Henkel trocken
Die Deutschen haben die Wahlen verloren

Der Wahlsonntag in Europa zeigt: Nur die Deutschen hängen noch am Fiskalpakt. Frankreich und Griechenland haben Politiker gewählt, die der eisernen Sparpolitik den Rücken kehren.
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Die Ergebnisse der gestrigen Wahlen in Frankreich und Griechenland haben es in sich: nun müsste auch dem letzten Euroromantiker im Bundestag, in den Vorstandsetagen der deutschen Industrie, den Redaktionsstuben deutscher Wirtschaftsmedien und den Büros deutscher Wirtschaftsprofessoren klar sein: der Fiskalpakt ist erledigt. Er war von Anfang an nichts anderes als ein von Kanzlerin Merkel und ihrem Finanzminister Schäuble verabreichtes Schlafmittel zur Beruhigung der deutschen Bevölkerung. Nachdem beide im Mai 2010 mit dem ersten Rettungspaket für Griechenland die Brandmauer zwischen dem deutschen Steuerzahler und ausgabefreudigen Politikern anderer Länder („no-bail-out-Klausel“) eingerissen hatten, taten sie so, als hätten sie uns mit dem Fiskalpakt vor den Folgen des Schuldenmachens anderer Länder geschützt. Großbritannien und Tschechien haben das längst durchschaut und diesen Vertrag gar nicht erst unterschrieben.

Gestern hatten sich über 50 Prozent der Griechen für eine Beendigung der Sparpolitik entschieden. Dass Griechen gut türken können, ist nichts Neues. Selbst griechische Politiker, die im Gegenzug früherer Rettungsmilliarden noch Sparschwüre abgegeben hatten, haben von diesen im Wahlkampf nichts mehr wissen wollen. Man darf das dritte Rettungspaket für Griechenland schon jetzt getrost schnüren.

Auch in Frankreich haben sich über 50% der Wähler für einen Präsidenten entschieden, der nie einen Hehl daraus machte, die im Fiskalpakt festgeschriebenen rigiden Sparbemühungen zu umgehen. Vor allem hat er versprochen, den zentralen Pfeiler des Spargebäudes zum Einsturz zu bringen: die Schuldenbremse wird nun nicht mehr, wie von Sarkozy versprochen, in die französische Verfassung aufgenommen. Es war vor allem die Schuldenbremse, die Merkel, Schäuble & Co. uns als „deutsche Stabilitätserfindung“ verkauften, um im Bundestag die Zustimmung zu Rettungsmilliarden für deutsche Bürgschaften, Kredite und Einzahlungen zu erhalten. „Europa spricht deutsch“ verkündete CDU-Fraktionschef Kauder ebenso undiplomatisch wie stolz.

Jetzt werden wir erfahren, dass auch im nächsten Akt des Stücks “Rettet den Euro“ zwar deutsch gesprochen, aber französisch gehandelt wird. Mag der Souffleur Schäuble sich weiterhin bemühen, den Akteuren auf der Bühne Texte in deutscher Sprache zuzuflüstern, diese sind sowieso nur fürs deutsche Publikum gedacht. Auf der Bühne kommt dagegen ein neues französisches Stück zur Aufführung, in dem das deutsche Publikum wieder einmal zuschauen darf, wie eine weitere - vorher von Schäuble gezogene - rote Linie überschritten wird; natürlich, „um den Euro zu retten“. Die vorher so arg gepriesene Schuldenbremse wird Präsident Hollande gar nicht erst der Nationalversammlung zur Abstimmung vorlegen.

Anstatt diese eklatante Verletzung des Fiskalpakts zum Anlass zu nehmen, jetzt die Interessen der deutschen Steuerzahler in den Vordergrund zu rücken und das Projekt „Europäischer Stabilitätsmechanismus“ (ESM) abzubrechen und (ggf. mit anderen „Gleichgesinnten“) die Eurozone zu verlassen, wird unsere Bundesregierung auch die Aufgabe der Schuldenbremse durch die Franzosen schlucken; so wie sie vorher schon das Abwracken des Vertrages von Maastricht, die über 60 Verletzungen der Stabilitätskriterien in der Eurozone, die regelwidrigen Aufkäufe der Schuldentitel von Südländern durch die EZB, die gebrochenen Reformversprechen Italiens, Spaniens, Portugals und Griechenlands - kaum dass sie im Gegenzug für unsere Rettungsmilliarden abgegeben wurden - auch geschluckt hat.

Die Verlierer der Wahlen in Frankreich und Griechenland sind nicht die Franzosen und die Griechen, es sind die Deutschen.

Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor an der Universität Mannheim. Bekannt wurde der langjährige IBM-Manager vor allem als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

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  • Ergänzung zum Link meinem früherem Kommentar mit Inhaltszitat des Prof.Karl,ein Ökonom! der UNI Bochum, der es sicher wissen muß
    ..Im Unterschied zu den übrigen Kommunen Deutschlands hat im Ruhrgebiet die Verschuldung der öffentlichen Haushalte seit längerem rasant Fahrt aufgenommen. Seit 2003 stieg die Schuldenlast um jährlich acht Prozent. Pro Kopf summiert sich dies im Schnitt auf 3400 Euro.....
    Jetztdazu in Zusammnhang mit der aktuellen Wahl in NRW:
    Hat die Frau Kraft-SPD das Schuldendilemma nicht auf die Vorgängeregierung des Herrn Rütgers geschoben, max. 5 Jahre am "Ruder" war. Und ein Herr Röttgenhat mit seinen Hinweisen keinen Erfolg gehabt. Man hat ihm nicht geglaubt.
    Obiges Zitat beweist, dass die Verschuldung auch in NRW schon lange Tradition hat, so lange , wie dort , fast seit Menschengedenken die SPD die Hauptverantwortung trägt.
    Nur, der Wähler vergißt so was; und die Medien bleiben mit ihren Informationen äußerst oberflächlich.

  • Josus

    Ein Glück, dass der Fiskalpakt endlich vom Tisch gefegt wird. Er hätte uns alle in den Ruin getrieben.
    Der Hauptgrund für das Eurodesaster sind doch die unterschiedlichen Leistungsbilanzen der einzelnen Länder und Deutschland hat nichts getan um seine extreme Bilanz auszugleichen. Das hätte man in erster Linie tun müssen durch anständige Lohnerhöhungen und Einführung eines allgemeinen respektablen Mindestlohn. Auch höhere staatliche Investitionen hätten vorgenommen werden müssen.
    Das jetzt alles auszugleichen wird lange Zeit erfprdern. Aber man muss eben endliche einmal damit anfangen.
    Wenn wir das nicht tun können wir unsere riesigen Forderungen an das Ausland zum großen Teil abschreiben. Und um diese Ausfälle dann auszugleichen müssen wir dann unsere Staatsverschuldung in ungeahnte Höhen treiben.

  • Ich kann bei bestem Willen keinen (deutschen) Verlierer - mit Ausnahme der betroffenen Parteien in den Wahlländern - ausmachen. Im Gegentum, ich sehe alle Völker der EU ein Stück weit auf der Gewinnerseite, da die griechischen und französischen WählerInnen ein Stück weit in die "richtige Richtung gewählt" haben.

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