Dutschke spricht
Friede den Hütten, Krieg den privaten Versicherungen

Schwarz-Gelb will am Gesundheitssystem nicht viel ändern, Peer Steinbrück von der SPD sehr wohl. Mit dem Ziel, Privilegien für die Privatversicherten abzuschaffen, kann er im Wahlkampf punkten. Wenn er denn will.
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Seit Monaten wundere ich mich, wann denn die Gesundheitspolitik endlich zum Wahlkampfthema wird. Hier ist ja unter Schwarz-Gelb trotz großem Handlungsdruck absolut nichts passiert. Die lächerliche Abschaffung der Praxisgebühr kann ich nicht ernsthaft zählen. Gerade unter der Prämisse der alternden Gesellschaft ist die Reform des Gesundheitssystems ein Thema von größter Dringlichkeit. Das jetzige System ist schon an seine Grenzen gelangt: Wer viel verdient, versichert sich privat. Der Rest bekommt immer weniger Leistungen. Die Krankenkasse machen abwechselnd Schlagzeilen, dass sie entweder kurz vor dem Bankrott stehen oder im Geld schwimmen. Das ist doch absurd! Nun endlich lieferte Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery der Politik auf dem Ärztetag in Hannover eine Steilvorlage. Natürlich lehnt die oberste Ärztelobby die seit Jahren von der SPD geforderte Bürgerversicherung klar ab. Steinbrück sollte sich jetzt hier deutlich positionieren.

Schwarz-Gelb will am bestehenden System nicht viel ändern. Im Gegenteil, die privaten Zusatzleistungen sollen noch ausgebaut werden, um wenigstens ein paar Gutverdiener im System zu halten. Den Ärzten gefällt das natürlich. Sie verdienen am meisten mit Privatversicherten. Bei einem Sieg von Rot-Grün bei der Bundestagswahl würden diese gern gesehenen Patienten möglicherweise zum Auslaufmodell werden, und die Ärzte müssten mit erheblichen finanziellen Einbußen rechnen. Die meisten Ärzte sehen es nicht als problematisch an, die Privatversicherten zu privilegieren – schließlich zahlten sie ja auch mehr. Montgomery hat diese Haltung offensiv vertreten, als er beim Ärztetag sagte: “Unsere Ideologie ist Patientenversorgung und Qualität, nicht Umverteilung und Weltverbesserung.“

Natürlich geht es nicht um Weltverbesserung, sondern um Geld, wie überall. In Dänemark beispielsweise stehen die Ärzte auf den Barrikaden, weil sie unzufrieden mit den staatlichen Pauschalen sind. Sie drohen, ab September ihre Leistungen nicht mehr mit der gesetzlichen Krankenkasse abzurechnen, sondern direkt an die Patienten zu richten, um somit höhere Kosten abrechnen zu können. Diese müssten dann alles bezahlen und versuchen, wenigstens Teile des Geldes beim Staat zurückzufordern. Dies ist schlichtweg Erpressung, um mehr Geld beim dänischen Staat herauszuschlagen.

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Friede den Hütten, Krieg den privaten Versicherungen

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20.000 Dollar für eine Sodbrennen-Untersuchung

Kommentare zu " Dutschke spricht: Friede den Hütten, Krieg den privaten Versicherungen"

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  • Ich kann diese weltfremden und unrealistischen Sozialneid-Stamtischparolen nicht mehr hören!! Der absolute Großteil der Privatversicherten besteht aus Beamten, Selbständigen mit nur geringen bis durchschnittlichen Einkommen (die in der GKV keinen Höchstsatz zahlen würden) und deren Familienangehörigen.
    Das System der PKV mag zwar auch nur "einäuigig" sein, aber im Vergleich zur "absolut blinden" GKV um ein vielfaches zukunftssicherer, weil nachhaltig finanziert.

    Das Unlageverfahren der GKV muss in einer schrumpfenden und immer älteren GEsellscahft zwangsläufig scheitern.
    Wer das aus ideologischer Hetze heraus nicht erkennen will, dem sollte weder solch eine Plattform hier angeboten werden, noch ist er wählbar.

  • @oekonomietutnot,
    Sie haben teils recht. Nur warum ist es gerechtfertigt dass ein Arzt für teils gleiche Leistungen bei einem PKV Versicherten einen mehrfachen Gebührensatz abrechnen kann.
    Wäre es nicht logisch und sinnvoll die PKV nur für tatsächliche Mehrleistungen oder Zusatzleistungen zu berechtigen. Wenn sich die Ärzte immer mehr auf Einnahmen von PKV Versicherten konzentrieren, dann kann man sich doch ausmalen wer die Zeche bezahlen soll. Wie will man dann Rentner und Selbständige PKV Versicherte behandeln, die an die Grenze der finanziellen Leistungsfähigkeit gelangen.
    Im übrigen kann man nicht verstehen, wie ein System PKV überleben soll, dass den Ärzten die Mehreinnahmen garantieren soll, keine großen Einnahmen mehr am Kapitalmarkt erzielt und vom Steuerzahler hohe Zuschüsse für seine Beamten verlangt.

  • Die Kommentare von Herrn Dutschke sind, leider wie häufig bei ihm zu lesen, nur wenig durchdacht bzw. die Kenntnis reicht nicht aus. Richtig ist, dass die Beiträge, welche die gesetzlich Versicherten entrichten, durch die Kopplung an das Einkommen (und nicht an das Risiko!) bereits "sozialisiert" und nicht niedrig sind (AG-Beitrag nicht zu vergessen!). So muss derzeit ein gesundheitsliebender Gutverdiener mehr zahlen als eine Dauerrauchender Geringverdiener, um mal Extreme zu nennen. Abgesehen von der Finanzierung der kostenfreien Kinderversicherung durch Beiträge Kinderloser. Ob das gerecht ist, darf in Frage gestellt werden. Zum anderen die Verwaltung: Bei nahezu gleichen gesetzlichen Leistungen ist es fraglich, warum überhaupt mehrere gesetzliche Krankenkassen existieren, die alle einen administrativen Wasserkopf besitzen. Die Vergütung bei den Ärzten ist pro Patient ein Skandal: Wie soll ein Internist mit rund 20 EUR pro Patient im Quartal (egal, wie oft der Patient kommt) vernünftig arbeiten können? Jeder Handwerker wird besser entlohnt. Die Ärzte wehren sich daher durch A) schnellere Durchlaufzeiten und B) Verlagerung auf Privatpatienten. Würde die Idee der SPD umgesetzt, würden einige (sehr gute) Ärzte nur noch gegen Bar behandeln. Das gibt es nebenbei heute schon. Und dann hätten wir wirklich sofort eine echte Zweiklassengesellschaft. Davon abgesehen: Die Ärzteversorgung wird in Deutschland AUFGRUND der Bezahlung UND Arbeitszeiten der Ärzte permanent schlechter. Wer in Schweden oder UK in ein Krankenhaus kommt, kann dort mit hoher Wahrscheinlichkeit einige deutsche Ärzte treffen, die D aufgrund der Bezahlung den Rücken gekehrt haben. Nebenbei: Ist 500 tsd EUR p.a. (oder wieviel auch immer) für eine Spitzenkraft (!) im Gesundheitswesen zu viel? Zum Vergleich: Fussballspieler erhalten ein mehrfaches. Und wer den größeren Beitrag zur Gesellschaft leistet, ist mir zumindest ziemlich klar.

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