Dutschke spricht
Krankheit der Armen

Warum einkommensschwache Deutsche dicker sind - und was dagegen zu tun ist.
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Ende Oktober hat Gallup-Healthways Well-Being Index eine Studie veröffentlicht, aus der hervorging, dass die Hälfte der deutschen Bevölkerung entweder übergewichtig ist oder sogar unter Fettleibigkeit leidet.

Ja, die Deutschen werden immer dicker. Das ist zwar keine große Überraschung, aber erstaunlich ist doch, dass diese Entwicklung Hand in Hand mit der wachsenden Schere zwischen arm und reich voran schreitet. In den Daten liest man, dass die ärmsten Deutschen (Einkommen bis 1.400 Euro monatliches brutto) die dicksten sind. Unvorstellbare 21 Prozent dieser Gruppe sind sogar krankhaft dick. Je mehr eine Person im Monat verdient, desto unwahrscheinlicher ist ihr Risiko, krankhaft dick zu werden. Bei den Einkommen bis 2.750 Euro sind es nur noch 14 Prozent, bis 5.450 Euro zwölf Prozent und Einkommen darüber sogar weniger als zehn Prozent. Die armen Dicken leiden oft unter schlechter Durchblutung, hohem Blutdruck, Diabetes und haben ein stark erhöhtes Schlaganfallrisiko. Auf die ganze Bevölkerung gerechnet macht diese Gruppe 13,7 Prozent aus.

Die Zeiten, in denen Gicht die „Krankheit der Könige“ war, sind lange vorbei. Billiges Fleisch ist überall und jederzeit verfügbar. Eine 500 Gramm Hackfleisch Packung von Lidl, eine Currywurst oder ein Döner kosten meistens zwischen zwei bis drei Euro oder noch weniger. Die Schwächsten in unserer Gesellschaft lassen sich aus Frust zu Tode mästen, und eine politische Antwort darauf gibt es nicht. Der Kampf gegen die fetten Kinder, den Renate Künast vor knapp 10 Jahren ausgerufen hat, hat zwar zu vielen Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen geführt, aber nicht zu einer Besserung der Situation. Das von Thilo Sarrazin entwickelte Hartz IV-Menü kann man bloß als schlechten Scherz verstehen.

Noch ist die Lage in Deutschland nicht so schlimm wie in den USA. In den USA ist über ein Viertel der Bevölkerung fettleibig. Die Lage ist bedrohlich. Die Kosten, die dadurch für das Gesundheitssystem entstehen, sind kaum zu bezahlen. Und trotzdem haben Lobbyisten der Agrarindustrie es geschafft zu verhindern, dass z. B. die Essensausgabe an staatlichen Schulen reguliert wird. Ich selbst war von 1995-1999 auf einer High School in einem relativ gut situierten Vorort in Massachusetts und kann mich gut erinnern, dass es in der Schulkantine jeden Tag die Möglichkeit gab, Chicken Nuggets, Pommes oder Pizza zu kaufen. Das Fett tropfte nur so runter auf meinen Teller. Das universelle Schönheitsideal ist zwar nach wie vor der schlanke und gesunde Mensch, aber in den USA gibt es inzwischen auch eine sehr erfolgreiche Sitcom (Mike and Molly), in der das Leben zweier Fettleibiger sympathisch verklärt und romantisiert wird. Die weiße Fahne ist gehisst.

Kommen jetzt amerikanische Verhältnisse auf uns zu? Was gibt es für Lösungen? Versuche wie in Dänemark, eine Steuer auf ungesunde Produkte zu erheben führt ja nicht dazu, dass die Dicken plötzlich gesundheitsbewusster einkaufen, sondern nur dazu, dass sie mehr Geld dafür ausgeben. Teure und hochwertige Lebensmittel werden für arme Menschen nicht attraktiver, nur weil sie ein paar mehr Cents für ihre Chips ausgeben müssen. Darüber hinaus, haben die großen Nahrungsmittel Konzerne wie Nestle oder Kraft Foods auch in Deutschland eine starke Lobby, wie der Kampf um die Lebensmittelkennzeichnungen gezeigt hat. Am schärfsten trifft das Problem unsere Kinder. Die Lebensmittellobby hat sie längst als lukrative Zielgruppe entdeckt und versucht mit allen Mitteln, bunte und süße Ware an sie zu verkaufen – meist leider auch sehr billig.

Die Armen werden ärmer und dicker, während das Bildungsbürgertum beschämt wegschaut. Sie denken, dass sie die moralische Hoheit besitzen, weil sie sich Bio- und Fair Trade Produkte leisten können und dreimal in der Woche im Fitnessstudio schwitzen. Wer soll sich für die Interessen der wachsenden Gruppe der Fettleibigen einsetzen? Der Gesundheitsminister hat bislang nicht Stellung bezogen. Mehr Aufklärung über Inhaltsstoffe in Lebensmitteln ist dringend notwendig.

Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Er ist an der Hertie School of Governance beschäftigt und lebt in Berlin.

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  • Naja.

    Fazit eines Berichts über Ernährungsstudien in britischen und dänischen Jugendgefängnissen:

    Die Jugendliche seien mit gesunder Ernährung deutlich weniger aggressiv, aber dieses Essen schmecke ihnen nicht.

    Dazu passt ein anderer Test. Probanden wurden Salatdressings vorgesetzt. Ein Teil war von Sterneköchen zubereitet worden, der andere waren Fertigdressings mit Geschmacksverstärkern.

    Durchweg am besten beurteilt wurden die Dressings mit Geschmacksverstärkern. Kein Wunder, die wirken direkt auf das Belohnungszentrum im Gehirn. Würde man Geschmacksverstärker unter das BTMG stellen, würde Dreck auch nach Dreck schmecken und das Problem löste sich (fast) von allein.

    Oder nicht..?

  • Oh je! Wieder einmal sind es die Anderen, nur nicht die Betroffenen selbst, die für Ihre Lage verantwortlich sind. Klar, die Vergesellschaftung der Probleme ist eben der Weg des geringsten Wiederstandes. Ja, auch ich gehöre zu den hohen Einkommensträgern. Aber ich erspare mir jede Form von unnötigem Lebensmittelkonsum. Ich lebe aus Sicht der Übergewichtigen eher asketisch. Chips, Fast Food,Süsigkeiten und kalorienhaltige Getränke nur in Ausnahmen, ansonsten Tees oder Wasser und viel Obst und Gemüse (übrigens aus eigenem Anbau im eigenen Garten). Dazu kommt eine ausreichende Bewegung, die nicht teuer erkauft wird, sondern schon die täglichen Spaziergänge mit dem Hund reichen dafür aus. Und übrigens brauche ich dafür keinen Hund, sondern ich muss nur den Hintern hochbekommen.
    Als Bezieher von hohem Einkommen können Sie davon ausgehen, dass ich nicht mit einem 10-Stunden-Tag auskomme und auch an den Wochenenden noch arbeite. Dass ich mir trotzdem die Zeit nehme selbst zu kochen und mich zu bewegen zeigt doch nur, dass es möglich ist. Wenn ich jetzt jedoch wesentlich mehr Zeit zur Verfügung hätte, müsste es mir doch erst recht gelingen, genau diese Dinge zu tun und damit proaktiv an meiner Übergewichtigkeit zu arbeiten. Also, wo liegt das Problem. Ich bin nicht gewillt, mit meinen Sozialleistungen diese LMAA Einstellung zu unterstützen, bin aber dazu gezwungen. Wo liegt hier also soziales Verhalten vor?
    Übrigens, ich bin 54 Jahre alt und muss jeden Tag darauf achten, damit ich nicht in den Bereich des Übergewichts komme. Häufig höre ich aber, dass ich mit dem Gewicht ja kein Problem hätte. Stimmt, aber nur weil ich täglich darauf achte.

  • Ja, sicherlich gibt es ein Problem mit Übergewicht und Fettleibigkeit in Deutschland.
    Allerdings sind auch an diesem Artikel, der nicht viel mehr enthält als die üblichen Plattitüden, auffällig, dass wieder alle Schuld sind – die Lebensmittelkonzerne, die Politik, das „Bildungsbürgertum“ – nur die die Personen, die es wirklich betrifft, also die, die dauerhaft mehr Kalorien aufnehmen als sie verbrennen, können nichts dafür.
    Auch wenn ich die Studie selbst nicht gelesen habe, bin ich mir sicher, dass dort nicht gesagt wird, dass niedrigere Einkommen die Ursache für Übergewicht und Fettleibigkeit sind. Das einzige was gemacht wird ist zwei Datenreihen nebeneinander zu legen um festzustellen, dass diese einen ähnlichen Verlauf haben. Auf Kausalität lässt sich daraus sicher nicht schließen, jedenfalls nicht, wenn man wissenschaftlich arbeitet.
    Zudem gibt es auch Studien, die zeigen, dass mit steigender Intelligenz auch das Einkommen steigt. Das würde weiter bedeuten, dass übergewichtige oder fettleibige Personen unterdurchschnittlich intelligent sind.
    Statt es am Einkommen festzumachen, könnte es also auch sein, dass Übergewichtige und Fettleibige einfach zu dumm sind für eine gesunde Ernährung.
    Ach ja, und um Sport zu treiben muss man nicht dem Bildungsbürgertum angehören und sich die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio leisten können. Schwimmen verbrennt z. B. auch sehr viele Kalorien und die angeführten Harz IV Empfänger können öffentliche Schwimmbäder kostenlos oder mit deutlichen Vergünstigungen besuche. Sport treiben zu können hängt nun wirklich nicht vom Einkommen ab.

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