Henkel trocken: Deutschland, Frankreich und die Erziehung des Euro

Henkel trocken
Deutschland, Frankreich und die Erziehung des Euro

Auf Druck von Merkel und Hollande musste der britische Premier Cameron seine lang erwartete Europa-Rede verschieben – nichts soll die Feierlichkeiten zum Jubiläum des Elyseé-Vertrages stören. Was er wohl gesagt hätte?
  • 60

Wenn morgen über eintausend Abgeordnete des deutschen Bundestages und der französischen Nationalversammlung im Berliner Reichstag das fünfzigjährige Jubiläum des Elyseé-Vertrages feiern, wird es an Pathos nicht fehlen. Der Zufall wollte es, dass der britische Premier David Cameron beabsichtigte, am gleichen Tag seine lang erwartete Europa-Rede zu halten. Auf Druck Angela Merkels und Francois Hollandes musste er diese verschieben. Besser wäre es gewesen, sie hätten ihn auch eingeladen. Vielleicht hätte er dies gesagt:
„Madame Chancellor, Mr. President, Deputies of the German and French Parliament!

Ich bedanke mich für diese Einladung, gibt sie mir nicht nur die Gelegenheit, Ihnen zur Goldenen Hochzeit zu gratulieren, sondern auch den Zustand unserer europäischen Familie aus dem Blickwinkel eines entfernteren Verwandten zu beschreiben.
Ehrlich gesagt, über die pathetischen Treueschwüre, die Sie einander soeben leisteten, habe ich mich doch sehr wundern müssen, denn weder mir noch unseren anderen europäischen Verwandten ist entgangen, dass sie sich beide immer öfter in die Haare geraten. Ganz offensichtlich liegen die Gründe dafür in unterschiedlichen Auffassungen der Eltern über die Erziehung des gemeinsamen Kindes, dem Sie den Namen Euro gegeben haben. Will die Mutter dem Kind deutsche Disziplin beibringen, steht der Vater eher auf französisches Laissez-faire.

Mit großer Sorge sieht die nordeuropäische Verwandtschaft, dass Sie, Herr Präsident, sich jedes Mal durchzusetzen scheinen. Der Aufnahme Griechenlands in die Eurozone stimmte damals der deutsche Elternteil nur auf Druck des französischen zu. Die „No-Bail-Out-Klausel“, die Brandmauer zwischen deutschen Steuerzahlern und ausgabefreudigen Politikern im Süden, wurde auf französischen Druck eingerissen. Die von den Franzosen bekämpfte Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank ging spätestens nach den Rücktritten ihrer deutschen Vertreter Axel Weber und Jürgen Stark verloren. Die von der deutschen Mutter eingeforderten automatischen Sanktionen bei andauernder Disziplinlosigkeit des Kindes wurden vom französischen Vater bei Ihrem gemeinsamen Spaziergang auf den Planches des Seebades von Deauville abgelehnt. Weil die eine gern sparen, der andere lieber das Geld zum Fenster herauswerfen will, ist mit einer weiteren Zerrüttung Ihrer Ehe zu rechnen, es sei denn, die in die Ehe eingebrachten Sparguthaben werden im Sinne der von den Franzosen gewünschten Bankenunion umverteilt.

Der Euro führt aber nicht nur zu Zwietracht zwischen Ihnen beiden. Als Sie, Mme. Chancellor, kürzlich unseren gemeinsamen Onkel in Athen besuchten, mussten Sie von siebentausend Polizisten beschützt werden. Auch spaltet der Euro inzwischen unsere Familie: in Euro- und Nicht-Euroländer. Außerhalb der Eurozone will nur noch die rumänische Verwandtschaft etwas mit ihm zu tun haben. Was mich besonders betrübt: wir, die Briten, haben Ihre ständigen Querelen, die Sie auf den „Euro-Gipfel“ genannten Familienfeiern ohne uns austragen, inzwischen so satt, dass ich alle Hände voll zu tun habe, eine Mehrheit meiner Landsleute davon abzuhalten, die EU-Familie ganz zu verlassen. Einige von uns wollen sich sogar von entfernteren Verwandten jenseits des Atlantiks adoptieren lassen.

Obwohl sich mit Großbritannien und Polen auch andere ehemals gegen Deutschland Verbündete nicht mit Deutschland im Krieg befinden, behaupten Sie weiterhin, dass der Euro den Frieden sichere. Gerade am heutigen Tag muss Ihnen mal jemand sagen, dass der Euro das genaue Gegenteil bewirkt. Er ist dabei, Europa ökonomisch schwer zu beschädigen und politisch auseinanderzutreiben.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.“

Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor an der Universität Mannheim. Bekannt wurde der langjährige IBM-Manager vor allem als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Kurz und schmerzhaft: alle Kolumnen

Kolumnenkabinet

Kommentare zu "Deutschland, Frankreich und die Erziehung des Euro"

Alle Kommentare
  • @ Baier,
    die EZB hat keine Wahl, sie ist die einzige europäische Institution die diesen Name verdient.
    Weil das politische Europa noch nicht existiert muss die EZB diese Rolle übernehmen.
    Was die Ausschweifungen von Henkel betrifft, er lebt in einer Welt der Fata Morgana, seine Vorschläge sind so wenig realistisch wie manche Vorschläge über ein Zusammen gehen von Deutschland und Russland als neue Union!
    Ich habe das tatsächlich vor kurzem gelesen!

  • @Rechner
    "Die "Verletzung der No-bailout-klausel" ist die Dolchstoßlegende der ABti-ESM-Bewegung.

    Durch pausenlose Wiederholung wird sie kein bißchen wahrer."

    Deine spitzfindigen Formulierungen, auch weiter oben in deinem Kommentar, zeigen deine Meisterschaft im ganz genauen Ausdruck. Auch deine Auseinandersetzung mit HOH, wo denn nun der 100% Beweis für den Druck von Merkel auf Cameron usw. usw..

    Leider ist das alles nur Mist, was da von dir kam. Du legst dir immer mehr deine Wahrheit zurecht und brüskierst die Leute, die nicht haargenau ihre Sätze formuliert haben, obwohl jeder Normalo genau weiß, wie und was gemeint ist.
    No-bail-out eine Dolchstoßlegende. Ich glaub, es hackt! Paß schön auf deinen Lieblingsrolli auf, paß genau auf, was er bewirkt für dein und mein Vaterland.

  • zunächst möchte ich Friedhelm Busch zitieren-Die EZB bricht
    täglich vereinbartes Recht,um politischen Unsinn zu alimentieren.Die Bürger scheinen diese Plünderung nicht zu bemerken.Sie sind in politischen Fragen gleichgültig geworden.---Eine Gesellschaft in Freiheit kann nur gedeihen,wenn--Entscheidung und Haftung---und Subsidiarität wieder zu den Tugenden eines Volkes gemacht werden. Vorbild müsste die Politik schon sein. Schuldentransfer gehört nicht zu den Tugenden. Heinrich Seibert,Ing.

  • Manches ist absehbar, was Cameron sagen will. Weis doch inzwischen jeder, dass Verlierer ist, wer hofft, dass EU-Verträge eingehalten werden. Bekannt ist auch, wer im modernen Europa dabei sein will, soll sich von Wertevorstellungen einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft trennen. Wie sagte Kohl: „Europa bringt Frieden und Wohlstand“. Von Demokratie und Freiheit war nicht die Rede. Birgt beides doch die Gefahr, dass wir uns des Hamsterrades verweigern, in das uns die von Gier getriebenen Politiker sperren. Wenn wir aber für Frieden und Wohlstand bereit sind, auf Demokratie und Freiheit zu verzichten, dann sollten wir darauf achten, dass die Gegenleistung stimmt. Für wen bringt Europa denn eigentlich Frieden? Nachdem sich die Europäer den Krieg gegen irgendwelchen Terror aufzwingen lassen haben, kann von Frieden keine Rede mehr sein. Wir laufen zwar nicht Gefahr, vor der eigenen Haustür erschossen zu werden. Aber das doch wohl nur, weil wir jeden Preis zahlen, damit der Krieg woanders stattfindet. Und unter Wohlstand verstehe ich, dass man sich wohl fühlt, wenn man einfach stehen bleiben kann, um zufrieden zu sein. Wer will das von sich sagen? Schließlich sind unsere parasitären Politiker und Wirtschaftslenker doch permanent damit beschäftigt, unsere Zufriedenheit zu stören.
    Kann es sein, dass wir schlicht vergessen haben, dass Wohlstand, Freiheit, Demokratie und Frieden so etwas von selbstverständlich und koexistenziell sind, sich quasi von allein einstellen, wenn wir nur einfach damit aufhören, durch idiotisches Wohlstandsdenken, Kriegstreiberei, Willensverzicht und Unterwerfung, uns gegeneinander hetzen zu lassen?! Wir sollten darüber nachdenken, ob wir dieses aufgezwungene Europa überhaupt brauchen, ob sich nicht genau das Europa ergeben würde, dass wir wollen, wenn wir uns der größenwahnsinnigen Politiker einfach entledigen. Wo steht, dass wir sie auf ewig füttern müssen, um uns dafür peinigen zu lassen?! Vielleicht wollte das Cameron sagen?

  • Das Schuldenmachen geht planmäßig weiter, so wie alles im Sozialismus alternativlos, planmäßig ist, wenn man die Mitbringsel aus der DDR von Merkel sich ganz genau ansieht.
    Staatsentschuldung in dieser Höhe > Inflation > Währungsreform. Es gibt keinen anderen Weg!

  • Wenn man die Kommentare hier liest könnte man leicht glauben dass 90% der Deutschen immer noch deutsch-national infiziert sind. Wie ist aber die Diskrepanz zum Wahlergebnis in Niedersachsen zu erklären? Sind es vielleicht lauter Hartz IV -empfänger die hier kommentieren weil sie Zeit und Frust im Überfluss haben? Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sieht sich durch das Wahlergebnis in Niedersachsen in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber einem neuerlichen NPD-Verbotsverfahren bestätigt.
    Wenn sie da nicht irrt?! Sie sollte öfter die Kommentare im HB lesen, dann wüsste sie besser!

  • 'Rettungswahnsinn' sagt
    -------------------------
    Die Versprechen der CDU sind grandios gescheitert. Oder finden Sie für den Satz: „Eine Überschuldung eines Euro-Teilnehmerstaates kann daher von vornherein ausgeschlossen werden.“ auch eine Ihrer spitzfindigen Auslegungen, warum auch dies der Realität entspricht?
    -------------------------

    Nein, finde ich nicht.

    Hier hat sich der Parteistratege der sich das von Ihnen zitierte Flugblatt ausgedacht hat leider weit von den Tatsachen entfernt.

    Daß man sich da etwas verfahren hat ist aber für vernünftige Menschen kein Grund das Auto abzubrennen und zu Fuß weiterzugehen.

    ...

    In der Politik findet man leider öfter grandiose Übertreibungen.

    Wenn es nach den Prophezeiungen der ESM-Gegnern gegangen wäre, dann hätte der Gouverneursrat inzwischen eine Billion aus Berlin "abgesaugt" und nach Frankreich, Spanien und Italien überwiesen.

  • 'Rettungswahnsinn' sagt
    -------------------------
    Tja lieber Rechner, die CDU mit ihrem hochverehrten Freund Schäuble hat behauptet, dass der Maastrichter Vertrag verbietet, dass die EU oder die EU-Partner für die Schulden eines Mitgliedstaates haften.
    -------------------------

    Also er VERBIETET es nicht, sondern er sagt nur, daß aus edm Vertrah keine Haftung abgeleitet werden kann.

    Und, im übrigen, wenn ein Vertrag zwischen A,B und C wecheselseitige Haftung ausschließt, dann kann ein späterer Vertrag diese trotzdem wieder einschließen OHNE daß das ein "Rechtsbruch" wäre.

    Das ergibt sich aus dem Prinzip der Vertragsfreiheit.

    +++

    'Rettungswahnsinn' sagt
    -------------------------
    Sie sagen, dass damit nicht ausgeschlossen ist, FREIWILLIG für die Schulden anderer Länder in der Eurozone zu haften bzw. aufzukommen. Unsere Regierenden sagen, dass wir für die Schulden anderer Länder zahlen MÜSSEN, da dies alternativlos sei, denn scheitert der Euro, dann scheitert Europa??!!

    Von einer Freiwilligkeit kann somit keine Rede mehr sein. Freiwilligkeit ist nur gegeben, wenn es die konkreten Verhältnisse zulassen, und genau dieses wird von unserer Regierung bestritten.
    -------------------------

    Unsinn - Freiwilligkeit ist gegeben, wenn etwas ohne Abwebdung pder Abdrohhung von Gewalt oder anderer Nachteile gemacht wird.

    Wenn das Haus von Meier brennt, und Nachbar Müller mit dem Gartenschlauch zu Hilfe eilt, dann geschieht das freiwillig.

    Egal, ob Müller ein Übergreifen der Flammen auf sein Haus befürchtet oder nicht.

    Unfreiwillig wäre es nur, wenn der Zwang absichtlich von Meier - z.B. durch vorhalten einer Pistole - erzeugt würde.

    Ein reiner "Sachzwang" steht der Freiwilligkeit nicht entgegen.

    ...

    Hegel: "Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit."

    Abgesehen davon sind Sprüche wie scheitert "der Euro, scheitert Europa" natürlich ausgesprochener Schwachsinn.

    Solchen Blödsinn erzählen Politiker gerne, um ihre Politik dem Dummvolk als "alternativlos" zu verkaufen.

  • @Rechner

    Tja lieber Rechner, die CDU mit ihrem hochverehrten Freund Schäuble hat behauptet, dass der Maastrichter Vertrag verbietet, dass die EU oder die EU-Partner für die Schulden eines Mitgliedstaates haften.

    Sie sagen, dass damit nicht ausgeschlossen ist, FREIWILLIG für die Schulden anderer Länder in der Eurozone zu haften bzw. aufzukommen. Unsere Regierenden sagen, dass wir für die Schulden anderer Länder zahlen MÜSSEN, da dies alternativlos sei, denn scheitert der Euro, dann scheitert Europa??!!

    Von einer Freiwilligkeit kann somit keine Rede mehr sein. Freiwilligkeit ist nur gegeben, wenn es die konkreten Verhältnisse zulassen, und genau dieses wird von unserer Regierung bestritten.

    Die Versprechen der CDU sind grandios gescheitert. Oder finden Sie für den Satz: „Eine Überschuldung eines Euro-Teilnehmerstaates kann daher von vornherein ausgeschlossen werden.“ auch eine Ihrer spitzfindigen Auslegungen, warum auch dies der Realität entspricht?

    +++++
    Originaltext der CDU-Werbung für den Euro:

    Was kostet uns der Euro?
    Muß Deutschland für die Schulden anderer Länder aufkommen?

    Ein ganz klares NEIN!

    Der Maastrichter Vertrag verbietet ausdrücklich, daß die Europäische Union oder die anderen EU-Partner für die Schulden eines Mitgliedstaates haften.

    Mit den Stabilitätskriterien des Vertrags und den Stabilitätskriterien des Vertrages wird von vornherein sichergestellt, daß die Nettoneuverschuldung auf unter 3% des Bruttoinlandsproduktes begrenzt wird.

    Die Euro-Teilnehmerstaaten werden daher auf Dauer ohne Probleme ihren Schuldendienst leisten können. Eine Überschuldung eines Euro-Teilnehmerstaates kann daher von vornherein ausgeschlossen werden.

    +++++

    http://www.tarifometer24.com/wp-content/uploads/2012/08/cdu-euro-werbung.jpg?e116a5

  • Sehr geehrte "Europa",

    Ihren Kommentar finde ich gelungen. Das Vorsintflutliche dieser ganzen Vorstellungswelt mit ihren Nationalklischees haben Sie schön getroffen.

Serviceangebote