Henkel trocken

Gegen die Verwahrlosung im Internet

Das Handelsblatt setzt sich dafür ein, dass Leser auf der Online-Seite mit ihrem vollem Namen kommentieren. Das fordert auch Kolumnist Henkel - im Kampf gegen Vorverurteilungen, Beschimpfungen und Verschwörungstheorien.
47 Kommentare
Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Seit einigen Monaten schreibe ich montags für Handelsblatt Online diese Kolumne. Auch vorher habe ich mich in Büchern, Kommentaren und Essays zu gesellschafts-, wirtschafts- und finanzpolitischen Themen geäußert. Natürlich gibt es auch „Online“ viele konstruktive Kommentare zu meinen Thesen und Beobachtungen. Es sind immer wieder welche dabei, die mich auf einen Fehler in meiner Argumentation aufmerksam machen, auf einen neuen Gedanken bringen oder eine falsche Behauptung korrigieren. Trotzdem ist meine Erfahrung mit den Online-Reaktionen auf „Henkel trocken“ im Vergleich zu den Leserbriefen, die ich auf meine gedruckten Veröffentlichungen erhalte, niederschmetternd.

Inzwischen hat sich ein wiederkehrendes Muster für die besonders unreflektierten und ärgerlichen Reaktionen ergeben:

  • Anstatt sich mit den vorgebrachten Argumenten auseinanderzusetzen, wird die vorgebrachte These ohne weitere Begründung in Bausch und Bogen in Abrede gestellt. (Die vergleichsweise harmlose Variante: „So einen Unsinn habe ich schon lange nicht mehr gelesen.“)

  • Passen die Schlüsse nicht in das Weltbild des Lesers, werde ich beleidigt. (Ein Beispiel erspare ich mir aus naheliegenden Gründen.)
  • Einige Leser haben ein schier unwiderstehliches Verlangen, mir sachfremde Motive für eine vorgebrachte Meinung zu unterstellen. („Sie sagen das ja nur, weil Sie Mitglied im Aufsichtsrat von „X“ oder im Beirat von „Y“ sind.“)
  • Manche Einsender verbreiten absurde Verschwörungstheorien. („Neue D-Mark-Banknoten werden schon gedruckt.“)
  • Regelmäßig arbeiten sich einige an Positionen ab, die ich nie eingenommen habe. (In der Psychologie spricht man von „erwartungsgesteuerter Wahrnehmung“)
  • Häufig geraten sich die Kommentatoren untereinander in die Haare und beschimpfen sich gegenseitig.
  • Oft tobt sich die „Diskussion“ über Sachverhalte aus, die mit dem in der Kolumne angesprochenen Thema nichts mehr zu tun haben. (Statt über den Euro wird dann über Günther Grass gestritten.)
Mut nur mit Maske
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47 Kommentare zu "Henkel trocken: Gegen die Verwahrlosung im Internet"

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  • ..und was " Worte" so anbelangt: "Wer Geist hat, hat sicher auch das rechte Wort, aber wer Worte hat, hat darum noch nicht notwendig Geist." Konfuzius
    ...alles ist möglich ;o)..

  • Nun es tummeln sich online auch Zeitgenossen, welche leider Armut an Respekt innehaben und das Medium Internet /fb gern als Bühne des eigenen anonymen Aufmerksamkeitsgebahrens nutzen....Das bloße "Kritisieren im "Abtu-Stil" würde ich gar nicht groß an mich heranlassen, denn Maulen ohne (Gegen) Argumente, das kann jeder... Oft ist zu beobachten, dass nur politpolemische Geschwader aufgefahren werden, um scheinbar einfach mal Dampf abzulassen?... Manche tätigen selbiges im Kreise, weil sie wohl den Ausschalter nicht kennen? ;o)... Ach, man nehme es mit Humor und verschwende nicht seinen Sauerstoff daran :o)... Es gibt ja zum Glück nicht nur solche Zeitgenossen... und via fb kann unsereins seine Verbundenheiten ja selber (mit)bestimmen ;o)...

  • Herr Henkel - Sie haben so Recht!
    Hinzu kommt, dass die etwas intelligenteren Leser sich vielfach von dem Umgangston und der unendlichen Besserwisserei "tit for tat" abgestoßen fühlen. Ich habe mich bei SPIEGEL.de und anderen Online Medien schon vor 1,5 Jahen abgemeldet. Der Kommentarbereich ist gerade beim SPIEGEL zur Kloake verkommen, die Kommentare und Beschimpfungs-/Verschwörungstheorien Muster wie z.B. bei Themen USA-Wahlkampf, Nahost-Konflikt, Iran, G. Grass, vorhersehbar. Wobei mir Kommentare von Menschen die in den USA zumindest schon EINMAL in ihrem Leben waren eben aussagekräftiger erscheinen. Ich spreche da aus eigener Erfahrung - wer nicht das Land besucht hat über das er spricht hat KEINE Ahunung - aber dafür eine Meinung die er um keinen Preis der Welt aufgeben möchte.
    Ich bitte Sie weiterhin Ihre Expertise per Blog zu veröffentlichen, aber ggf. die Kommentarfunktion moderieren zu lassen.
    Wie z.B. der Journalist Michael Spreng: http://www.sprengsatz.de/
    ---------------
    Ja - und auch ich bleibe anonym, weil wer sich per Klarnamen "öffentlich" macht von Trollen (den virtuellen "Graffiti-Sprayern" im wahrsten Sinne des Wortes angeschmiert wird.
    Lesen Sie z.B. die Bewertungskommentare zu einem beliebigen Hollywood Film auf amazon. Dort poste ich negative Kritiken auch unter Pseudonym, da ich garantiert irgendeinen mit meiner Meinung zu dem Film vor den Kopf stoße und dann geht es schon los...

  • test

  • Verwahrlosung: Gott sei Dank leben wir in einer Demokratie,
    deren höchster Wert die ungefährdete Meinungsäußerung ist .Aber jeder sollte mit seinem Namen zu seiner Meinung stehen.Diese Meinung sollte auch kritisch sein, aber bitte
    mit Anstand.Heinrich Seibert, Worms

  • Na ja, ich halte das mal so und mal so, in manchen Foren mit vollem Namen, manchmal eben unter Pseudonym. Die Kritik an der Inflation anonymer Beschimpfungen im Netz ist sicher nicht unberechtigt, allerdings habe ich Verständnis für anonyme Meinungsäußerungen solange wir in einem Land leben, in dem es wirkliche "freedom of speech" noch nicht gibt. Es haben schon manche Deutsche wegen ihrer Meinungsäußerungen unter vollem Namen ihren Job verloren (Thilo Sarrazin) oder Einreiseverbote kassiert (Günter Grass), also haltet erstmal die Bälle flach, denke ich.

  • Gottlob hat Henkel politisch nichts zu melden. Er weiß genau, dass bei Erfüllen seiner Forderung das Internet in der Bundesrepublik - aufgrund der Geschichte Deutschlands und Veranlagung seiner Behörden - mundttot gemacht würde. Henkel wird in den Medien genau so angepackt, wie er es verdient. Man muss sich ja nur einmal vor Augen führen, welche Flusen er den hiesigen Bürgern schon in den Kopf gesetzt hat. Als ausgewiesener Euromantiker hat er immerhin jahrelang sein Schärflein zum Untergang dieses Lande beigetragen - auch wenn er heute plötzlich seinen Kurs geändert hat.

  • Fortsetzung:

    3. Es war, ist und wird immer wichtig sein, daß Leute irgendwo auch mal Dampf ablassen können. Auch das Schreiben von Unsinn sollte möglich sein.

    4. Ich glaube, daß gerade ein anonymes Forum geeignet ist, ein UNGESCHÖNTES Abbild der Meinung des Nutzerkreises zu geben. Mit allen Facetten, Niveaus, Aggressivitäten und Dummheiten.

    5. Wie soll die De-Anonymisierung denn praktisch funktionieren. Wie stelle ich sicher, daß sich die Leute unter IHREM Namen anmelden? Mit einem Postident-Verfahren???





    Was meinen Sie zu meinen Argumenten?

  • Lieber Herr Henkel,

    Ihre Haltung kann ich gut nachvollziehen und sie ist schlüssig begründet. Indes:

    1. Ich bezweifele, daß es in Deutschland die Meinungs(äußerungs)freiheit tatsächlich noch gibt. Beispiele sind Sarrazin, Grass und auch Gedanken zur Einschränkung des Rederechts im Parlament. Frau Merkel sagt gern "alternativlos", mit anderen Worten: Diskussion unerwünscht. Wenn man sich zu heiklen Themen nicht "mainstreem" äußert, wird man von Presse und Mehrheit niedergeknüppelt. Und das i.d.R. mit den dümmsten Todschlagargumenten. Wenn man Prominent ist, findet sich immer eine kleine, feine Sympathiesantengruppe und man wird - wengistens als "enfant terrible" - in Talkshows eingeladen. Als Normalbürger hat man diese Kompensation nicht. Man wird von der Mehrheit mundtod gemacht und resigniert.

    2. Jede Meinungsaäußerung wird heute irgendwo gespeichert und in passenden Momenten abgerufen (siehe die Waffen-SS-Vergangenheit von Grass, die jetzt der Konstuktion eines absurden Antisemitismus diente; übrigends von der SERIÖSEN Presse). Ich verwette mein Hemd darauf, daß Konzerne bei der Besetzung von Führungspostitionen genau recherchieren, wie sich ein Bewerber in der Vergangenheit öffentlich geäußert hat. Das gebietet heutzutage ja schon der eigene Anspruch an die "political correctness" (was in meiner Wahrnehmung eben nicht Korrektheit in der Äußerung bedeutet, sondern sich leider auf den politischen mainstreem verengt). Glauben Sie, ich kann mich heute ablehnend gegenüber der "Energiewende" äußern und mich dann in einem Jahr erfolgreich auf eine Führungsposition bei RWE/EON/Siemens bewerben???
    Glauben Sie, daß ein Beamter im Finanzministerium befördert wird, wenn er sich zuvor (privat!) negativ zum EURO geäußert hat???

    3. Es ist heute kaum noch möglich, seine Meinung zu ändern, da man immer mit dem in der Vergangenheit geäußerten konfrontiert wird. Es bleibt immer etwas haften.

  • Nochmal ein Zusatz.
    Lassen Sie es mal leise sacken : Sie verehren T.Sarrazin , und ich auch. Sie haben sich vermutlich genauso geärgert wie ich , auf die unflätigen Resonanzen zu seinem Buch. Diese unflätigen Mitbürger , vornehmlich aus den Medien, Politik(zB Frau Merkel), verschiedensten Vereinigungen wie Zentralräten, Kirchen, Gewerkschaften usw , sie haben sich nicht anders benommen als die , die anonym zu ihren Aufsätzen Stellung beziehen. Die haben aus der Masse der Etablierten heraus es getan, das ist nämlich eine (etwas andere) Art von Anonymität aber mit gleicher Charakteristik. Sie verstecken sich aus gleicher Angst in der Masse der Gleichgeschalteten und fühlen sich deshalb so sicher, siehe die TV Sendung von Beckmann mit Jogusha(oä) u. spez. Beckmann. Früher bezeichnete man diese Leute als Hofschranzen ! Und davon gibt es , neuerdings, eine Unmenge in diesem Land !

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