Dutschke spricht
Glaube gehört nicht in die Schule

Schüler sind einem massiven Druck der Konzerne, Religionen und Eltern ausgeliefert. Damit muss Schluss sein. Die Kinder sollen frei sein.
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Am 30. November hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig geurteilt, dass ein muslimischer Schüler nicht auf dem Schulgelände des Robert-Koch-Gymnasiums in Berlin-Wedding beten darf. Das Gericht hat argumentiert, dass Gebete auf dem Schulflur den Schulfrieden stören und das Einrichten eines Gebetsraums organisatorisch nicht möglich sei. Dieses Urteil galt ausschließlich für die betroffene Schule, denn eigentlich urteilten die Richter, dass „ein Schüler aufgrund der im Grundgesetz garantierten Glaubensfreiheit grundsätzlich berechtigt [ist], außerhalb der Unterrichtszeit in der Schule ein Gebet zu verrichten, wenn dies einer Glaubensregel seiner Religion entspricht“.

Es tut mir leid, aber ich habe da einfach eine ganz andere Meinung als die Richter. Ich würde am liebsten religiöse Einflüsse in den Schulen ganz verbieten. Kein Kruzifix, kein Kopftuch, kein Tilaka, kein Davidsstern und um Gottes Willen bestimmt kein Gebetsraum. Ich würde noch weitergehen, ich würde Nahrung mit einen zu hohen Kaloriengehalt an Schulen verbieten und ich würde Schuluniformen einführen. Versteht mich bitte nicht falsch, es geht mir nicht um Social Engineering oder um Gleichmacherei. Solche Vorstellungen sind unrealistisch. Mir geht es darum, Mauern zwischen verschiedenen Gruppen niederzureißen. Albert Camus hat einst geschrieben: Vor einer Mauer zu leben, ist ein Hundeleben. Er hat Recht! In der Schule sollen Kinder doch nicht ermutigt werden, Mauern zwischen sich aufzubauen.

Warum sollen die katholischen Kinder von ihren Priestern gezwungen werden, Aschermittwoch mit dem Kreuz auf der Stirn in der Schule herumzulaufen? Bevor das Bundesverwaltungsgericht die Entscheidung des Berliner Verwaltungsgerichts (es hatte die Schule verpflichtet, einen Gebetsraum einzurichten) revidierte, haben anscheinend einige Schüler sich als Sittenwächter am Robert-Koch-Gymnasium aufgespielt. Manche muslimische Schülerinnen, die nicht beteten oder Kopftuch trugen, wurden gemobbt. In den USA werden die Kinder gedrängt, einen täglichen Fahneneid auf die Republik („under God“) abzulegen. Ich ärgere mich richtig, dass ich diesen blind-patriotischen Eid bis heute auswendig kann.

Ich glaube, die Freiheit sollte darin bestehen, dass die Schüler frei von äußeren Einfluss und Druck sind. Zumindest von 8 Uhr bis 14 Uhr während der Schulwoche sollen sie sich nicht Sorgen machen müssen, dass sie die „richtigen“ Klamotten anhaben, um zu einer bestimmten Clique dazuzugehören. Sie sollen nicht ständig der Werbung und den PR-Kampagnen von Haribo und Coca-Cola ausgeliefert sein. Sie sollen auch nicht Angst haben, sich zu entfalten; nur weil irgendwelche antiquierten religiösen Moralvorstellungen ihnen einreden wollen, dass sie in der Hölle landen, wenn sie sich nicht ihnen richten. Ich wäre den Schulrektoren der Bundesrepublik sehr dankbar, wenn sie dort anfangen, wo die Richter in Leipzig sich nicht trauten hinzugehen. Die Rektoren können durch Schulverordnungen zu Gebeten, Schuluniformen und Ernährung die Grundlagen dafür schaffen, dass der massive Druck der Konzerne, Religionen und Eltern auf die Kinder zumindest in der Schule etwas gedämpft wird. Die Kinder sollen frei sein, sich ihre eigenen Gedanken zu bilden, und sie sollen sich mit anderen anfreunden können, auch wenn diese eine andere religiöse Zugehörigkeit, einen anderen Bildungsgrad oder finanziellen Hintergrund haben.

Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Er ist an der Hertie School of Governance beschäftigt und lebt in Berlin.

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Kommentare zu " Dutschke spricht: Glaube gehört nicht in die Schule"

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  • Na ja, Herr Dutschke junior ist noch jung und anscheinend noch etwas unreif. Aber der Pubertät der Pubertät müsste er doch altersmäßig entwachsen sein - oder ?????
    Um aber auch etwas Positives über ihn zusagen: Im Gegensatz zu seinem Vater schreibt er verständliches Deutsch.

  • Ach ne, was kann die Welt doch einfach sein. Einfach die Kindern nicht mehr den Konzerne (Coca-Cola = USA!) und der bösen katholischen Kirche mit ihren "Moralvorstellungen" ausliefern und die Welt wird ein Ort der Freiheit, in dem sich die Blagen frei zu bessern Menschen entwickeln. Wer´s glaubt!

    Herr Dutschke ist ein typischer Vertreter der Linken, der mal wieder meint, dass sich wahre Freiheit nur dadurch entwickeln kann, dass man den Menschen von allem "Bösen" weghalten muss. Was Böse ist, entscheidet Herr Dutschke gleich freundlicherweise für mich mit (Cola, Kirche, Markenklamotten).

    Herr Dutschke propagiert hier keine Freiheit, sondern nur das Dikat seiner Gesinnungsgenossen! Seit nunmehr 40 Jahren wird dieses Stück nun aufgeführt und es wird auch durch die tausendste Wiederholung nicht besser!

  • Schuluniform? Das wäre als Schüler ein Alptraum für mich gewesen ... Nie würde ich mein Kind auf eine Schule von Uniformierten schicken!
    Außerdem: "Schuluniformen" sind doch längst Standard: Zeigen Sie mir Fotos von 20 durchschnittlichen Schülern, und ich sage Ihnen, welchen Schultyp sie besuchen ...
    Ansonsten stimme ich Ihnen zu: Religionsausübung gleich welcher Form gehört nicht an die Schule, qualifizierter Unterricht über die Geschichte, Kultur und Eigenarten zumindest der Weltreligionen dagegen UNBEDINGT.

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