindest für jeden Wirtschaftswissenschaftler nachvollziehbar sein - so wird es an den Unis gelehrt. Im Übrigen ist es doch ein völlig normaler Vorgang, dass Verbraucher Geld ausgeben für Dinge, die sie nicht wirklich verstehen. Die Wenigsten verstehen doch beispielsweise, wie ein Auto oder Flugzeug funktioniert - und trotzdem steigen sie ein.

  • Herr Kleinlein deckt Schwächen solcher Verträge auf - ich finde das gut. Meine Meinung: Oft wird eine "Renditeturbo" verkauft, der sich dann als "Gebürenfalle" erweist - siehe Fondpolicen.

    Es gibt eine Investorenwahrheit: "Kaufe nur das was du verstehst". Viele Verträge sind nun einmal nicht verständlich. Die Asskuranzen haben alle Möglichkeiten, dass zu ändern.

    Bedauerlicherweise fehlen in den Verträgen Gleichungen und Rechnungsbeispiele. Warum eigentlich? So etwas kann in den Anhang gepackt werden. Meine Vermutung: Anbieter leben sehr gut von Undurchsichtigkeit.

    Versicherungen werden "verkauft" und die Anbieter generieren damit Gewinne. Erstaunlich ist, dass viele Anbieter trotz Kriese hohe Profite erwirtschaften und teure Incentives zahlen können.

    Bei Lebensversicherungen geht es um Altersvorsorge und Altersarmut - ein ernstes Thema. Hier darf erwartet werden, dass jeder die Verträge verstehen kann, ohne Studium und Finanzausbildung. Momentan ist das Gegenteil der Fall.

    Ich glaube deshalb ja, Herr Kleinlein soll die Verträge weiter zerreden, um Kunden für Nachteile zu sensibilisieren. Vielleicht lernen die Versicherungen aus der Kritik - ich würde mich freuen.

  • Wieso sind die Verbraucherschützer dafür verantwortlich? Allein die Versicherung ist dafür zuständig, dem Kunden zu erklären, wieviel Geld sie für den übersteigerten Eigenbedarf abzieht und wieviel Prozent des eingezahlten Beitrages genau verzinst werden.
    Alles andere ist Betrug.

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