Kurz und schmerzhaft

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Henkel trocken: Der Euro und die verlorene Dekade

Immer mehr Menschen in der Eurozone verlieren ihre Jobs. Nach Frankreich droht nun auch Deutschland der wirtschaftliche Stillstand. Auf die hiesige Industrie kommen hohe Zusatzkosten zu - mit bösen Folgen für den Export.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor
Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Was der Euro konjunkturell anrichtet, zeigen die neuen Arbeitslosenzahlen und die Prognosen der EZB. Mit 18,7 Millionen sind heute so viele Eurozonenbürger arbeitslos wie noch nie. Allein im November sind 173.000 Arbeitslose hinzugekommen. Alles schaut zwar auf Griechenland, dabei wird übersehen, dass Frankreich zum Geisterfahrer auf der Euroautobahn geworden ist. Francois Hollande fährt nicht in Richtung Fiskalpakt. Er fährt gegen die Wand. Derweil sitzen die Deutschen mit im Eurobus, greifen nicht ins Steuer, aber aussteigen dürfen sie auch nicht.

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Kein Wunder, dass die konjunkturelle Realität nun auch Deutschland einholt. Magere 0,4 Prozent Wachstum sind noch prognostiziert. Sogar eine Rezession ist nicht mehr auszuschließen. Der deutsche Sparer, der deutsche Konsument und der deutsche Unternehmer sind vorsichtig geworden. Kein Wunder, denn die Unsicherheit über die Eurorettungspolitik ist bei uns mit Händen zu greifen. Während die Weltwirtschaft weiter wächst, vor allem legen einige Nichteuroländer, China und die U.S.A. wieder deutlich zu, verharrt die Eurozone in einer Rezession. Wenn es denn nur ein paar verlorene Jahre wären.

Um den Einheitseuro am Leben zu erhalten, müssen die gravierenden Unterschiede in der Produktivität zwischen dem Süden und Norden einigermaßen eingeebnet werden. Man kann versuchen, den Süden wettbewerbsfähiger zu machen, und man kann dafür sorgen, dass der Norden weniger wettbewerbsfähig wird. Da das mit dem Süden nicht so recht funktioniert, siehe Frankreich und Griechenland, versucht man beides.

Reform der Euro-Zone

  • gemeinsame Bankenaufsicht

    Die Aufsicht unter dem Dach der Europäischen Zentralbank (EZB) ist für die EU ein vordringliches Projekt. Wenn die Aufsicht für die Geldhäuser der Eurozone steht, kann der Rettungsfonds ESM marode Institute direkt rekapitalisieren. Paris drückt bei der Aufsicht aufs Tempo, Berlin hat es allerdings nicht eilig.

  • Reformverträge

    Euro-Länder könnten mit der EU individuelle Verträge abschließen, die das Umsetzen von Reformen besiegeln. Van Rompuy stellt bei Erfolg finanzielle Anreize in Aussicht. Diese könnten aus dem Eurozonen-Budget kommen. Berlin unterstützt die Idee.

  • Euro-Zonen-Budget

    Van Rompuy spricht nicht direkt von einem gemeinsamen Budget der Euro-Länder, sondern von der Entwicklung einer „Fiskalkapazität“. Sie könnte auch Finanzschocks in einzelnen Ländern auffangen. Höhe und Herkunft des Budgets sind noch offen.

  • Eurobonds

    Van Rompuy schlägt vor, „sichere und liquide Finanzanlagen“ für den Euroraum zu schaffen - das könnten Eurobonds oder Eurobills (kurzfristige Anleihen) sein. Berlin lehnt gemeinsame Anleihen im Währungsraum weiter ab.

  • Tilgungsfonds

    Staatsschulden könnten unter bestimmten Auflagen in einen Tilgungsfonds für Altlasten überführt werden, schreibt Van Rompuy. Berlin weist die Idee zurück.

  • Schäubles Vorschläge

    Schäuble fordert einen stärkeren EU-Währungskommissar, der Länderhaushalte mit zu hohen Defiziten an nationale Parlamente zurückverweisen könnte. Außerdem plädiert er für rasche Veränderungen des EU-Vertrags. Dafür ist allerdings Einstimmigkeit unter den 27 EU-Staaten nötig.

Die aus taktischen Gründen vom europäischen Präsidenten von Rompuy verschobene Bankenunion wird dazu führen, dass die deutschen Sparer mit ihren Einlagen für die Banken der Südländer in Mithaftung genommen werden. Sein neuer Vorschlag, die Arbeitslosenversicherung auf europäischer Basis zu zentralisieren, bedeutet, dass sich die deutschen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bald auch mit ihren Sozialbeiträgen mit den Arbeitslosen in Frankreich solidarisch zeigen dürfen. Das reduziert die hohen französischen Sozialabgaben und erhöht die niedrigeren in Deutschland. Dazu passt, dass der französische Industrieminister, wie vor ihm schon die jetzige (französische) Präsidentin des Internationalen Währungsfonds (IWF), nicht müde wird, die deutsche Industrie aufzufordern, weniger produktiv zu sein.

Die deutsche Industrie ist auf bestem Weg, genau das zu tun. Das stabilisiert zwar den Euro, erodiert aber ihre Wettbewerbsfähigkeit aus der Sicht der Kunden, auf die es am meisten ankommt, die in den Ländern außerhalb der Eurozone. Dort, nicht in der Eurozone, landen 60 Prozent der deutschen Exporte.

Die weltweit besten Industriestandorte

  • Platz 1

    Die USA behaupten sich im IQ-Index auf dem ersten Rang. Dort waren die Vereinigten Staaten bereits 1995 zu finden.

  • Platz 2

    Im Vergleich von 45 Industrienationen belegt Schweden den zweiten Rang. Seit 1995 hat sich Schweden damit um zwei Plätze verbessert.

  • Platz 3

    Dänemark macht zwei Plätze gut und springt auf Rang 3. Skandinavien macht derzeit wirtschaftlich eine gute Figur.

  • Platz 4

    Auch Deutschlands Nachbar Schweiz schafft es auf einen der vorderen Plätze – 1995 stand die Alpenrepublik noch auf Rang 7.

  • Platz 5

    Deutschland macht den größten Sprung bei den Top-Industrienationen. 1995 sah das IW-Institut die Bundesrepublik noch auf Platz 14.

  • Platz 6

    Knapp hinter Deutschland folgt Australien auf Platz 6 – sogar mit dem gleichen Indexwert aus den 58 einzelnen Kategorien.

  • Platz 7

    Platz 7 geht an die Niederlande – damit verschlechtert sich unser Nachbar deutlich. Die Holländer lagen 1995 noch an zweiter Stelle des IW-Rankings.

  • Platz 8

    Auch Kanada muss einen Rückschlag hinnehmen. Der nordische Nachbar der USA stürzt um satte fünf Plätze ab.

Die enormen Belastungen im Gefolge der mit keinem anderen Nachbarland abgestimmten Energiewende tun dabei ein Übriges. Paradoxerweise werden die Zusatzkosten, die weitestgehend auf die deutsche Industrie beschränkt bleiben, einen weiteren Beitrag zur Einebnung der Unterschiede in der Produktivität in der Eurozone und damit zur Eurorettung leisten. Die Folgen für „Made in Germany“ liegen auf der Hand.

Die Eurorettung wird immer teurer. Im Süden bezahlen die Bürgerinnen und Bürger ihn heute schon durch eine brutale Anpassung ihrer Sozialsysteme. Denen im Norden wird die Rechnung bald in Form erst des schleichenden Verlusts ihrer Wettbewerbsfähigkeit und dann ihres Wohlstandes präsentiert.

Die gesamte Eurozone steht nicht nur vor einem konjunkturellen Tief. Sie steht am Anfang einer verlorenen Dekade.


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  • 28.12.2012, 02:05 UhrLarsLonte

    Die wahren Zahlen

    http://www.volksprotest.de

    Lösungen, siehe Forum...



    http://theeconomiccollapseblog.com/

    http://theeconomiccollapseblog.com/archives/19-facts-about-the-deindustrialization-of-america-that-will-blow-your-mind

    EIR

    http://www.bueso.de

    Manfred Julius Müller für Zollgrenzen

    http://www.neo-liberalismus.de

    http://www.anti-globalisierung.de

  • 11.12.2012, 15:06 Uhrmargrit117888

    Derweil sitzen die Deutschen mit im Eurobus, greifen nicht ins Steuer, aber aussteigen dürfen sie auch nicht.
    ---------------------
    Nicht dürfen, sondern wollen
    Die Deutschen wollen nicht aussteigen, im Gegenteil, sie sind doch die Hauptakteure beim Rettungswahn
    Es wird halt das Zentral-Europa angesrebt. Sozialistisch natürlich.
    Und wer das leitet steht schon fest: die große Staatsratsvorsitzende Merkel, denn das ist nun mal ihr Ziel
    Unsere Politiker machen weiter bis zum bitteren Ende, bis wir hier Verhältnisse bekommen wie in Ägypten.
    Denn auch der dümsmte deutsche Michl wird mal wach
    Merkel und Schäuble steuern Deutschland und andere europp. Länder geradewegs in Bürgerkriege, wenn nicht gar in mehr
    Leider macht die sog. Opposition, die ja keine mehr ist, bei allem mit

  • 11.12.2012, 14:57 Uhrmargrit117888

    merxdunix
    das sehe ich auch so..
    Gerade Aiwanger von den FW hat ja eine enorme Affinität zu den Grünen.
    Die FW müssen in den Wahlkampf gehen ohne schon gleich nach Partnern zu schielen
    Und sie müssen abolut selbstbewußt auftreten und den Eurowahn geißelen.
    Die Menschen warten darauf

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