Kurz und schmerzhaft

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Henkel trocken: Deutschland, Frankreich und die Erziehung des Euro

Auf Druck von Merkel und Hollande musste der britische Premier Cameron seine lang erwartete Europa-Rede verschieben – nichts soll die Feierlichkeiten zum Jubiläum des Elyseé-Vertrages stören. Was er wohl gesagt hätte?

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor
Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Wenn morgen über eintausend Abgeordnete des deutschen Bundestages und der französischen Nationalversammlung im Berliner Reichstag das fünfzigjährige Jubiläum des Elyseé-Vertrages feiern, wird es an Pathos nicht fehlen. Der Zufall wollte es, dass der britische Premier David Cameron beabsichtigte, am gleichen Tag seine lang erwartete Europa-Rede zu halten. Auf Druck Angela Merkels und Francois Hollandes musste er diese verschieben. Besser wäre es gewesen, sie hätten ihn auch eingeladen. Vielleicht hätte er dies gesagt:
„Madame Chancellor, Mr. President, Deputies of the German and French Parliament!

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Ich bedanke mich für diese Einladung, gibt sie mir nicht nur die Gelegenheit, Ihnen zur Goldenen Hochzeit zu gratulieren, sondern auch den Zustand unserer europäischen Familie aus dem Blickwinkel eines entfernteren Verwandten zu beschreiben.
Ehrlich gesagt, über die pathetischen Treueschwüre, die Sie einander soeben leisteten, habe ich mich doch sehr wundern müssen, denn weder mir noch unseren anderen europäischen Verwandten ist entgangen, dass sie sich beide immer öfter in die Haare geraten. Ganz offensichtlich liegen die Gründe dafür in unterschiedlichen Auffassungen der Eltern über die Erziehung des gemeinsamen Kindes, dem Sie den Namen Euro gegeben haben. Will die Mutter dem Kind deutsche Disziplin beibringen, steht der Vater eher auf französisches Laissez-faire.

50 Jahre Élysée-Vertrag Merkel betont Wichtigkeit der deutsch-französischen Freundschaft

Angela Merkel und François Hollande sind bislang noch kein politisches Gespann. Trotz mancher Irritationen feiern Berlin und Paris den 50. Jahrestag des Freundschaftsvertrags aber mit großem Aufwand.

Mit großer Sorge sieht die nordeuropäische Verwandtschaft, dass Sie, Herr Präsident, sich jedes Mal durchzusetzen scheinen. Der Aufnahme Griechenlands in die Eurozone stimmte damals der deutsche Elternteil nur auf Druck des französischen zu. Die „No-Bail-Out-Klausel“, die Brandmauer zwischen deutschen Steuerzahlern und ausgabefreudigen Politikern im Süden, wurde auf französischen Druck eingerissen. Die von den Franzosen bekämpfte Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank ging spätestens nach den Rücktritten ihrer deutschen Vertreter Axel Weber und Jürgen Stark verloren. Die von der deutschen Mutter eingeforderten automatischen Sanktionen bei andauernder Disziplinlosigkeit des Kindes wurden vom französischen Vater bei Ihrem gemeinsamen Spaziergang auf den Planches des Seebades von Deauville abgelehnt. Weil die eine gern sparen, der andere lieber das Geld zum Fenster herauswerfen will, ist mit einer weiteren Zerrüttung Ihrer Ehe zu rechnen, es sei denn, die in die Ehe eingebrachten Sparguthaben werden im Sinne der von den Franzosen gewünschten Bankenunion umverteilt.

Der Euro führt aber nicht nur zu Zwietracht zwischen Ihnen beiden. Als Sie, Mme. Chancellor, kürzlich unseren gemeinsamen Onkel in Athen besuchten, mussten Sie von siebentausend Polizisten beschützt werden. Auch spaltet der Euro inzwischen unsere Familie: in Euro- und Nicht-Euroländer. Außerhalb der Eurozone will nur noch die rumänische Verwandtschaft etwas mit ihm zu tun haben. Was mich besonders betrübt: wir, die Briten, haben Ihre ständigen Querelen, die Sie auf den „Euro-Gipfel“ genannten Familienfeiern ohne uns austragen, inzwischen so satt, dass ich alle Hände voll zu tun habe, eine Mehrheit meiner Landsleute davon abzuhalten, die EU-Familie ganz zu verlassen. Einige von uns wollen sich sogar von entfernteren Verwandten jenseits des Atlantiks adoptieren lassen.

Frankreich

Obwohl sich mit Großbritannien und Polen auch andere ehemals gegen Deutschland Verbündete nicht mit Deutschland im Krieg befinden, behaupten Sie weiterhin, dass der Euro den Frieden sichere. Gerade am heutigen Tag muss Ihnen mal jemand sagen, dass der Euro das genaue Gegenteil bewirkt. Er ist dabei, Europa ökonomisch schwer zu beschädigen und politisch auseinanderzutreiben.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.“

Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor an der Universität Mannheim. Bekannt wurde der langjährige IBM-Manager vor allem als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).


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  • 21.01.2013, 09:22 UhrDeutscheuropaer

    Perfekt den Zustand der ehelichen bzw.europäischen Zerrüttung ins Bild gesetzt.

    Danke hierfür Herr Henkel; wir brauchen solche offenen und pragmatischen Worte und....den Mut, das auch offen auszusprechen. Besonders an einer offenen Couragiertheit mangelt es heute fast allen Kommentatoren.

    Mal sehen, wie lange diese Ehe noch hält?. Hoffentlich bleibt alles friedlich, falls der französiche Narzißmus weiter alles für sich so einfordert.

    >>Bisher gleicht das Ganze mehr einem friedlichen Versailles für Deutschland...nur,....wer hat's bemerkt?.<<

  • 21.01.2013, 09:27 UhrGerdi

    Brüssel hat mit seiner Politik des billigen Geldes und seiner Abhängigkeit von der Finanzwirtschaft die EU in die falsche Richtung geführt. Jetzt ist die EU reiner Geldbeschaffer und jeder versucht sich zu Lasten der Anderen Vorteile zu verschaffen. Bis auf die "blöden" Deutschen, die immer nur zahlen!

  • 21.01.2013, 09:27 Uhrmondahu

    Nachdem der französische Papa offensichtlich fremdgeht, sollte die deutsche Mutti ein vorsichtiges Techtel-Mechtel mit dem britischen Cousin einleiten.

    Die EU ist ohne GB eine halbe Sache, und GB wird außerhalb der EU auch nicht gedeihen, da die Atlantikschiene nicht mehr funktioniert. Cameron weiß außerdem nicht, wie er die Kuh (die Austrittsstimmung in GB) vom Eis bringen kann, ohne Harakiri zu begehen.

    Es ist offensichtlich, daß die Nordländer der EU eine deutlich andere Vorstellung von einem Vereinten Europa haben als die Südländer, die sich alle auf das französische zentralistische Staatsmodell eingeschworen haben (das übrigens selbst in F schon nicht mehr zeitgemäß ist) und gerade dabei sind, dies in Brüssel durchzusetzen.

    GB sollte sich aktiv auf die Seite der germanisch beeinflußten Länder schlagen, damit der Wildwuchs in Brüssel zurückgeschnitten werden kann auf die essentiellen Bedürfnisse eines Staatenbundes und daß im übrigen die Mitgliedsstaaten ihre Souveränität wiedergewinnen, bzw. behalten können.

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