Dutschke spricht: Zypern spielt mit dem Untergang

Dutschke spricht
Zypern spielt mit dem Untergang

Die zyprische Regierung versucht der EU einen Rettungsplan schmackhaft zu machen, bei dem die reichen Bankkunden verschont bleiben. Doch damit riskieren die Politiker in Nikosia den Untergang des eigenen Landes.
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Nach einer kurzen Verschnaufpause ist die Eurokrise wieder in aller Munde. Sogar eine neue euroskeptische Partei wohlsituierter Männer im besten Alter ist in der Zwischenzeit auf die große Bühne getreten. Ein Viertel der Bevölkerung könnte sich vorstellen, sie zu wählen. Ich kann dem zwar nicht viel abgewinnen, aber sie sollen es doch mal versuchen. Vielleicht zwingt es die etablierten Parteien, sich stärker mit Europathemen auseinanderzusetzen. Die Unkenntnis mancher Bundestagsabgeordneter lässt einen schaudern.

Die Skepsis der Deutschen gegenüber Europa wird momentan von den Geschehnissen in Zypern befeuert. Denn wer das Agieren der zyprischen Regierung diese Woche beobachtet hat, kann nur mit dem Kopf schütteln. Die politische Klasse des Landes scheint ja geradezu erpicht darauf zu sein, den finanziellen Selbstmord zu begehen. Trotz des drohenden Staatsbankrotts wollen sie um jeden Preis versuchen, ihren verschuldeten Finanzsektor zu retten. Sie haben den europäischen Rettungsplan abgelehnt, der eine Zwangsabgabe von zyprischen Bankkunden von 6,75 Prozent auf Einlagen bis 100.000 Euro und 9,9 Prozent bei Einlagen darüber vorsah.

Dieser Plan hätte zwar den Bankensektor in Zypern stark geschwächt, aber sie wären gerettet gewesen. Eigentlich war es ein schlechter Scherz, dass die russischen Milliardäre nur mit knapp zehn Prozent beteiligt werden sollten. Wir reden ja gerade einmal von zwei Jahresrenditen, die den Oligarchen entgehen. Wenn wir bedenken, dass ein großer Teil des Geldes für den Zweck der Geldwäsche und Steuerbetrug dort verwahrt wird, dann finde ich deren Beteiligung viel zu klein. Ich meine, die Milliardäre sollten zu fünfzig Prozent beteiligt werden und der Kleinsparer gar nicht! 

Obwohl der Rettungsplan für Zypern durchaus zu verkraften gewesen wäre, versucht die zyprische Regierung, der EU einen neuen Rettungsplan schmackhaft zu machen, bei dem die reichen Bankkunden verschont blieben. Leider bringt dieser Vorschlag bei weitem nicht die geforderten 5,8 Milliarden ein. Die Zyprer verhandeln parallel mit Russland über eine Finanzhilfe, um die EU unter Druck zu setzen. Es wird der Eindruck erweckt, als würden sie bald den britischen Militärstützpunkt gegen einen russischen austauschen. Putin und Medwedjew haben jedoch kein ernsthaftes Interesse, Zypern zu retten. Denn die Zyprer haben einfach einen schlechten Zeitpunkt gewählt: In Russland läuft derzeit die größte staatliche Anti-Schwarzgeld-Kampagne mit Putin an der Spitze.

Warum riskiert die zyprische Elite den Untergang des eigenen Landes, um die Einzelinteressen weniger Milliardäre zu schützen? Ich glaube es liegt nicht daran, dass sie Angst vor der russischen Mafia haben, wie mancherorts kolportiert. Die nahe liegende Antwort ist, dass die Elite selbst im Finanzsektor derart verstrickt ist, dass sie alles aufs Spiel setzen, um die Banken zu retten. Das Verhalten der zyprischen Regierung darf nicht belohnt werden. Brüssel muss hart bleiben.

Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Er ist in Elternzeit und lebt in Berlin.

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Kommentare zu " Dutschke spricht: Zypern spielt mit dem Untergang"

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  • Was erhält denn M.Dutschke, ein bekannter und ausgewiesener Finanzexperte, für seinen intelligenten, mit neuen Informationen ausgestatteten und weiterbildenden Aufsatz vom HB? Oder zahlt er, damit er veröffentlicht wird?

  • Ersparen Sie bitte dem niveausuchenden Leser Ihre zweifellos linken Kommentare Herr Dutschke.

  • Die Zyprioten halten meiner Ansicht nach deswegen so hartnäckig an ihrem "Geschätsmodell" fest, weil sie nichts anderes haben und sich vorstellen können. Reicht man ihnen eine realistische, alternative Perspektive, lassen sie ihr altes Modell vermutlich schnell hinter sich. Dazu muss man aber mal das "alternativlos"-Gequatsche einstellen.

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