Dutschke spricht
Herr Präsident, das ist unangemessen!

Der Vertrauensverlust gegenüber der Politik ist weit gediehen. Christian Wulff ist nur ein weiteres trauriges Beispiel, wie unangemessen sich Politiker verhalten.
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Als ich vor einigen Wochen eine Rede von Norbert Röttgen in der Kolumne lobte, habe ich von einem Leser die folgende Email bekommen: „Lass Dich von diesen Charaktermasken nicht einfangen, egal ob Sie Röttgen oder Steinbrück heißen. Alles Egomanen und Selbstdarsteller dessen einziges Ziel es ist Ihre Macht und Privilegien zu erhalten.“ Der Leser hätte natürlich auch den Bundespräsidenten erwähnen können, und dass es nicht nur darum geht, Macht und Privilegien zu erhalten, sondern auch darum, diese auszuweiten.

Wie dem auch sei, dieser Satz stellt exemplarisch dar, dass der Vertrauensverlust gegenüber der Politik weit gediegen ist. Um ehrlich zu sein, ich teile diese Skepsis gegenüber dem Politbetrieb. Im Buch „Höhenrausch“ von Jürgen Leinemann, das im Jahr 2004 erschienen ist, kann man nachlesen, wie durchtrieben und verrucht das Geschäft mit der Politik ist. Christian Wulff findet in dem Buch keine besondere Erwähnung – war er doch zu der Zeit noch Provinzpolitiker. Mittlerweile hat er sich allerdings zu einem weiteren traurigen Beispiel gemausert, wie unangemessen sich Politiker verhalten.

Der Bundespräsident bekommt jedes Jahr 200.000 Euro aus der Staatskasse, fast das Siebenfache des Durchschnittsbürgers - und das bis zu seinem Lebensende (das könnten noch 40 Jahre sein). Hinzu kommen noch Fahrer, Büro und Assistent.

Bei Wulff ist die Sehnsucht, sich aus den ärmlichen Kindheitsverhältnissen zu befreien, zu einem Verlangen nach Luxus geworden. Sein Vater verließ die Familie als der Sohn zwei war. Auch der Stiefvater blieb nicht lange. Zudem wurde bei Wulffs Mutter Multiple Sklerose festgestellt. Christian Wulff musste früh Verantwortung übernehmen. Seine Schulnoten litten darunter, so dass er sogar sitzen blieb.

Der Parteiapparat der CDU wurde schnell zu seiner Heimat. Schon als Teenager trat er der Partei bei. Ich verstehe, dass er eine schwierige Kindheit und eine teure Scheidung hinter sich hat, aber das ist nichts Außergewöhnliches. Letztlich hat er wahrscheinlich im streng juristischen Sinne auch nicht gegen Gesetze verstoßen, aber es ist einfach unangemessen, mittels seiner politischen Stellung in den Genuss finanzieller Vorzüge zu kommen.

Man kann gute Beziehungen zu Unternehmern pflegen, ohne sich Geld zu leihen oder den Familienurlaub in deren Edelvillas zu verbringen. Wenn er auf dem Niveau eines Multimillionärs leben möchte, dann hat er den falschen Beruf gewählt. Als Bundespräsident ist es vielmehr seine Aufgabe, ein moralisches Vorbild zu sein, an das Gemeinwohl zu appellieren und Impulse für nötige Reformen zu geben.

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  • Sehr guter Kommentar, auch die Parallelen zu Amerika stimmen mich nachdenklich. Unsere doch sehr wirtschaftsnahe Regierung hat auch andere Politiker in ihren Reihen, die sich der Klüngelei verdächtig machen: Mappus mal als erstes genannt.

    Leider sind Rot und Grün keine wahren Alternativen mehr für die nächste Wahl, die Linke sowieso nicht.

  • Einfach treffend!

  • Einfach treffend!

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