Fußball live ist großartig, aber...
Ein Plädoyer für die journalistische Kombi-Packung

„Heute kommt Fußball im Fernsehen“: Vor einigen Jahren wurde dieser Satz noch voller Ehrfurcht ausgesprochen, mittlerweile gehört er zum Alltag – gerade im WM-Jahr. Für Sportjournalisten wird das zur Herausforderung.
  • 0

In den nächsten Wochen erleben wir wieder Fußball-Festspiele. Die Bayern gegen den BVB im Pokalfinale und gegen Real in der Champions-League. Holen sie das Triple oder bleibt „Don Jupp“ Heynckes einmalig? Als Krönung dann noch die WM in Brasilien. Diese Spiele helfen den großen Sendern Tage, Wochen und vielleicht sogar den Jahreswettkampf um die höchsten Marktanteile zu gewinnen. Daraus sollte aber auch eine Verpflichtung entstehen!

Vorab: Ich gehöre nicht zu denen, die sich über zu viel Fußball im Fernsehen beschweren. Oder die darin das schleichende Ende der Fußball-Faszination entdecken. In den 90er waren sich viele Kritiker noch einig: Zu viele live übertragene Spiele machen den Fußball kaputt. Wird das Fernseherlebnis nicht dadurch entwertet, dass Live-Fußball zur Massenware wird? An diesem Argument ist zugegeben etwas dran. Die Fußballfans unter Ihnen, die deutlich älter als 30 sind, kennen vielleicht noch den ehrfürchtig ausgesprochenen Satz: „Heute kommt Fußball im Fernsehen“.

Aber diese Erinnerung steht für eine Zeit, die endgültig vergangen ist. Für eine Zeit, in der man aufstehen musste, um am Fernseher durch Tastendruck das Programm zu wechseln - was man nicht allzu oft tat, weil es ohnehin nur drei Programme gab. Mit der Einführung des dualen Systems gehört diese Medienwelt genauso ins Museum wie der 4:3 Röhrenfernseher vor bunten Tapeten und wie eine Fußballwelt ohne wöchentliche, ja beinahe tägliche Live-Übertragungen.

Denn die zweite Untergangsvision der Kritiker hat sich nicht bewahrheitet: Wer wird noch ins Stadion gehen, wenn man beinahe jedes Spiel zu Hause am Fernseher sehen kann? Die Antwort: Mehr als jemals zuvor.

Glaubwürdigkeit ist entscheidend

Doch das alles bedeutet nicht, dass der Fußball sich zu sicher sein darf. Die Spielmacher vor und hinter den Kulissen wissen, dass es eine sehr differenzierte Fan-Kultur gibt. Dass viele Fußball-Anhänger die Sponsoren-gebrandeten Stadionnamen nicht in den Mund nehmen. Für sie ist der Signal-Iduna-Park in Dortmund nach wie vor das Westfalenstadion. Immer wieder zeigt sich auch, wie brüchig das Verhältnis der Fans zur eigenen Mannschaft ist. Das Fußball-Stadionerlebnis darf nicht zur durchkommerzialisierten Folklore verkommen, die nur noch den gewünschten Rahmen für die Live-Übertragung bietet.

Kurz und schmerzhaft: alle Kolumnen

Kolumnenkabinet

Genauso wichtig ist es, dass Sportjournalisten glaubwürdig bleiben. Dass sie die Möglichkeit haben, sich auch journalistisch zu bewähren. Live-Fußball dominiert seit Jahren die Berichterstattung. Ein Fußballspiel nach heutigen Maßstäben gut zu übertragen, ist eine große professionelle Herausforderung für die übertragenden Sender. Gleichzeitig sollte eine Sportredaktion aber auch immer wieder Themen abseits des Live-Ereignisses aufspüren. Dies geschieht bei ARD und ZDF zum Beispiel in „sport inside“ im WDR und zum Glück auch immer noch im „aktuellen sportstudio“ und der „sportreportage“.

Warum aber nutzen die Sender nicht häufiger große Fußballspiele, um direkt im Anschluss hintergründige Sport-Dokus zu platzieren? Vereinzelt wird dies ja bereits mit Erfolg praktiziert. Ein klares Bekenntnis zum hintergründigen Sport-Journalismus könnte ein eigenes Format mit einer klar definierten Anzahl von Sendungen sein. Selbst wenn es „nur“ sechs bis acht Dokus pro Jahr wären – es wäre ein deutliches Zeichen der Programmmacher. Ob der alte ZDF-Sendungstitel „sportspiegel“ noch zeitgemäß ist, sei dahingestellt, aber dem Sport und seinen Spielmachern vor und hinter den Kulissen den Spiegel vorzuhalten ist wichtiger denn je.

Michael Steinbrecher ist Journalist, Fernsehmoderator und seit 2009 Professor für Fernseh- und crossmedialen Journalismus am Institut für Journalistik der TU Dortmund. Von 1992 bis Mitte 2013 hat er das ZDF-Sportstudio moderiert und war für das ZDF als Moderator bei zahlreichen Sport-Großereignissen wie Fußballwelt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen vor Ort. Bis zum Ende der Fußball-WM 2014 in Brasilien wirft er – künftig immer samstags – einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen des internationalen Spitzensports.

Kommentare zu " Fußball live ist großartig, aber...: Ein Plädoyer für die journalistische Kombi-Packung"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%