Dutschke spricht
Von den Amerikanern zu lernen, heißt, Steueroase zu lernen

Die USA gehören zu den Vorreitern, wenn es darum geht, Steuerflucht aus dem eigenen Land zu verhindern – und zu den Vorreitern, wenn es darum geht, das eigene Land für ausländische Steuerflüchtlinge attraktiv zu machen.
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Wohin mit dem Geld? Diese Frage stellen sich nicht nur russische Steuerflüchtlinge, seitdem es klar geworden ist, dass die Steueroase Zypern dem Tode geweiht ist. Einst beliebte Ziele wie Singapur und die Schweiz sind unattraktiv geworden, seitdem diese Länder sich bereit erklärten, Steuerabkommen zu unterzeichnen oder Steuersünder-CDs zum Verkauf anzubieten. Schließlich geht es auch um den seriösen Ruf dieser Länder auf der internationalen Bühne. Fast überall auf der Welt ist der Kampf gegen Steuerhinterzieher propagiert.

In Deutschland wird Steuerbetrug schon lange nicht mehr als Kavaliersdelikt gesehen. Mittlerweile müssen Hinterzieher gar mit Haftstrafen rechnen. Sogar in Russland, wo sich die Regierung doch eigentlich gern Seite an Seite mit den Oligarchen zeigt, werden Stimmen lauter, im Ausland gebunkertes Oligarchengeld nach Russland zurückzuholen. Eine erste populistische Maßnahme wurde schon in die Duma eingebracht und erwartet aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Verabschiedung. Danach wird es russischen Beamten zukünftig verboten, Konten im Ausland zu besitzen. Wenn solche Dinge sogar in Russland möglich sind, wo sollen denn all die willfähigen Steuerhinterzieher noch hinziehen?

Es gibt tatsächlich noch ein Land, das all die Möchtegern-Steueroasen wie unfähige Amateure aussehen lässt: die USA – Land der unbegrenzten Steuermöglichkeiten. Dabei sieht es im Moment oberflächlich eher nach dem Gegenteil aus. Die Amerikaner sind gerade besonders aggressiv, wenn es darum geht, Steuerflucht zu unterbinden. Es fängt damit an, dass im Ausland erworbene Einkommen ab 97.000 Dollar auch in den USA versteuert werden müssen beziehungsweise diese Einkommen werden zweimal besteuert. Außer Eritrea gibt es kein Land auf Erden, die eine solche Doppelbesteuerung betreibt. Darüber hinaus sind im Ausland lebende Amerikaner dazu verpflichtet, alle Konten mit einem Wert von über 10.000 Dollar dem Internal Revenue Service (IRS), auch gemeinsame Ehekonten mit Nicht-Amerikanern, offenzulegen. Um die Richtigkeit dieser Angaben zu überprüfen wird im Juli der Foreign Account Tax Compliance Act (FATCA) in Kraft treten, wonach ausländische Banken verpflichtet sind, dem IRS über Konten von Amerikanern Auskunft zu erteilen. Die USA als Weltmacht ist in der Lage, FATCA auch global durchzusetzen. Sogar die sonst eher diskreten Schweizer Banken haben sich verpflichtet, die Auflagen ab 2014 einzuhalten.

Diese Maßnahmen haben dazu geführt, dass die Zahl der Menschen, die auf ihre amerikanische Staatsangehörigkeit verzichtet haben, in den letzten Jahren stark gestiegen ist. Bekannteste Beispiele sind die Sängerin Tina Turner und der Facebook-Mitbegründer Eduardo Saverin. Doch auch der Verzicht auf die Staatsangehörigkeit wird einem nicht leicht gemacht. Nicht nur kostet der Vorgang eine Gebühr von 450 Dollar, sondern es gibt für Millionäre zusätzlich eine fällige Ausstiegssteuer von 15 Prozent auf alle Vermögenswerte. Geht es nach den Demokraten im Senat, soll diese Steuer demnächst nicht nur verdoppelt werden, sondern Einreisebestimmungen für diese ehemaligen Amerikanern sollen massiv erschwert werden.

Ironischerweise, während die Amerikaner ihr möglichstes tun, die Steuerflucht ihrer eigenen Bürger zu bekämpfen, wird die USA für ausländische Steuerflüchtlinge immer attraktiver. Schon seit den achtziger Jahren ist die USA der Geheimtipp als Steueroase für ausländisches Schwarzgeld. Einerseits sind Geldwäscher und Steuerflüchtlinge nicht ernsthaft gezwungen, das dreckige Geld zu versteuern (nur die Erträge aus dem Geld) und andererseits wird die Privatsphäre ausländischer Kunden in den USA stark geschützt. Auf Amtshilfe der Amerikaner zur Offenlegung von Schwarzgeld und Aufklärung von Steuerbetrug können andere Länder ewig warten. Dieser Schutz in bester schweizerischer Tradition ermöglicht es mit guter Planung, Vermögen Jahrzehnte in amerikanischen Bankern mit relativ wenig Besteuerung aufzubewahren und gegebenenfalls reinzuwaschen. Einer Schätzung von Politikern aus Florida zufolge bunkern Ausländer unglaubliche 3 Billionen Dollar in amerikanischen Banken. Gerade der Sunshine State Florida ist ein besonders beliebtes Steuerparadies. In Anbetracht der Tatsache, dass andere Steueroasen ausgetrocknet werden, überrascht es nicht, dass das amerikanische Außenministerium dieses Jahr eine Rekordzahl der Anträge für sogenannte Investorenvisa erwartet. Da kann sich die Wall Street trotz der Finanzkrise auf neues Geld freuen!

Während in Europa die fehlenden Steuergelder schmerzhaft gespürt werden, schaffen es die Amerikaner, nicht nur die eigenen Bürger zur Steuerraison zu zwingen und ihre Auslandskonten offenzulegen, sondern entwickeln sich auch rasch zum neuen Premiumstandort für das Geld europäischer Millionäre. Von den Amerikanern lernen, heißt siegen lernen.

Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Er ist in Elternzeit und lebt in Berlin.

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Kommentare zu " Dutschke spricht: Von den Amerikanern zu lernen, heißt, Steueroase zu lernen"

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  • @GreenCard: in Ergänzung und um das Habwissen von Herrn Dutschke zu vervollständigen: die FATCA Regularien sehen auf Ebene Deutschland und USA den GEGENSEITIGEN Datenaustausch vor. Das kann man sehr leicht auf der Seite des Bundesfinanzministeriums nachlesen. Ein kleines Detail vielleicht, das Herrn Dutschke bei seiner Recherche (sofern stattgefunden) entgangen zu sein scheint. Einer der versucht, zu allem und jedem etwas Sinnvolles (!) (vermutlich gegen Geld) zu schreiben, muss scheitern. Oder Sie leisten sich endlich mal einen Beraterstab, der Ihren Name vermarktet, Herr Dutschke. Ansonsten täte sich das HB einen Gefallen, solche Artikel erstmal durch einen Fachabteilung in der Qualität zu sichern. Pseudohalbwissen braucht kein Mensch.

  • Steuern sind ein Reizthema besonders für die ideologisch interpretierten Steuerverkürzungen und Hinterziehungen.

    Dabei wird so getan, als ob es völlig glasklar wäre, wann Steuern hinterzogen werden und wann nicht.
    Dabei ist die Grauzone moralisch weitaus größer als rechtlich.
    Und die Diskussion allein auf den Rechtstatbestand zu verkürzen erinnert irgendwie daran das Ermächtigungsgesetz 1933 allein nach seiner Legalität zu beurteilen.
    Natürlich geht es um andere Dimensionen, aber das Prinzip ist ebenso zweifelhaft.
    Zusätzlich kommt hinzu, das der Staat ja selbst sich nicht an seine Gesetze hält. Es ist nicht nachvollziehbar Steuerhinterzieher zu kriminalisieren und eine Landesregierung in NRW wegen verfassungswidriger Haushalte völlig straffrei zu lassen.
    Und es ist durchaus legitim diese Haushaltspolitik für weit krimineller zu halten als simple Steuerhinterziehung.
    Das mag denjenigen egal sein, die der Auffassung sind, das Ihnen Gelder Dritter mangels Besteuerung vorenthalten werden, wirft aber heftige Fragen hinsichtlich der Moral solcher Forderungen auf.
    Es ist übrigens mittlerweile der Normalfall sich auf solch zweifelhafte Weise moralisch über Andere zu überheben und auch dass weckt Erinnerung an die düstere Vergangenheit.
    Und auch damals wurden diese Vorurteile und Einseitigkeiten durch die normalen Parteien befördert und propagiert und untergruben damit den Respekt vor dem politischen Gegner oder anderen Gesellschaftsgruppen.
    Ich finde es zutiefst beschämend, das wir diesen Fehler wiederholen, denn Positives wird das ebenso wenig befördern wie damals. Auch wenn es nicht gleich die Superkatastrophe zur Folge hat.
    Und komme mir keiner damit, dass Vergleiche mit damals unerhört wären. Unerhört ist es eher mit solchen Verweisen sich der Kritik zu entledigen. Denn es bedeutet gerade aus der schlimmsten Katastrophe nichts lernen zu wollen.

    H.

  • Naja Herr Dutschke ist Quoten-Schreiber, damit die Quote fürs "linke Amerika-Bashing" stimmt. Im Unterbewusstsein sollen die Deutschen immer mit Negativ-Meldungen aus den USA versorgt sein. Auch die Chancenlosigkeit aus den Bereichen Unterschicht und Migration sind sein Dauerthema. Deutschland im Griff der Proll-Diktatur, die "aufbegehrt", keine Lust hat zum Anstrengen, zum Lernen und zum Arbeiten.

    Dafür steht Herr Dutschke und langweilt uns jedes WE auf's Neue im HB, die müssen ihn auch schreiben lassen ... "linke Quote eben".

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