Kurz und schmerzhaft

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Dutschke spricht: Die deutsche Provinz – ein Auslaufmodell?

Während in Städten wie verrückt gebaut wird, verfallen die Einfamilienhäuser überall in der deutschen Provinz – und das nicht nur im Osten Deutschlands. Kommunalpolitiker sind überfordert mit diesem Problem. Was tun?

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.
Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Die Höfe, das Park Quartier, das Quintett und die Gärten. Solch elegante Namen tragen die Bauprojekte, die alleine in der Straße in Berlin-Friedrichshain entstehen, in der ich wohne. Der Immobilienmarkt boomt immer noch! Luxuswohnungen sprießen wie Pilze aus dem Boden. Jede Lücke wird geschlossen. Die Preise sind in den letzten zwei Jahren saftig gestiegen, doch die Nachfrage nach innerstädtischem Wohnungseigentum ist ungebrochen. Doch dies betrifft nur Großstädte. Während in Städten wie verrückt gebaut wird, um der Nachfrage gerecht zu werden, verfallen die Einfamilienhäuser überall in der deutschen Provinz.

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Dieses Phänomen ist nicht neu und zeigt gerade in Ostdeutschland unglaubliche Ausmaße. Dort kann man schon seit Jahren beobachten, dass die gut ausgebildeten (und oft weiblichen) jungen Erwachsenen in Massen wegziehen. Für die Zurückgebliebenen wird das Kürzel „DDR“ neu interpretiert: Der Dumme Rest. Zurück bleiben die Alten, die schlecht ausgebildeten, schwer motivierbaren und die verhältnismäßig wenigen, die dort ein vernünftiges Einkommen verdienen können. In manchen Dörfern bekommt man das Gefühl von einer Republik der Rechten und Rentner.

Abwanderung betrifft aber nicht nur die neuen Bundesländer. Es ist ein größer werdendes Problem der alternden und schrumpfenden Gesellschaft in ganz Deutschland. Im Ruhrgebiet, im Sauerland und in Schleswig-Holstein lassen sich ebenso viele Häuser mit vernagelten Fenstern finden wie in Mecklenburg oder Sachsen-Anhalt. In den nächsten Jahrzehnten wird erwartet, dass die Zahl der überschüssigen Wohneinheiten deutlich steigen wird.

Jahr für Jahr werden immer weniger junge Menschen in der Provinz leben. Immer weniger Kinder werden geboren. Kitas und Schulen machen dicht. Buslinien verkürzen ihre Routen. Der Schlecker-Markt ist schon abgewickelt. Kulturell läuft schon lange nichts mehr außer dem jährlichen Osterfeuer und einigen Scheunenfesten. Aus den Großstädten kommen sie manchmal aufs Dorf, um ganz groß zu heiraten inmitten der schönen Natur.

Für dieses Problem gibt es noch keine Lösung. Eigentlich mögen die Deutschen ihre Provinz. Ein Haus mit Garten ist nach wie vor der Traum vieler Familien. Die „Landlust“ ist die wachstumsstärkste Zeitschrift Deutschlands und zählt nun zu den Top 20. Doch die Perspektivlosigkeit ländlicher Gebiete treibt die Deutschen in die Städte oder an deren Ränder. Speckgürtel ist das Zauberwort. Hier kann sich der Häuslebauer verwirklichen und muss dennoch nicht auf die Vorzüge der urbanen Infrastruktur verzichten.

Es braucht viel mehr Kinder und mittelständige Unternehmen in der Provinz. Doch beide Entwicklungen sind nicht abzusehen. Kommunalpolitiker sind überfordert mit diesem Problem. Was sollen sie auch machen? Die Dörfer schließen und abwickeln? Noch geschieht dies nicht. Kosten für die Inbetriebhaltung der Dörfer sind zunehmend unverhältnismäßig für die Zahl der Bewohner. Innovative Ideen sind hier gefragt, um die Provinz aufleben zu lassen. Private Initiativen müssen aktiv werden und sich selbst ihre Infrastruktur aufbauen. Doch noch decken die fahrenden Fleischer, privaten Busshuttles und andere nur den nötigsten Bedarf ab, die Lebensqualität wird damit nicht merklich verbessert. Eine starke Zivilgesellschaft setzt aber auch voraus, dass die Bürger sich dieses Engagement leisten können. Freiwillige vor!

Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Er ist an der Hertie School of Governance beschäftigt und lebt in Berlin.


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  • 12.11.2012, 10:58 UhrNobody

    In Bayern bekommt Oberbayern (hauptsächlich München) das große Geld und der Rest die Krümel. Dort sitzen nun mal die größten Lumpen und deshalb wird sich nicht viel ändern. Es sei denn, man wählt keine Lumpen mehr!!!!!!!!!

  • 12.11.2012, 10:04 UhrB.Giertz

    Wo ist da jetzt das Problem ???
    Die Landschaft wird nicht mehr so zersiedelt !
    Die Natur kann sich erholen !!

  • 12.11.2012, 03:21 UhrMark

    bei 600 Milliarden Euro Staatseinnahmen im laufenden jahr ... so viele indirekte Steuern etc. ist mir völligst schleierhaft warum man einen solchen ruinösen Wettbewerb zulässt und ganze Städte und Regionen einfach in der Globalisierung verdampft. Für was teures Kataster, wenn hinterher Alles in Flammen steht ? ...wozu das ? Wozu Solar subventionieren aus Malaysia, wenn hinterher Wasserkraftwerke pleite gehen. Warum lässt man einen Altersschnitt >30 Jahren zu aufstrebenden Schwellenländern zu ? Es braucht Mindestlöhne in der Industrie .. und einen bürgerlichen Lohnabstand (Mindesteinkommen) in den Kommunen, die aussterben ... oder wie obene erwähnt negative Hypothekenkredite.

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