Henkel trocken
Der Euro und die Erbsünde

Gegen die Euro-Rettungspolitik der Bundesregierung wehrt sich die deutsche Bevölkerung kaum. In London wundert man sich über diese Art der Selbstverstümmelung. Denkt der Deutsche etwa mit zwei Gehirnhälften?
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Letzte Woche sprach ich in London mit Politikern, Journalisten, Wirtschaftsführern, Ökonomen und britischen Bürgern über die Europolitik der Bundesregierung. Bei uns liest man, wie sehr die britische Regierung die deutsche bedrängt. Berlin soll sich endlich als Gesamtgläubiger hinter den Euro stellen; schon um den Gefahren für die britischen Banken zu entgehen. Die meisten Fragen, die mir in London gestellt wurden, zielten in die andere Richtung:

Wie kann es sein, Mr. Henkel, dass sich die deutsche Bevölkerung die Rettungsaktionen so einfach gefallen lässt?

Warum gibt es dagegen keine nennenswerte Opposition im Bundestag?

Wieso gibt es keine politische Bewegung, die die breite Ablehnung der deutschen Bevölkerung gegen die Rettungspolitik aufnimmt, artikuliert und in einer Parteigründung münden lässt?

Immer wieder habe ich diese Fragen so oder ähnlich beantwortet: Wirtschaftsführer leiten die Deutschen in die Irre („Deutschland profitiert am meisten vom Euro“!), Politiker schüren Ängste („Scheitert der Euro, scheitert Europa!“), Medien kritisieren zwar immer öfter die Rettungspolitik, lassen eine echte Diskussion über Alternativen aber nicht zu („Der Euro bleibt alternativlos“!).

Die von mir bei einem Londoner Think Tank unterbreitete These, dass das Rütteln am Einheitseuro (nur!) in Deutschland als politisch inkorrekt gilt und zu einem Tabu erklärt wurde, ließ einem älteren Mann aus der Runde keine Ruhe. Er meinte, dass die Deutschen mit zwei Gehirnhälften dächten. Mit der einen würden sie rational denken, mit der anderen alles daraufhin überprüfen, ob das Ergebnis mit ihrem schlechten Gewissen für in der Vergangenheit begangene Gräueltaten in Einklang gebracht werden könne. Das sei verheerend für die deutsche Gesellschaft, so würde sie sich weder emanzipieren, noch den richtigen Weg nach Europa finden können. Die Nachkriegsgenerationen könne man doch nicht mit einer Erbsünde belasten.

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Kommentare zu " Henkel trocken: Der Euro und die Erbsünde"

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  • Die Cobra-Schuldenkrise der Eurozone - Stiglitz lässt grüssen, ist nicht mehr lösbar, dies hat man -bewusst?- verpasst. Vieles sind "papier" Schulden aber auch wenn,das System was dahinter steckt ist verpönbar; verschiebe alles bis auf nach den Wahlen und für die nächste Generationen zu Lösen und zu bezahlen.

  • http://www.youtube.com/watch?v=iZiO9bqzHzg

  • Erstens sind die 2 Billionen nur die offiziellen Zahlen. Incl Pensionsansprüchen und Verbindlichkeiten unserer Sozialsysteme und Schattenhaushalte dürfte es fast das Doppelte sein - japanische Verhältnisse. Zweitens sind das über 90% des BIP (!) - in Japan fast 200%, dh man vervespert heute, was man nächstes Jahr (in Japan: übernächstes Jahr)erwirtschaftet. Unsere Enkel werden es uns auch ohne €-Rettung danken! An Sparen denkt bei uns kein einziger Politiker, an die Tilgung auch nur eines einzigen € hat noch nie einer gedacht - warum auch: wir Wähler haben das nie gefordert!. Die Politiker hoffen, daß durch Wirtschaftswachstum die Prozenzahlen kleiner werden, so daß irgendwann die alten Maastrichtkriterien, die sowieso nur das Volk immer ernst genommen hat, wieder erreicht werden könnten. Vermutlich ist die €-Krise nur inszeniert um zu verschleiern, dass der gesamte Sozialstaat unfinanzierbar geworden ist - schon bevor uns die Überalterung überrollt.

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