Henkel trocken
Das Schweigen der Chefredakteure

Den sonst so kritischen deutschen Journalisten fehlt offenbar der Durchblick. Statt den Euro endlich abzuschreiben, klammern sie sich verbissen daran fest. Doch ewig kann das nicht so gehen. Und dann warten viele Fragen.
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In den letzten Monaten war ich in Schweden, Dänemark, Lettland, Estland, Litauen, Tschechien, Großbritannien, Polen und der Schweiz; mit Ausnahme Estlands sind das Nicht-Euroländer. Es ist hinreichend bekannt, dass die Bürgerinnen und Bürger dieser Länder mit dem Euro nichts mehr zu tun haben wollen. Journalisten aus diesen Ländern fragten mich, warum sich die Deutschen die finanzielle Überforderung durch ihre eigene Regierung gefallen lassen. Ich wies auf die Tatsache hin, dass Frau Merkel im Bundestag keine Opposition zu fürchten habe. Ich erwähnte, dass aus historischen Gründen hierzulande eine ehrliche Diskussion über Alternativen zum Einheitseuro als politisch inkorrekt wahrgenommen und zu einem Tabu erklärt wurde.

Trotzdem wundern sich ausländische Journalisten darüber, dass ihre berufsmäßig kritischen Kollegen in Deutschland dem Einheitseuro in unverbrüchlicher Treue ergeben zu sein scheinen. Zwar sehen sie, dass es jetzt auch bei uns immer mehr Journalisten gibt, die mit messerscharfer Diagnose und düsterer Prognose ein realistisches Bild für den Europatienten zeichnen.

Sie registrieren, dass auch deutsche Kollegen zwar immer öfter über den ESM und auf die EZB schimpfen, diese sich aber weiterhin für die Beibehaltung der Einheitswährung aussprechen. Müsste nicht auch den deutschen Journalisten, so fragen die Ausländer, längst klar sein, dass ohne die auch von ihnen kritisierten Rettungsaktionen der Einheitseuro schon längst Geschichte wäre?

Akribisch schnüffeln deutsche Journalisten den Privatreisen eines Ex-Bundespräsidenten und dem Privatleben seiner Frau hinterher. Neueste Nachrichten über die Dissertation der Forschungsministerin finden sich als Aufmacher auf der ersten Seite der „FAZ“. Fast schon rassistische Untertöne schlägt die “Bild“ an, wenn sie über die Zustände in Griechenland berichtet.

Beim Megathema „Euro“ dagegen ruht still der See, und wehe dem, der für Wellengang sorgt. Ich kann ein Lied davon singen. Befürworter einer alternativen Europolitik werden in Talk-Shows von Vertretern des Euromainstreams regelmäßig umzingelt und von den Moderatoren durch Minenspiel, Körpersprache und dauerndes Unterbrechen marginalisiert.

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  • Herr Henkel hat zugegeben, dass er seine Meinung revidieren musste. Das ist nach meiner Einschätzung bei ihm glaubhaft und daher ehrenwert. Noch ehrenwerter ist es, dass das Handelsblatt ihm eine Plattform bietet. Ich glaube nicht, dass Presseerzeugnisse wie "Financial Times Deutschland" oder die "Süddeutsche Zeitung" das auch tun würden. Daher von meiner Seite: Respekt Herr Henkel, aber auch Respekt, Herr Chefredakteur!

  • Henkel und Sinn zählen, da letztlich doch ihrem Intellekt und legitimen wie existentiellen Patriotismus verpflichtet-
    ganz im Gegensatz zur abgehalfterten Berliner EU-Einheitsfront- zu den wichtigsten Euroklägern nach den DM-Musketieren Schachtschneider, Hankel, Starbatty, Nölling und Edelmann Spethmann. Recht wurde Unrecht, Wohltat längst Plage. Diese apokalyptische Gefahr für Recht,Staat und Wirtschaft- die Einheitswährung- drängtlangsam aber endlich in die Schreibstuben der nicht europäistisch infizierten Journalisten vor. Unrühmlichste Ausnahme:
    der GEZ-Funk.

  • Olaf Henkel hat 1993 in der "FAZ" Manfred Brunners "Bund Freier Bürger", der gegen den Euro u. Maastricht auftrat, als "Rattenfänger" bezeichnet, mein oder vieler anderer Leserbriefe dagegen wurden nicht veröffentlicht. HAt sich Henkel schon mal bei Brunner entschuldigt?
    Ein Elefant mit gutem Gedächtnis

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