Dutschke spricht
Jetzt reicht es – Löhne hoch und Dutschke weg!

In seiner letzten Kolumne warnt der Sohn von Rudi Dutschke vor einer größer werdenden Lücke zwischen Arm und Reich. Seine Forderung: die kleinen Leute endlich am Wirtschaftsboom beteiligen.
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Es gibt eine Geschichte über meinen Vater aus den siebziger Jahren, worin er zu Besuch beim Theologen Helmut Gollwitzer war und dort einem Maurer begegnete, der einen Mercedes-Benz fuhr. Rudi konnte es nicht fassen, dass ein ausgebeuteter Arbeiter in der Lage schien, sich einen solchen Luxus zu leisten. Ob die Geschichte stimmt, lasse ich dahingestellt, aber was der Tatsache entspricht, ist, dass besonders die Arbeiterklasse vom großen Aufschwung der sechziger Jahre profitiert hat. Mit höheren Löhnen waren die Träume vom Häuschen und großem Auto für alle möglich. Ähnlich wie damals läuft die deutsche Wirtschaft läuft momentan auf Hochtouren. Einkommen aus Vermögen und Unternehmensgewinnen steigen massiv. Damals bedeutete eine florierende Wirtschaft den Aufschwung für alle; der Fahrstuhl ging für alle ein paar Etagen nach oben. Und heute?

Jeden Tag wenn ich aus dem Haus gehe, blicke ich auf eine Baustelle auf der anderen Straßenseite. Dort müssen die Bauarbeiter bei fast jedem Wetter den ganzen Tag harte körperliche Arbeit verrichten. Seitdem die Märkte mit billigem Geld überschwemmt werden und die Zinsrate kaum über die Inflationsrate liegt, suchen die immer reicher werdenden Investoren einen sicheren Hafen, um ihr Geld zu investieren. Immobilien im oberen und mittleren Preissegment in deutschen Großstädten sind genauso eine sichere Anlage und haben einen regelrechten Bauboom ausgelöst.

Als ich vor zwei Jahren meine Frau überredete, eine Wohnung zu kaufen anstatt zu mieten und uns damit auf 40 Jahre zu verschulden („Du bist doch verrückt“), da wusste sie auch noch gar nichts von meinen alten College-Schulden aus Boston. Jedenfalls wurden wir damals von einer Porsche Cayenne fahrenden Maklerin umgarnt, die uns den Kauf ganz rosig erklärte und uns bis zum Tag des Einzugs betreuen wollte. Letztlich sahen wir sie nach der Unterschrift beim Notar nie wieder. Ab und zu sehe ich den weißen Porsche im Kiez herumfahren und weiß, hier wird wieder kräftig Provision verdient mit leichter Arbeit. Wenn ich den Stundenlohn der Maklerin dem der Bauarbeiter gegenüberstelle – seit Januar 2013 beträgt deren Mindestlohn 11,05 Euro – verdient die Maklerin für ein paar nette Worte mehr als das 700fache. Ob die aus Osteuropa stammenden Bauarbeiter wirklich die ihnen garantierten elf Euro verdienen, kann bezweifelt werden.

Bevor der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung auf Betreiben Phillip Röslers umgeschrieben wurde, war darin ein Satz vorhanden, dass mehr als vier Millionen Menschen für einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro arbeiten. Denn obwohl in den vergangenen drei Jahren eine moderate Steigerung der Reallöhne zu verzeichnen ist, sind die Einkommen im Niedriglohnsektor preisbereinigt gesunken. Minijobs, prekäre Beschäftigungen, befristete Verträge. In Deutschland gibt es sie nun auch, die „working poor“ – also die, die trotz harter Arbeit zu arm sind, um zu leben.

Die einzige Antwort darauf lautet, dass die Löhne flächendeckend erhöht werden müssen. Doch wie immer warnen die Arbeitgeber, dass eine Verteuerung der Arbeitskosten Arbeitsplätze vernichtet und investitionshemmend wirkt. Ja, das Kapital ist ein scheues Reh. Viel deutet darauf hin, dass diese Vermutung nicht stimmt. Viel wichtiger noch als das ökonomische ist das gesellschaftliche Argument. Es tut uns nicht gut, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht. Es ist nicht zu vermitteln, dass die Arbeit von Hundertausenden – meist Frauen – überhaupt nicht wertgeschätzt wird und sie davon nicht mehr leben können. Und dies gilt nicht nur für Putzkolonnen und Kassierer im Supermarkt. Auch Krankenschwestern, Erzieher im Kindergarten oder Altenpfleger müssen davon ausgehen, dass ihre Arbeit der Gesellschaft nichts wert ist. Das ist nicht die Gesellschaft, in der ich leben möchte. Der Traum vom Mercedes-Benz oder vom Urlaub mit den Kindern, dem neuen Fahrrad und der Klassenfahrt darf nicht nur ein Wunschtraum bleiben.

Zum Schluss habe ich eine persönliche Mitteilung. Nach gut anderthalb Jahren ist die Zeit gekommen, einen Schlussstrich unter „Dutschke spricht“ zu ziehen. Es hat mir Freude gemacht, die Kolumne zu schreiben und ich hoffe, beim Lesen nicht nur vernichtende Kommentare im Forum sondern auch einige anregende Gedanken ausgelöst zu haben. Nobody said it ain’t easy oder Goodbye and good luck!

Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Er ist in Elternzeit und lebt in Berlin.

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  • achja die 70er, was für ein schöner warmer Geldregen ging da auf alle nieder - kreditfinanziert, by the way. Gleichzeitig wurden Strukturen geschaffen, die heute nur noch aufrecht erhalten werden können, indem ein Teil der Arbeitnehmer gnadenlos ausgebeutet wird. Ein bissschen mehr Steuern für grosse Einkommen / Vermögen wird daran auch nichts mehr ändern.

  • Länder mit großen Einkommensdifferenzen haben mehr soziale Probleme als solche mit geringen. Sie haben mehr Teenagerschwangerschaften, mehr Bildungsprobleme, mehr Drogensucht, mehr Inhaftierte (Gleichheit ist Glück - warum gerechte Gesellschaften besser sind). Wir täten gut daran, wenn wir die Ungleichheit wieder reduzieren.

    außerdem sind wir eine arbeitsteilige Gesellschaft. Wer will, dass jemand morgen noch als Krankenpfleger arbeitet oder Kindererzieher, der muss auch dafür zahlen, sonst kann er sich selbst eines Tages das Auto reparieren oder muss die Oma bei sich zu Hause selber pflegen.

    ich kenne gerade 4 Krankenschwestern die aus ihren Beruf rauswollen und ins Studium flüchten: wo bleibt die Anerkennung, der bessere Verdienst? Wer soll morgen noch in diesem Beruf arbeiten?

    es ist müßig darauf hinzuweisen, dass sie mit dem Beruf Nurse eigentlich momentan bessere Berufsaussichten hätten als mit dem angestrebten Studium wie Bio. Wir bekommen Ungleichgewichte am Arbeitsmarkt, wenn wir nicht fairer bezahlen und die EK-Disparitäten geringer halten.
    Diese Berufe macht dann irgendwann keiner mehr. Die Rente wurde auf 38% des Brutto-EK abgesenkt -- welche Krankenschwester möchte freiwillig in Altersarmut, nur weil sie diesen Beruf gewählt hat dummerweise?

  • @helft_hermann_denken.de

    Wissen sie, das Durchschnitteinkommen beträgt um die 2.500 € Brutto mtl. in Deutschland. Das bedeutet wegen der Ungleichverteilung das deutlich mehr als die Hälfte der Bevölkerung weniger verdient.
    50.000 € sind da ein ziemlich gutes Gehalt. Ich selbst habe zeitweise zwar mehr verdient ca. 70 T€, damit war ich aber schon im oberen Einkommenfünftel angekommen. Die letzten 10 Jahre allerdings nur noch um die 35 T€ und aktuell nochmals weniger.
    Wer alleine mit 50 T€ nicht auskommt und sich damit im oberen Einkommensdrittel der Gesellschaft bewegt, der hat völlig überzogene Erwartungen oder kann schlicht mit Geld nicht umgehen!

    H.

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