Dutschke spricht
Was für eine Verschwendung

Berlin will zwei Standorte der Landesbibliothek zusammenführen. Klingt sinnvoll. Doch die Kosten-Prognose erinnert an andere Großprojekte, die viel zu teuer ausfallen. Die Standortwahl setzt noch eins drauf.
  • 3

Wer gedacht hat, dass Politiker nach den desaströsen Erfahrungen mit der Elbphilharmonie, Stuttgart 21 und dem Hauptstadtflughafen langsam davon abrücken würden, teure und wahnwitzig geplante Prestigebauten in Auftrag zu geben, kennt Klaus Wowereit schlecht. Der ewige Bürgermeister Berlins, einst als junger Wilder auch als verheißungsvoller Hoffnungsträger für die Bundes-SPD gehandelt, hat ja offensichtlich schon seit längerem keine richtige Lust mehr zu regieren und verhielt sich beim BER zuletzt bockig wie meine Tochter, wenn ich sie zum Gemüseessen überreden will: Ihr seid alle doof. Beim nächsten Megabauprojekt hofft Wowereit insgeheim, nicht mehr im Amt zu sein, wenn die großen Probleme auftauchen.

Kurz und schmerzhaft: alle Kolumnen

Kolumnenkabinet

Dieses Projekt ist dem Bau einer Bibliothek gewidmet. Die zwei Standorte der Landesbibliothek sollen zusammengeführt werden. Dies klingt zunächst sinnvoll. Allerdings liegen die geschätzten Kosten in der ersten Planungsphase schon bei 270 Millionen Euro. Gerade erst wurde die aufwendig sanierte Staatsbibliothek Unter den Linden nach Jahren im Baugerüst wiedereröffnet, und die Einweihung des modernen Grimm-Zentrums der Humboldt-Universität ist auch noch nicht lange her. Wowereit möchte sich wohl im Vergleich zu diesen gelungenen Projekten nicht lumpen lassen und stellte letzten Monat architektonisch sehr ansprechende Entwürfe vor.

Aber muss denn das so teuer sein? In eine Bibliothek gehe ich doch, um etwas auszuborgen und mitzunehmen. Das Geld sollte doch eher in die technische Aufrüstung gehen, um dem digitalen Bücherzeitalter gewachsen zu sein. Es sieht aber eher so aus, als wolle man schlichtweg eine teure Hülle für die alten Bücher bauen. Was für eine Verschwendung. Sogar der konservative Koalitionspartner möchte das Projekt am liebsten hinten anstellen. Doch Wowereit lässt sich bis jetzt nicht aufhalten, und es droht in absehbarer Zukunft ein weiteres unnötiges finanzielles Debakel.

Seite 1:

Was für eine Verschwendung

Seite 2:

Wieso ausgerechnet auf dem Tempelhofer Feld?

Kommentare zu " Dutschke spricht: Was für eine Verschwendung"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Gott sei Dank, in Berlin wissen wir wieder alles besser. Metropolen in Europa und Übersee sind stolz auf ihre modernen Bibliotheksbauten, zurecht, wie man erkennen wird, wenn man z.B. den Blick in die Niederlande nach Amsterdam und Rotterdam oder Finnland wagt. Zentral gelegen, zweckmäßig und modern geplant. Sicherlich nicht für wenig Geld, aber daran sieht man, welchen Stellenwert Bildung in diesen Ländern hat - und welchen hier. Bibliothek? Auf unserem schönen Tempelhofer Feld? Ja, wo soll man denn da noch joggen oder den einzigartigen Vibe Berlins spüren?

    Es ist wohl davon auszugehen, dass 270 Mio. nicht reichen, wenn es keine transparente Planung gibt. Vielleicht lernt man hier vom BER. Mich würde aber interessieren, woher der Autor weiß, dass die technische Ausrüstung im Preis nicht inbegriffen ist. Zum Thema "teure Hülle für alte Bücher": Es scheint, als setze sich diese Vorstellung im Angesicht vermeintlich explodierender Verkäufe von E-Books immer mehr durch. Auch für die Zukunft muss ausreichend Magazinplatz eingeplant werden, denn noch immer ist das gedruckte Buch, die gedruckte Zeitung und Zeitschrift, das Rückgrat einer Bibliothek - das hat wenig mit Rückständigkeit oder veraltetem Wissen zu tun. Rückständig und veraltet ist aber die Idee, die Hauptstadt, die so gerne Weltstadt sein will, ist mit Bibliotheken aus den 50er Jahren, einem Pferdestall und einem Getreidespeicher bestens für das vielbeschworene Informationszeitalter gerüstet.

  • Der Bund der Steuerzahler hat eine ganz klare Meinung dazu. Da die "Einzelfälle" zunehmen, kann man da nur zustimmen.

    "Die öffentliche Verschwendung von Steuergeldern soll künftig strafrechtlich verfolgt werden, fordert der Bund der Steuerzahler. Er hat Vorschläge erarbeitet, die auch Haftstrafen vorsehen."

    http://www.welt.de/wirtschaft/article116351230/Amtstraeger-sollen-fuer-Steuerverschwendung-in-Haft.html

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%