Henkel trocken
Wie der Koalitionsvertrag den Euro stabilisiert

Der neue Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD sorgt sogar in Frankreich für Freude: Kein Wunder, gibt Deutschland damit doch wichtige Bausteine seines Wettbewerbsvorteils auf. Das liegt vor allem am Mindestlohn.
  • 39

Frankreichs Präsident Hollande pries den deutschen Koalitionsvertrag, insbesondere die geplante Einführung eines gesetzlichen und flächendeckenden Mindestlohns und die Reduzierung des Renteneintrittsalters. Nichts zeigt den mit dem Einheitseuro verbundenen Harmonisierungszwang und die damit verbundene wettbewerbsschädliche Wirkung des Einheitseuros besser als dieses Lob. Je mehr Deutschland von seinen Wettbewerbsvorteilen aufgibt, je weniger muss sich die französische Regierung bemühen, selbst die nötigen Strukturreformen durchzuführen. Keine Frage, die Harmonisierung der Sozialversicherungssysteme, der Steuersätze und der Produktivität in der Eurozone sind Voraussetzung zur Stabilisierung des Euro, genauso wie die fortschreitende Zentralisierung der Entscheidungsprozesse. Dabei ignoriert diese Politik die verheerenden Auswirkungen, die sie mittelfristig auf die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte auf dem Weltmarkt haben wird.

Man stelle sich vor, die Athleten der Eurozone würden sich bei olympischen Laufwettbewerben von jetzt an in die Hand versprechen, immer zur gleichen Zeit im Ziel anzukommen. Das wäre zweifellos ein großer Beitrag zur Harmonie zwischen den Sportlern dieser Länder. Die Medaillen würden Sportlern aus anderen Ländern umgehängt. Weniger als 40 Prozent deutscher Exporte gehen heute noch in die Eurozone, Tendenz abnehmend, trotzdem scheinen sich Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Medien vor allem mit Vergleichen Deutschlands zu den Ländern in der Eurozone zufrieden zu geben, anstatt sich mit allen Regionen und Ländern zu vergleichen. Die Eurozone schrumpft? Kein Problem, wir wachsen dieses Jahr um 0,7 Prozent! Da wird schnell übersehen, dass die Wirtschaft weltweit um über 2 Prozent in diesem Jahr zugelegt hat. Klar, unter den Blinden in der Eurozone sind die einäugigen Deutschen König. Im internationalen Vergleich jedoch hat der Einäugige sicher nicht genügend Durchblick.

Mit der Einheitswährung wurde eben nicht, wie im Vertrag von Lissabon einmal versprochen, eine stabile Grundlage für gegenseitigen Wettbewerb geschaffen, sondern ein weiches Polster der innereuropäischen Harmonisierung. Wobei bereits dieses heute gebräuchliche Wort eine Beschönigung darstellt: Nicht Harmonie wird durch diesen Prozess erzeugt, sondern Nivellierung. Lebensstandard und Arbeitsverhältnisse der Eurozonenländer sollen einander angeglichen werden. Dass bei dieser Angleichung der eine mehr bekommt, der andere weniger, liegt auf der Hand. Unbemerkt bleibt, dass der eine mehr bekommt, weil es dem anderen heimlich genommen wird. Als harmonisch kann man diese Umverteilung wohl nicht bezeichnen.

Seite 1:

Wie der Koalitionsvertrag den Euro stabilisiert

Seite 2:

Das europäische Nord-Süd-Gefälle

Kommentare zu " Henkel trocken: Wie der Koalitionsvertrag den Euro stabilisiert"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Die Absicht die Starken zu schwächen,um die vermeintlich Schwachen zu stärken, wird zur Schwächung des gesamten Verbundes führen. Die EU will eine Zentralverwaltung, das bedeutet,man will einen Regelkreis, der zu allem passt.Ein Auto hat viele kleine Regelkreise, die feinste Regelungen vornehmen in der Summe aber eine hervorragend abgestimmte Regelleistung vollbringen.Erfahrungsgemäß schadet Zentralismus letztlich immer dem Ganzen und der Demokratie. Das sollten unsere Politiker endlich beachten.Heinrich Seibert, Ing.

  • @Henkel

    Zitat: "Je mehr Deutschland von seinen Wettbewerbsvorteilen aufgibt" (gemeint ist das niedrige Lohnniveau)

    Ich stimme ja der AfD insoweit zu, dass der € mehr oder weniger weit rückabgewickelt werden sollte. Und habe deshalb am 22.9. auch die AfD gewählt, was ich nach derzeitigem Stand auch am 25.5.14 machen werde.
    Allerdings ist Ihre Argumentation an dieser Stelle unlogisch. Einerseits loben Sie die hohe Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Das geht aber nur, weil wir im € sind und daher der € für uns zu schwach ist. Gerade deshalb haben wir ja seit der €-Einführung die hochgelobten Leistungsbilanzüberschüsse:

    Seit 2002 hat Deutschland Leistungsbilanzüberschüsse von 1500 Mrd. € erzielt. Damit einher gehen zwangsläufig Kapitalexportüberschüsse in Höhe von 1700 Mrd. € in derselben Zeit (http://www.querschuesse.de/deutschland-debatte/). Dieses Kapital wird in den Defizitländern entweder investiert (womit mehr und mehr Sachwerte in das Eigentum Deutschlands übergehen) oder dort in Form von Krediten übergeben. Womit diese Länder sich immer weiter verschulden.

    Zu DM-Zeiten wäre stattdessen das eingetreten:

    Eigene Währung -> „äußere“ Aufwertung -> Weniger Exporte, mehr Importe -> Leistungsbilanz ausgeglichen, der deutsche Arbeitnehmer gewinnt.

    D.h., nach Umsetzung des AfD-Ansatzes, wäre es mit den vielgelobten dauerhaften deutschen Exportüberschüssen sowieso vorbei.

    Dass dauerhafte und hohe Überschüsse negativ sind, war bereits Karl Schiller bekannt – s. dazu das „Stabilitätsgesetz“ vom 8.7.1967: Dort wird explizit das Ziel „außenwirtschaftliches Gleichgewicht“ hervorgehoben.

    Im € müsste die „äußere“ durch eine „innere“ Aufwertung ersetzt werden. Das ist aber das, was Sie, H. Henkel, vehement ablehnen. Und das ist das, was Deutschland seit der €-Einführung genau NICHT gemacht hat (s. dazu auch: http://www.fspiecker.de/Home/literatur-1/Kein%20Licht-ohne%20Bild.pdf?attredirects=0): Sämtliche Produktivitätszuwächse gingen an den abhängig Beschäftigten vorbei.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%