Henkel trocken
Falsche Treue, oder: Der Euro ist nackt

Ob in der Politik, der Wirtschaft oder in der Presse, eine eigene Meinung ist von ungeheurer Wichtigkeit. Die Euro-Krise zeigt jedoch, dass eine eigene Meinung für den einzelnen nicht immer von Vorteil ist.
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Die Beschreibung der Schweigespirale haben wir der „Pythia vom Bodensee“, Frau Professor Noelle-Neumann, Begründerin des Allensbacher Instituts für Demoskopie, zu verdanken. Mit ihr beschrieb sie ein Dilemma: Je offensiver die Vertreter der Mehrheitsmeinung vorgehen, desto weniger bringen andere den Mut auf, eine abweichende Meinung zu vertreten. Dass die Schweigespirale auch unter den Kritikern der Europolitik wirkt, kann man jetzt beobachten. Zwar kritisieren Wirtschaftsjournalisten immer öfter die Rettungsaktionen der Bundesregierung, und die Gruppe der Kritik übenden Ökonomen wird auch immer größer, aber am Einheitseuro halten sie in unverbrüchlicher Treue fest. „Wichtiger als das eigene Urteil ist dem Individuum, sich nicht zu isolieren... diese Furcht, sich zu isolieren (ist) ...Bestandteil aller Prozesse öffentlicher Meinung...“ (Noelle-Neumann, 1979). Das gilt ganz besonders für deutsche Chefredakteure, Ökonomen und Bundestagsabgeordnete.

Wer in Deutschland den Euro in Frage stellt, isoliert sich. Zwar gibt es unter den Kritikern inzwischen nicht nur bei der Diagnose für den Europatienten eine zunehmende Konvergenz; auch in ihrer Prognose findet man immer öfter Übereinstimmung. Man ist sich einig: Uns drohen höhere Steuern, steigende Inflation und irgendwann mal der große Knall. Fragt man diese Kritiker jedoch nach einer alternativen Therapie, hört man fast nur von Rezepten, die beim Europatienten bisher schon nicht angeschlagen haben oder die er sich partout nicht verschreiben lassen will: „Zurück zu Maastricht“, „Fiskalische Disziplin“, „Kein Bailout“ usw.

Während immer öfter Ökonomen und Wirtschaftsjournalisten bei Diagnose und Prognose aus der Schweigespirale ausbrechen, verharren sie dort, wenn es um das Verschreiben echter alternativer Therapien geht. Überzeugend beschreiben sie, welche verheerenden Wirkungen die vielen Rettungspakete haben, wie sehr der ESM die Demokratie aushöhlt, welches Maß an Zwietracht der Euro innerhalb der Eurozone auslöst und wie sehr er den Graben zwischen den Euroländern und Nichteuroländern verbreitert. Aber gleichzeitig versichern sie mit treuherzigem Augenaufschlag, wie sehr sie doch für den Erhalt des Einheitseuros seien. Dabei müssten doch alle wissen: Ohne die von ihnen beanstandeten Rettungspakete wäre der Euro längst Geschichte.

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  • an Johannes Schmidt:

    mag sein, hielt aber immerhin 52 Jahre und musste nicht alle paar Wochen "gerettet" werden. "Googeln" Sie doch mal die Begriffe "DM-Rettungsschirm" oder "DM-Krise"...viel Spaß! Sie werden nicht viel finden...

  • Sorry, an welche "mehrheitlichen Proteste in der Bevölkerung 1998" erinnern Sie sich? Ich erinnere mich an keinen nennenswerten Widerstand. Damnalige Anti-Euro-Parteien (z.B. Republikaner, Bund-Freier-Bürger, Pro-DM-Partei) kamen auch nicht annähernd in die Nähe der 5%-Hürde. Man schlief damals, und man schläft bis heute. Das ist die traurige Wahrheit über unsere Mitbürger!

  • Herr Henkel, da ich weiß, dass Sie hin und wieder die Kommentare der "Foristen" lesen, ich kann Sie beruhigen. Die ersten sprechen es schon aus (schauen Sie z.B. mal in den neusten Beitrag im weblog von F. Schäffler, FDP, "Der Schuh drückt"). Nicht ganz so deutlich wie die (sozialdemokratische!) Finanzministerin Finnlands im aktuellen SPIEGEL, leider, aber zaghaft. Letztlich wird auch nichts anderes übrig bleiben. Je schneller der Euro krachen geht, umso besser, denn umso eher können wir mit etwas Eigenem, Besserem neu beginnen, da haben wir Deutschen ja schon etwas Übung drin. Die ganze verlogene Eurpa-Seligkeit ist dann erstmal vorbei, und man wird sich in realistische, friedliche Nachbarschaftsprojekte finden, so wie Nachbarn im wirklichen Leben auch. Die haben ja auch keine gemeinsame Girokonten. Und schön wird auch sein, dass dann die bisherige Parteienlandschaft Deutschlands zerbrechen wird, ähnlich wie die italienische in den 90ern, wo die Christdemokraten pulverisiert wurden. Bye bye, Merkel, Schäuble, Trittin, Gabriel, Rösler und all ihr Euro-Mitläufer. Ihr kriegt eure (unverdienten) Pensionen wieder in harter D-Mark. Wetten dass?

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