Dutschke spricht
Hoffentlich gehen die Proteste weiter

Das Wohlstandsgefälle wächst, die Bildungskosten steigen und die Arbeitslosigkeit treibt Staaten an den Rand des Bankrotts. Eine Umverteilung von oben nach unten scheint unausweichlich. Ein Kommentar.
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Die Nächte im Zuccotti Park in New York City werden immer kälter. Bald schon werden die Temperaturen unter Null fallen. Der Kampf der Demonstranten, nachts in ihrem Zelten warm zu bleiben, wird ähnlich schwierig, wie das Erreichen der Protestziele werden. Im Englischen würde man das einen „uphill battle“ nennen.

Joachim Gauck mag die aktuellen Proteste albern finden, aber ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass grundlegende Debatten über den Kapitalismus und das Bankensystem, wie von den Besetzern angestoßen, für jede Gesellschaft förderlich sind. Es kann uns doch nur weiterbringen, wenn wir die Matrix, in der wir leben, nicht für unabänderlich halten. Wir sollten alles in Frage stellen und nach Alternativen suchen dürfen. Nach dem Motto: Wir sind keine hoffnungslosen Idioten der Geschichte, die unfähig sind, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen.

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Gerade die Demonstranten in den USA haben allen Grund, sich über Alternativen Gedanken zu machen. Das Land steht am Rande eines wirtschaftlichen und moralischen Bankrotts, verursacht durch das wachsende Wohlstandsgefälle, steigende Bildungskosten, hohe Arbeitslosigkeit, extrem polarisierende Wahlkämpfe, Abhängigkeit der Politiker von privaten Spenden, den großen Einfluss der Konzerne (insbesondere der Banken) durch ihre Lobbyisten, ein parteiisches Oberstes Gerichtshof und einen sehr teuren Krieg gegen den Terror. Natürlich haben die „Occupy Now“-Aktivisten in den USA keine fertigen Lösungen parat. Die Bewegung trägt vielmehr anarchistische Züge.

Einer der Besetzer der ersten Stunde, David Graeber, möchte die USA zu einer „Demokratie ohne ein Staatsgewalt“ umwandeln. Die angelehnten Proteste vom letzten Wochenende in Deutschland tragen ganz andere Züge. Hierzulande waren die Proteste von einer staatsfixierten linken Ideologie geleitet. Nicht nur haben sich einige Parteien unter die Demonstranten gemischt. Nein, die Protestorte waren auch nicht die Zentren des Kapitalismus sondern politische Institutionen: der Bundestag und die EZB in Frankfurt. 

Der prominente deutsche Börsenmakler Dirk Müller hat diese Woche in einem Interview gesagt, dass er das Finanzsystem am Ende sieht. Er beschreibt die Situation in Deutschland so: „Wir haben in Deutschland 2000 Milliarden Euro Staatsschulden, aber knapp 5000 Milliarden Euro Geldvermögen der privaten Haushalte. Also, Geld ist da. Das Problem ist aber, dass es sich im Lauf der Jahrzehnte bei ganz wenigen zusammengeballt hat - und die Masse muss die Erträge erwirtschaften“. Ein Wirtschaftskreislauf, in dem der Staat immer mehr Schulden aufnimmt, die Einkommen der Bürger stagnieren und staatliche Leistungen gekürzt werden, wird auf Dauer nicht bestehen können. Daher ist laut Müller eine Umverteilung von oben nach unten unausweichlich. Solange die noch nicht stattfindet, werden die Proteste hoffentlich weitergehen. 

Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Zuletzt war Marek Dutschke an der Hertie School of Governance und am John F. Kennedy Institut der Freien Universität Berlin tätig.

 

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  • Zugegeben, ich habe Rücklagen gebildet, aber ich fühle mich nicht wie einer von denen "da oben". Es soll einmal dafür reichen, dass ich während meiner Tage im Pflegeheim nicht der Allgemeinheit zur Last falle. Wenn man mein Geld zwangsweise an die Ägäis transferiert kann werde ich wohl dort wie der Philosoph Diogenes in einem ausgedienten Weinfass hausend und als hässlicher Deutscher beschimpft meinen Lebensabend verbringen müssen.

  • Eine leider immer wieder aufkeimende Debatte, die auf zahlreichen Missverständnissen beruht. Ein Beispiel:
    5000 Mia. EUR - Das Geld ist da!
    Aber wo steckt das Geld denn eigentlich? Gewöhnlich sollte es z.T. in Aktien (also Produktivvermögen), z.T. in Staatsanleihen und z.T. in von Banken vergebenen Krediten sein. D.h. das Geld ist gar nicht da, es ist nämlich schon längst weg! Zumindest Herr Müller sollte das wissen.
    Aber zum Glück haben sich die Herren Gates, Buffet etc. endlich dazu entschlossen, wenigstens einen kleinen Teil davon zurückzufordern und ihn den wirklich bedürftigen zukommen zu lassen. Allzu grosser Dank gebührt ihnen dafür nicht, denn letztlich haben sie dafür der Gesamtbevölkerung der entwickelten Staaten in die Tasche gegriffen. Sie selbst werden auf nichts verzichten müssen.
    Dinge regelmässig in Frage zu stellen ist ein natürliches menschlices Bestreben, welches dazu dient die bestehenden Verhältnisse zu verbessern. Leider ist es häufig sehr zeitraubend. Deshalb sollte man sich genau überlegen, mit welchen Themen man die Menschen beschäftigt, und ob man sie dadurch vielleicht nicht eher davon abhält, aktiv ihre Lebensverhältnisse zu verbessern.

  • bravo das wurde richtig erkannt. Die umverteilung muss wieder mal kommen. Der reset lässt uns neu beginnen. Aber warum wollen wir nicht aus der geschichte lernen und ein system ohne geld aufbauen.wer mal wissen will wie unser geldsystem aufgebaut ist: bitte bei youtube
    "der finanzcrash kommt teil 1" eingeben und mal 10 min gebannt schauen. Das bisherige system ist nach dem besitz ausgerichtet. haste was biste was. wäre es nicht besser ausschließlich nach reale leistung zu gehen? Ach ja daran hat die Finanz-Elite kein Interesse. Sie wäre arbeits- sowie auch nutzlos für die gemeinschaft....Alles wird sich sowieso wiederholen...Henry Ford sagte einmal zu unserem Geldsystem "Würden die Menschen verstehen, wie unser Geldsystem funktioniert, hätten wir eine Revolution – und zwar schon morgen früh."

    Henry Ford, 1863-1947

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