Henkel trocken Vorhang auf für die Transferunion

Die Debatte um den Euro ähnelt einem klassischen Bühnenstück.
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Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

An diesem Feitag  soll zum gefühlten zwanzigsten Mal die Oper „Eurorettung“ aufgeführt werden. Das Libretto für die ursprünglich griechische Tragödie wurde zwar umgeschrieben, jetzt steht die Göttin Europa im Mittelpunkt, aber in den beiden Hauptrollen singen  weiterhin Angela Merkel und Nikolas Sarkozy. Nach bekanntem Muster werden Sie dem staunenden Publikum ein Stück vorführen, an deren Ende die Diva sich dem Verführer hingibt - soll heißen, der Franzose wird alles versprechen, die Deutsche alles geben.

Was bleibt der Hauptdarstellerin auch anderes übrig? Ist sie doch umzingelt von Männern, die ihr alle das Gleiche ins Ohr singen. Das sind nicht nur die Vertreter der potenziellen „Nehmerländer“ auf der Bühne der Eurozone, wie Sarkozy, Monti, & Co. Auch aus der Kulisse wird sie bedrängt. Da tönt es aus dem Chor der Opposition, sie hätte Griechenland schon früher helfen müssen. Der amerikanische Präsident trillert, sie müsse jetzt Entschlossenheit zeigen, der britische Premier brummt, sie solle ihrer großen Verantwortung gerecht werden und sogar der polnische Außenminister schmettert eine Arie über die notwendige „deutsche Führungsrolle in Europa“, ein Stück, welches noch nie von einem Polen gesungen wurde*. Auch aus der (nicht-)griechischen (Banken-)Unterwelt flöten ihr die Götter der Märkte den Text von „Rette den Euro“ zur Melodie von „Rette die Banken“ ins Ohr.

Wie öfter bei Opern, wollen die Männer von der Primadonna immer nur „das eine“, in diesem Fall: unser Geld. Jetzt scheint Frau Merkel bereit, es herauszurücken, sei es in der Gestalt von „Euro-Bonds“, „Elite-Bonds“, „Stabilitäts-Bonds“, sei es über das Anwerfen der Gelddruckmaschine im EFSF (genannt: „Ertüchtigung des EFSF“), sei es über das Tolerieren weiterer Anleiheaufkäufe durch die EZB (genannt: „Wahrung der Unabhängigkeit der EZB“).

Nachdem sie im Mai 2010 die „No-Bail-Out-Klausel“, also die Brandmauer zwischen dem deutschen Steuerzahler und spendablen ausländischen Politkern auf Sarkozy’s Druck zum Einsturz brachte, hat Frau Merkel eine deutsche Stabilitätsposition nach der anderen geräumt. (Siehe Henkel trocken in Handelsblatt Online vom 17. 10. 2011: „Wie aus dem Euro ein Franc wurde“). Am Freitag dieser Woche geht der Vorhang auf für den Schlussakt zum endgültigen Übergang der Währungsunion erst in eine Transferunion, dann in eine Schuldenunion. Am Schluss wird es eine Inflationsunion sein (genannt: „Stabilitätsunion“).

„Im Gegenzug“ werden auf der Bühne Eide geschworen, die man hinter dem Vorhang getrost als Meineide bezeichnen darf. Diese wird Frau Merkel dem deutschen Publikum im Parkett als Verhandlungserfolg verkaufen und sie durch unsere an der Einheitseuronadel hängenden politisch korrekten Vertreter der Medien in der Presseloge feiern lassen.

Hier sind die drei wichtigsten:

„Härtere und ‚automatische‘ Stabilitätsauflagen“: Entgegen jeder Logik!

Hatte Präsident Sarkozy Bundeskanzlerin Merkel diese in Deauville nicht gerade ausgeredet? Und wenn sie ihm diese wieder eingeredet haben sollte: wieso sollen Politiker höhere Hürden überspringen, wenn sie vorher nicht in der Lage waren, die niedrigeren zu nehmen?

„Schuldenbremsen überall“: Kommen nur wenige!

Selbst das Versprechen Sarkozys, diese in Frankreich einzuführen, ist nichts Wert. Die französischen Sozialisten haben schon jetzt klar gemacht, dass sie einer entsprechenden  Verfassungsänderung nicht zustimmen werden. Frankreichs Neuverschuldung dürfte in diesem Jahr etwa viemal so hoch sein wie die deutsche.

„Eingriff in das Budget von Defizitsündern“: Undemokratisch und illegal!

Wenn selbst unser Bundesverfassungsgericht darauf besteht, dass der Bundestag die Kontrolle über weitere Rettungstranchen behält, wieso sollen andere Parlamente ihr Königsrecht, das Budgetrecht, an ausländische Institutionen abgeben können?

Für die endgültige Zustimmung zur Umwandlung der Währungsunion in eine Transferunion bekommt unsere einserne Kanzlerin vom französischen Präsidenten und seinen Kollegen aus anderen Euroländern ein paar Versprechen, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie niedergeschrieben werden. Trotzdem, wenn am Freitag der Vorhang dieser vorerst letzten Aufführung der Eurorettungsoper fällt, wird das deutsche Publikum der Primadonna für das Erreichen wertloser Zusagen ein begeistertes „Brava“ zurufen. Das französische Publikum kann seinen Heldentenor für den Zugriff auf wertvolle deutsche Bonität mit einem „Bravo“ belohnen. Die Helden haben den Euro gerettet; wieder einmal. Was sie in Wirklichkeit angerichtet haben, ist später zu besichtigen. Aber dann sind Sängerin und Sänger längst nicht mehr auf der Bühne. 

*Deutsche Medien haben breit über die Aufforderung des polnischen Außenministers an Deutschland  berichtet, eine starke Führungsrolle in der Europolitik zu spielen. Nirgendwo las ich einen Kommentar zur gleichzeitig gemachten Aussage, dass Polen selbst keine Lust hat, vor 2020 der Eurozone beizutreten.

Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor am Lehrstuhl Internationales Management der Universität Mannheim. Bekannt wurde der langjährige IBM-Manager vor allem als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

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24 Kommentare zu "Henkel trocken: Vorhang auf für die Transferunion"

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  • Herr Henkel, Sie wissen was das Portepee ist im Gegensatz zu den vielen, die es nicht wissen.
    Sie haben die Befähigung, handeln Sie.

  • Ja, Herr Henkel, es gibt genügend intelligente Menschen, die Sie und weitere Personen auf der Bühne unterstützen werden. Sie haben bereits Angebote erhalten. Schaffen Sie bitte jetzt die Opposition! Denken Sie an Merkel nach dem Urteil des BVerfG! Wenn Prof. Schachtschneider nicht geklagt hätte, wären wir schon lange ohne Gegenleistung unser gesamtes Geld los. Opposition tut not!

  • @Hans Olaf Henkel
    In der Tat. R.Rath hat es perfekt auf den Punkt gebracht. Sachargumenten gegenüber ist die große Koalition aus CDU, FDP, SPD und Grünen in der Frage schon lange nicht mehr aufgeschlossen. Das wird sich erst ändern, wenn Mandatsverluste aufgrund der Gründung einer neuen Partei drohen. Bitte treiben Sie eine Parteigründung weiter voran, Herr Henkel!

    Wer sich gerne mit der Sache beschäftigen will, dem sei auch folgende brilliante Analyse in der FAZ empfohlen, die einen äußerst imposanten Unterzeichnerkreis hat:

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/16-wege-aus-der-krise-sorge-um-deutschland-und-europa-11552994.html

  • Sehr geehrter Herr Henkel,
    es ist kaum noch was zuzufügen. Ihre Opernrezension trifft die allgemein bekannte Sachlage in ihrer Witzigkeit bis ins Detail. Es wäre zum Lachen, wäre es nicht so traurig. Das Problem ist doch, es ändert sich nichts. Es ist sogar eine Verschlimmerung der desolaten Zustände zu bemerken. Realitätsnähe und Logik sind weit und breit nicht feststellbar. Irrationale, Fantasten und Pubertierende, Spätpubertierende und Dekadenz bei Gestandenen machen sich zunehmend breit. Das alles spiegelt nicht das Niveau des normalen Bürger wieder, d.h. er ist auch nicht vertreten durch jene die er politisch beauftragt hat. Ich war kein Zeitzeuge, aber wie mir bekannt, ist diese Zeit der 20-30er Jahre vergleichbar mit heute, vielleicht ist sie heute noch wahnwitziger. Jedenfalls, als Zwangsfolge, gab es die unheimliche Ballung in das linke und rechte Spektrum. Scheinbar steht dieses, über kurz oder lang, uns wieder bevor. Ein loser Staatenbund wie die ehemalige EWG wäre mit die beste Lösung, was spricht gegen Grenzen, auch die haben was gutes an sich. Verschiedene Währungen waren immer interessant und witzig und für den Handel nicht nachteilig.

  • Zum großen Schaden Deutschlands identifiziert weder unsere publizistische Debatte noch die deutschen Politik das wahre Problem der Eurozone: das fehlende Wachstum. Und das hat natürlich sehr viel mit der Eurosklerose zu tun, an der auch wir leiden, die nur in Südeuropa weit ausgeprägter ist.
    Ein "must read" ist in diesem Zusammenhang ein Eintrag im Blog "true economics": "Euro crisis: wrong medicine for a misdiagnosed patient" von Dr. Constantin Gurdgiev.

    Es läge sehr im deutschen Interessen, wenn wir diesen Aspekt offensiv betonen würden. Nicht zuletzt auch deshalb um dem Schlamperzonengejammer den Wind aus den Segeln zu nehmen, Deutschland würde mit Austerity-Forderungen die dortige Wirtschaft abwürgen.

    Deregulierung kostet nichts, aber bringt viel!

  • Alle Bemühungen werden nicht helfen. Anfang 2012 werden wir den nächsten Schock erleben, den Schock der gigantischen Mehrverschuldung. Versprechen wurden seit Jahren nicht eingehalten, von keinem Land. Dieser Euro wird immer mehr zum Tischtennisball keiner will ihn haben, bing bong, bing bong...

  • Starbatty hat natürlich recht. Brisant ist nicht nur die Schuldenkrise sondern auch die stark verminderte Wettbewerbsfähigkeit der Peripherie-Länder infolge der nicht mehr vorhandenen Möglichkeit einer Währungsabwertung durch ihre Zugehörigkeit zum Einkeitseuro. Nicht nur die Überschuldung ist das Problem sondern auch der Euro als solcher,der als Zwangskorsett für Länder wirkt, die in der Vergangenheit immer durch Abwertung ihrer nationalen Währungen wieder konkurrenzfähig wurden. Man hat sie dieses Instruments beraubt, was sich nun als Falle erweist aus der sie nur herauskommen, wenn sie wieder ihre eigenen Währungen zurück erhalten.

  • Prof Starbatty ASM Vorsitzender: „ Diese Politik dient nur noch dazu.die Leute beruhigen zu wollen. Vor allem die Südländer sind
    nicht mehr wettbewerbsfähig, weil diese ihre Wirtschaft nicht mehr durch Abwertung konkurrenzfähig machen können.Dies sei
    nur mit dem Austritt aus der Eurozone zu erreichen. Beispiel:
    Italiens Weltmarktanteil ist z.B. von 6,5 % auf 2,8 % gefallen,
    Ursache Wettbewerbsschwäche. Die Stabilitätsauflagen werden
    nicht wirken.
    Als der Euro eingeführt wurde, erklärte ein Europa-Politiker dazu:
    Verfehlungen bestrafe man sehr hart. Ich fragte, wie man einen
    Staat, der am Ende ist, mit einer hohen Geldstrafe belangen wolle .
    Griechenland zeigt, dass solche Maßnahmen nur der Beruhigung
    der Bürger dienen sollen und im Ernst fall nicht wirken.
    Zur Oper : „ Sarkozy singt : „ Immer nur lächeln und .............Der
    deutsche Michel denkt „ und wie’s da drinnen aussieht geht
    niemand was an „.
    Die Bundeskanzlerin müsse jetzt Entschlossenheit zeigen, so
    von vielen Seiten.
    Darauf hin brilliert Frau Merkel südfranzösisch „ Auf in den Kampf „
    Heinrich Seibert, Ing.

  • @Hans Olaf Henkel
    Ihre Vorschläge sind bekannt, Herr Henkel und ihr Engagement ist hoch achtbar. Jetzt müssen Sie aber auch die Segel setzen und zu Potte kommen, indem Sie eine Partei gründen, die diesen Vorschlägen auch politische Geltung verschafft oder sei es auch nur durch ihre bloße Existenz, die Berliner Politik zu einer realistischeren Betrachtungsweise der Gesamtproblematik zu verhelfenin der Lage ist.
    Natürlich ist eine Parteigründung mit außerordentlich viel Arbeit verbunden aber ich bin sicher Sie werden viele intelligente und kompetente Mitstreiter finden.

  • Vielen Dank Herr Henkel, wie immer sehr lesenswert.
    Unglaublich ist dabei, dass fast die ganze deutsche politische Klasse im Euro-Wahn diesem verbrecherischen Treiben tatenlos zusieht bzw. es unterstützt.
    Falls Sie eine Partei gegen diesen Irrsinn gründen sollten, wähle ich diese sofort.

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