Dutschke spricht
Gespenstische Zustände

Ein Gespenst geht um in der Grünen Partei – das Gespenst der Flügelkämpfe.
  • 3

Ich kann mich noch gut an die Bilder von Joschka nach der Farbbeutelattacke auf dem Parteitag 1999 in Bielefeld erinnern. Mit farbig bespritztem Gesicht musste er seine Partei zum Kosovokrieg überreden. Seitdem hat sich der Machtkampf zwischen den Realos und Fundis deutlich entspannt – was sicherlich auch daran liegt, dass viele Fundis wegen der Kriegsentscheidung einfach aus der Partei ausgetreten sind.

In einem kleinen Beitrag für eine Festschrift der Grünen im Jahr 2001 teilte ich die Überzeugung, dass die große Zeit der Fundis bald vorbei sein wird. Die Fundis sind eine schwindende Minderheit, ein Überbleibsel der innerparteilichen Streitkultur der Achtziger und beginnenden Neunziger. Mein Eindruck war damals, dass die Flügelkämpfe vorbei sind. Zukünftig würden sich Parteimitglieder nicht mehr mit diesem Lagerdenken rumplagen. Es war logisch anzunehmen, dass die Annäherung an Strukturen anderer Parteien ein Preis des großen Erfolgs der Grünen sein würde.  

Doch diese Annahme hat sich gerade jüngst als Irrglaube erwiesen. In Berlin sind die Fundis gestärkt aus der letzten Wahl zum Abgeordnetenhaus hervorgegangen. Sie haben überraschend gute Ergebnisse erzielt. Damit stellen sie nun fast die Hälfte der Fraktion.

Und da Klaus Wowereit sich einem Bündnis mit den Grünen verwehrte (hatte er es eigentlich je ernsthaft in Betracht gezogen?), waren keine neuen Posten für die erstarkte Gruppe zu vergeben. Die einzigen Posten von Bedeutung – die der Fraktionsvorsitzenden – sollten jedoch mit Volker Ratzmann und Ramona Pop (sie waren in der letzten Legislaturperiode bereits im Amt), zwei Realos, besetzt werden. So schickten die Fundis Gegenkandidaten an den Start, die in einer Kampfabstimmung gegen Pop und Ratzmann nur sehr knapp unterlagen.

Daraufhin kam er dann zum Eklat, in dem die Fundis erklärten, sie würden sich nicht von einer Doppelrealospitze repräsentieren lassen. Nun schreiben die Journalisten der Republik amüsiert darüber, dass die Berliner Grünen einen „neutralen“ Streitschlichter eingesetzt haben, um die vergiftete Stimmung in der Partei zu überwinden.

Am Mittwoch, dem Tag vor dem ersten Schlichtungsgespräch, schrieb Ramona Pop ein Gastkommentar, in dem behauptete sie, dass die Fundis den Kurs der Partei völlig falsch korrigieren wollen: „zurück zu zwölf Prozent, zur Alternativen Liste der 80er-Jahre, die außerhalb ihres engeren Umkreises nur Feindesland sah und ein ungeklärtes Verhältnis zur Gewaltfrage, zu staatlichen Institutionen und zur Wirtschaft mit sich herumschleppte.“ Mit diesem Kommentar macht es sich Ramona Pop sehr einfach. Natürlich ist es richtig, dass die Grünen ihr bislang bestes Ergebnis in Berlin erzielt haben und in der Mitte der Gesellschaft mit ihren Themen angekommen sind. Jegliche Radikalisierung könnte den nächsten Wahlerfolg gefährden.

Dennoch muss ich ihr vorwerfen, dass sie einen anderen Trend ignoriert: Das Erstarken der Fundis in der Partei liegt doch gerade darin, dass sie massenkompatibel geworden sind. Von den elf direkt gewählten Grünen Abgeordneten waren über die Hälfte im Fundi-Lager verankert. In Kreuzberg-Friedrichshain haben Fundis fünf von sechs Wahlkreisen gewonnen sowie zwei Wahlkreise im angrenzenden Kreuzkölln, sie stellen den Bezirksbürgermeister und halten das einzige Direktmandat der Grünen im Deutschen Bundestag mit Hans-Christian Ströbele. Von Rückzug zu sprechen, scheint mir deshalb abwegig.  

Ich wage nun eine neue Prognose. In der Zukunft werden sich Grüne Realo-Politiker wieder zunehmend mit dem Machtanspruch der Fundis auseinandersetzen müssen. Besonders in deutschen Groß- und Studentenstädten – also dort, wo grüne / linke / alternative Positionen ein großes Wählerpotential haben - wird die Basis wieder mehr „ursprüngliche“ grüne Standpunkte stark machen. Die Grüne Jugend und die Basisfundis werden die Lifestyle Grünen stärker herausfordern. Dies wird spannend sein, gerade auch wenn neue Strömungen wie die Piraten ebenfalls mit eher radikalen Positionen auf dem politischen Markt agieren.

Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Zuletzt war Marek Dutschke an der Hertie School of Governance und am John F. Kennedy Institut der Freien Universität Berlin tätig.

Kurz und schmerzhaft: alle Kolumnen

Kolumnenkabinet

 

Kommentare zu " Dutschke spricht: Gespenstische Zustände"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Zu glauben, dass die Fundis eine aussichtsreiche Zukunft haben, weil sie in Kreuzberg-Friedrichshain Erfolg haben ist ein Irrtum. Der Bezirk ist ein Ausreißer.

  • Die Entscheidung Fundi oder Realo ist doch auch ganz klar eine Entscheidung für oder gegen Verantwortung. Als Fundi kann man sich einfach auf seine fundamentalen Positionen berufen und braucht dabei nicht Gefahr zu laufen diese an der Realität messen zu müssen da man ja eh nicht gewählt wird. Als Realo sieht die Sache schon ganz anders aus. Da muss man Ideen präsentieren die praxis- und mehrheitstauglich sind. Man kann sich nicht einfach hinter seiner Ideologie verstecken und auf die anderen zeigen. Man muss bereit sein Risiken einzugehen und Fehler zu machen.

    Die Grünen Fundis waren und sind daher ein ziemlich verantwortungsloser und egoistischer Haufen der Angst davor hat sich der Wirklichkeit zu stellen. Sie haben kein großes Interesse an Deutschland und dessen Zukunft - sonst wären Sie ja bestrebt ihre Ideen umzusetzen - und halten daher Blockade für ein passendes Mittel um ihre Ideen umzusetzen ...

  • Seit den allmählich weitweiten "Occupies" haben die Dinge sicherlich geändert, weg von der Mitte hin zu neu durchdenken.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%