Dutschke spricht
Gemeinnütziges Engagement in der Krise

Die Krise macht vor keiner Institution halt. Auch gemeinnützige Stiftungen bangen um ihre finanziellen Perspektiven. Mit Spenden ließen sich Lücken stopfen, doch die Bereitschaft sinkt – helfen könnte Crowdfunding.
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Viele Stiftungen verfügen über ein Stiftungsvermögen, welches investiert wird, um mit der Rendite verschiedene Projekte zu fördern. Durch die Finanzkrise ist die Rendite vieler Stiftungen drastisch gesunken. In Zuge der Finanzkrise gingen so einige Millionen an Stiftungsgeldern verloren. Das ist schmerzlich für die Projektarbeit. Sichere Investitionsmöglichkeiten, wie Zinspapiere, lohnen sich momentan kaum. Die Stiftungen müssen aber ihre Kapitalerträge aufrechterhalten, um laufende Projekte weiterhin fördern zu können oder neue Projekte zu starten.

Ich bin selber im Beirat einer kleinen Stiftung mit einem bescheidenen Stiftungsvermögen von fünf Millionen Euro. Damit die Stiftung ihr Förderungsvolumen aufrecht hält, müsste sie eine jährliche Rendite von 4 Prozent erreichen, dies ist aber in der momentanen Situation mit vermeintlichen sicheren Investitionen schwer zu erreichen. Also steht die Stiftung vor der Frage, entweder die Rücklagen aufzubrauchen, riskantere Investitionen zu tätigen oder das Förderungsvolumen zu verringern. Es gibt keine einfache Antwort, aber für mich ist klar, dass riskantere Investitionen keine Lösung darstellen. Egal, ob eine gemeinnützige Stiftung wirtschaftsnah, parteinah, staatlich, sozial oder sonstiges, das Stiftungsvermögen darf nicht aufs Spiel gesetzt werden um höhere Rendite zu erzielen. Denn wenn das Stiftungsvermögen verloren geht, wird es keine Stipendien, Forschungsprojekte, Bildungsinitiativen oder andere Aktivitäten mehr geben.

Im Einzelfall mag es helfen, finanzielle Engpässe über Spendengelder abzumildern. Einzelne Projekte könnten so weiterfinanziert werden. Doch im Vergleich zu den USA ist die Spendenkultur in Deutschland nicht sehr stark ausgeprägt. Förderungsmöglichkeiten für gemeinnützige Projekte sind zumeist an die öffentliche Hand gebunden. Daher wird hierzulande weniger gespendet, und wenn die Deutschen spenden, dann aufgrund von TV-Spendengalas in der Vorweihnachtszeit. Dies kann bei großen Katastrophen zum unmittelbaren Helfen am Krisenort beitragen, ist aber als vorherrschendes Spendenmodell wenig nachhaltig oder effektiv. Oft wird ja zu Spenden zu sehr generellen Zwecken (gegen Armut etwa) aufgerufen. Wo das Geld dann landet, ist nicht nachzuvollziehen. Und ob es etwas bringt, erst recht nicht. Am wirksamsten ist gemeinnütziges Engagement schließlich auf der untersten Ebene, vor Ort. Hier kann ich sehen, was mit dem Geld passiert und auch selbst Vorschläge machen, wie man Gelder sinnvoll einsetzen kann. Wenn einzelne Stiftungsprojekte über Spenden finanziert würden, können das für alle Beteiligten von Wert sein: Die Stiftung erhält die notwendigen Gelder, die lokale Initiative kann ein Projekt umsetzen und der Spender kann vor Ort sehen, wie sein Geld investiert ist.

Eine interessante Plattform, für Spenden zu werben, ist das „Crowdfunding“ für soziale Projekte. Diese Schwarmfinanzierung ermöglicht es Privatpersonen, sich über eine Internetplattform an konkreten Projekten zu beteiligen. Die Schwelle für Investitionen liegt zwischen 250 und 1000 Euro (je nach Plattform), und sollte das Projekt nicht genügend Interesse generieren, bekommt man die Investition zurückerstattet. Die Projekte stellen sich im Internet ausführlich vor, so dass der Bürger genau weiß, wohin sein Geld fließen wird. Solche Investitionen sind im Vergleich zu Spendenanrufen bei einer Gala viel transparenter. Darüber hinaus hat der einzelne Spender eine direkte Beteiligung am Erfolg des Projektes und fühlt sich viel näher dran. In der Musik- und Filmszene gibt es schon erstaunliche Erfolge des Crowdfunding. Natürlich ist es für Musiker etwas leichter, sich per Youtube vorzustellen. Aber auch soziale Projekte sollten dieses Podium nutzen, um Ziele und Projektumsetzung transparent zu machen.

Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Er ist an der Hertie School of Governance beschäftigt und lebt in Berlin.

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Kommentare zu " Dutschke spricht: Gemeinnütziges Engagement in der Krise"

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  • Na ja Herr Dutschke, dann verzichten Sie und Ihre Genossen mal auf die Einkünfte dieser Stiftungs ( hätte beinah Versorgungseinrichtungen für Brüder im Geiste zum Leidwesen der Allgemeinheit geschrieben ) und dann geht das schon mit den Renditen. Das würde natürlich dem etablierten rechten Flügel auch gut zu Gesicht stehen.
    Spendenkultur, aha. Amis und Kultur, aha. Warum haben sich dort den Spenden weiter verbreitet? Sicherlich wegen der hohen Sozialkompetenz. Wenn sozial abgesicherte Edelsozis wie sie auch noch eine Plattform bekommen wir mir regelmässig schlecht. Vermutlich liebäugeln Sie auch schon mit einem netten Pöstchen in Brüssel, würde passen.

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