Dutschke spricht: Die deutsche Provinz – ein Auslaufmodell?

Dutschke spricht
Die deutsche Provinz – ein Auslaufmodell?

Während in Städten wie verrückt gebaut wird, verfallen die Einfamilienhäuser überall in der deutschen Provinz – und das nicht nur im Osten Deutschlands. Kommunalpolitiker sind überfordert mit diesem Problem. Was tun?
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Die Höfe, das Park Quartier, das Quintett und die Gärten. Solch elegante Namen tragen die Bauprojekte, die alleine in der Straße in Berlin-Friedrichshain entstehen, in der ich wohne. Der Immobilienmarkt boomt immer noch! Luxuswohnungen sprießen wie Pilze aus dem Boden. Jede Lücke wird geschlossen. Die Preise sind in den letzten zwei Jahren saftig gestiegen, doch die Nachfrage nach innerstädtischem Wohnungseigentum ist ungebrochen. Doch dies betrifft nur Großstädte. Während in Städten wie verrückt gebaut wird, um der Nachfrage gerecht zu werden, verfallen die Einfamilienhäuser überall in der deutschen Provinz.

Dieses Phänomen ist nicht neu und zeigt gerade in Ostdeutschland unglaubliche Ausmaße. Dort kann man schon seit Jahren beobachten, dass die gut ausgebildeten (und oft weiblichen) jungen Erwachsenen in Massen wegziehen. Für die Zurückgebliebenen wird das Kürzel „DDR“ neu interpretiert: Der Dumme Rest. Zurück bleiben die Alten, die schlecht ausgebildeten, schwer motivierbaren und die verhältnismäßig wenigen, die dort ein vernünftiges Einkommen verdienen können. In manchen Dörfern bekommt man das Gefühl von einer Republik der Rechten und Rentner.

Abwanderung betrifft aber nicht nur die neuen Bundesländer. Es ist ein größer werdendes Problem der alternden und schrumpfenden Gesellschaft in ganz Deutschland. Im Ruhrgebiet, im Sauerland und in Schleswig-Holstein lassen sich ebenso viele Häuser mit vernagelten Fenstern finden wie in Mecklenburg oder Sachsen-Anhalt. In den nächsten Jahrzehnten wird erwartet, dass die Zahl der überschüssigen Wohneinheiten deutlich steigen wird.

Jahr für Jahr werden immer weniger junge Menschen in der Provinz leben. Immer weniger Kinder werden geboren. Kitas und Schulen machen dicht. Buslinien verkürzen ihre Routen. Der Schlecker-Markt ist schon abgewickelt. Kulturell läuft schon lange nichts mehr außer dem jährlichen Osterfeuer und einigen Scheunenfesten. Aus den Großstädten kommen sie manchmal aufs Dorf, um ganz groß zu heiraten inmitten der schönen Natur.

Für dieses Problem gibt es noch keine Lösung. Eigentlich mögen die Deutschen ihre Provinz. Ein Haus mit Garten ist nach wie vor der Traum vieler Familien. Die „Landlust“ ist die wachstumsstärkste Zeitschrift Deutschlands und zählt nun zu den Top 20. Doch die Perspektivlosigkeit ländlicher Gebiete treibt die Deutschen in die Städte oder an deren Ränder. Speckgürtel ist das Zauberwort. Hier kann sich der Häuslebauer verwirklichen und muss dennoch nicht auf die Vorzüge der urbanen Infrastruktur verzichten.

Es braucht viel mehr Kinder und mittelständige Unternehmen in der Provinz. Doch beide Entwicklungen sind nicht abzusehen. Kommunalpolitiker sind überfordert mit diesem Problem. Was sollen sie auch machen? Die Dörfer schließen und abwickeln? Noch geschieht dies nicht. Kosten für die Inbetriebhaltung der Dörfer sind zunehmend unverhältnismäßig für die Zahl der Bewohner. Innovative Ideen sind hier gefragt, um die Provinz aufleben zu lassen. Private Initiativen müssen aktiv werden und sich selbst ihre Infrastruktur aufbauen. Doch noch decken die fahrenden Fleischer, privaten Busshuttles und andere nur den nötigsten Bedarf ab, die Lebensqualität wird damit nicht merklich verbessert. Eine starke Zivilgesellschaft setzt aber auch voraus, dass die Bürger sich dieses Engagement leisten können. Freiwillige vor!

Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Er ist an der Hertie School of Governance beschäftigt und lebt in Berlin.

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Kommentare zu "Die deutsche Provinz – ein Auslaufmodell?"

Alle Kommentare
  • In Bayern bekommt Oberbayern (hauptsächlich München) das große Geld und der Rest die Krümel. Dort sitzen nun mal die größten Lumpen und deshalb wird sich nicht viel ändern. Es sei denn, man wählt keine Lumpen mehr!!!!!!!!!

  • Wo ist da jetzt das Problem ???
    Die Landschaft wird nicht mehr so zersiedelt !
    Die Natur kann sich erholen !!

  • bei 600 Milliarden Euro Staatseinnahmen im laufenden jahr ... so viele indirekte Steuern etc. ist mir völligst schleierhaft warum man einen solchen ruinösen Wettbewerb zulässt und ganze Städte und Regionen einfach in der Globalisierung verdampft. Für was teures Kataster, wenn hinterher Alles in Flammen steht ? ...wozu das ? Wozu Solar subventionieren aus Malaysia, wenn hinterher Wasserkraftwerke pleite gehen. Warum lässt man einen Altersschnitt >30 Jahren zu aufstrebenden Schwellenländern zu ? Es braucht Mindestlöhne in der Industrie .. und einen bürgerlichen Lohnabstand (Mindesteinkommen) in den Kommunen, die aussterben ... oder wie obene erwähnt negative Hypothekenkredite.

  • Meiner Meinung nach ist der Sozialstaat und ruinöser Wettbewerb der großen Ketten das Problem .. ich werde niemals verstehen, warum die Hypothekenkredite nicht einfach an die demographische Entwicklung angepasst werden. Bspweise: In einer Kleinstadt ist der Bevölkerungsrückgang 10 % .. sollte dann nicht auch gelten für Jemanden, der in die Altbausubstanz investiert: 100000 Euro Kredit und 90000 Euro Rückzahlung ?

  • Kann dem Herrn Joker1 nur voll zustimmen.
    Wenn ich heute lese, daß unsere Altkanzler Schröder
    und Kohl, einen Fuhrpark von 13 Autos vorhalten,
    bekomme ich das Kotzen !!

  • Hallo ich bin 66 wohne am Arsch der Welt, im Landkreis Helmstedt .Ich habe Internet über Kabel, weil die Telekom
    zu langsam ist. Bei uns im Dorf gibt gerade noch einen Briefkasten. Internet ist hier die Einkaufswelt.Brot und Lebensmittel gibt es im nächsten Ort.Warum ziehen die jungen wohl weg? ( Sie wohnen lieber in der Nähe ihres Arbeitsplatzes. Sprit ist nun mal ein Kostenfaktor.

    Die Politiker denken halt nur bis zu ihren eigenen Tellerrand

  • Wir leben seit 1992 in einem ländlichen Gebiet und was Herr Dutschke schreibt ist richtig. Alleine die Städte und den Strukturwandel dafür verantwortlich zu machen, ist aber zu kurz gedacht.

    Bei den meisten Menschen die ich kenne, ist die Einstellung und der mangelnde Wille zur Veränderung der Grund für die Stagnation. Es gibt in den umliegenden Dörfern Menschen die 60 Jahre alt sind und in ihrem Leben noch nie in der nächsten Stadt (20km) waren. Das Leben spielt sich tatsächlich zwischen Schützenverein, Feldarbeit oder Fabrik und Kirche ab. Jegliche Neuerungen (Internet...) werden abgeblockt mit dem Argument "Das haben wir früher auch nicht gebraucht".

    Andererseits gibt es aber auch Erfolgsbeispiele von umliegenden Gemeinden, die sich dem Strukturwandel öffnen, die Kundenströme auf sich ziehen, prosperieren und wachsen. Auch, oder gerade weil sie auf dem Land sind.

  • Man diskutiert hier am Problem vorbei!
    Uraschen für das Dilemma sind unsere Politiker und die sie
    finanzhierenden und hoffierenden Bimbeskasten.
    Die Orientierung für die Zukunft fehlt den Menschen und
    natürlich die Kaufkraft.
    Man kann Schweizer Verhältnisse nicht mit den Deutschen vergleichen, seit der Euroeinführung!
    Wiederhole micht zum tausensten Male:
    Die Euroeinführung zumKurs von 1:1.95583 war das Verbrechen
    Die Einkommen der Normalbürer, Löhne, Gehälter, Renten wurden halbiert, Ersparnisse auch. Die genannten Kasten
    konnten und können ihre Einkommen fastnach belieben an-
    passen und haben dies reichlich und oft getan und tun es
    immer unverfroener. Familien mit Kinder gibt man keine
    Perspektiven. Die sog. Globalisierung macht unser Volk vollens kaputt. Die jungen Menschen haben Angst. SIe werden
    zu modernen Sklaven mit Wahlrecht herangeszüchtet.
    DIe Politkaste kassiert Diäten, Nebeneinkommen und Pensionen in unvorstellbarer Größenordnung.
    [...]. Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Das ist absolut richtig.

    Doch bitte, verschweigen Sie nicht, warum dort „Stellen“ entstehen. Es ziehen Menschen hin, weil sie ein gut bezahlte Arbeit annehmen.

    Gut bezahlt: Ja wirklich, denn zB. eine Krankenschwester verdient in Australien wirklich gut. Im Kanton Genf ist der Mindestlohn so um die Euro 20,-- pro Stunde. Tricks mit „unbezahlten Überstunden“ etc. werden bestraft. Sicher. Die Lebenshaltungskosten sind höher. Aber dennoch lebt es sich dort gut. Denn der Mindestlohn für gelernte Kräfte ist in Genf deutlich höher….

    Nur, das führt zu einer Umverteilung: Es muss den Menschen mit „erwerbslosen“ Einkommen genommen werden und die „tätige“ Bevölkerung erhält ein höheres Einkommen.

    Anderes Thema: Verkaufen Sie mal ein „Einzel-Haus“ in einer deutschen Gemeinde oder einer Kleinstadt. Wenn diese nicht im Einzugsbereich einer Groß- oder Universitätsstadt liegt, werden sie erleben, dass hier die „Werte“ drastisch verfallen sind. Und weiter verfallen. Leider sind bei ca. 30 % der Erbschaften solche „Werte“ in der Erbmasse.

    Da wird der „Erbengeneration“ sicherlich bald ein Licht aufgehen, dass das Häuschen – Schätzwert 250.000 Euro – eigentlich eine unverkäufliche Bruchbude ist…..

  • übrigens ist es überall das Gleiche: auch in Australien entstehen die meisten Stellen mittlerweile v.a. im Sozialen Sektor und Gesundheitsbereich lt. Statistik Australia.

    man muss also überlegen, ob man andere - noch wachsende Einkommen/Vermögenseinkommen etc. hinzuzieht, um den Staat zu finanzieren und nicht nur über sinkende Erwerbseinkommen, die seit gut 15 Jahren hier stagnieren.

    ich bin sicher, dass es auch dafür Lösungen gibt. Man kann auch Subventionen umschaufeln. Wir leiden ja eh unter Subventionitis.

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