Kurz und schmerzhaft

_

Kleinleins Klartext: Chaostage in der Versicherungswirtschaft

Die Einführung der Unisex-Tarife ist durch eine abenteuerliche politische Verquickung erst einmal verschoben. Das sorgt für Chaos. Dürfen Unisex-Tarife überhaupt angeboten werden? Und was wird aus den Bisex-Policen?

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.
Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Zunächst einmal ist es fair, in Sachen „verspäteter Unisex“ nicht die Versicherungswirtschaft verantwortlich zu machen. Vielmehr ist die Schuld bei denen zu suchen, die durch ein sogenanntes Artikelgesetz unbedingt dafür sorgen wollten, dass der Unisex nur dann kommt, wenn auch die Kürzung der Beteiligung an den Bewertungsreserven vorgenommen wird. Die Parlamentarier – und letzten Freitag dann auch die Länder im Bundesrat – standen durch diese unglückliche Verquickung vor der Frage, ob sie dem Doppelpack „Unisex + Bewertungsreserven“ zustimmen wollten oder nicht. Im Bundestag ging das Gesetz glatt durch, im Bundesrat dann eben nicht.

Anzeige

Hätte der Gesetzgeber den Parlamentariern die Möglichkeit gegeben, bei Unisex und Bewertungsreserven unterschiedlich zu entscheiden, dann hätten wir das Problem mit dem Unisex jetzt nicht. Böse Zungen behaupten, dass es von vornherein beabsichtigt war, die Abgeordneten und die Länder zur Zustimmung zur Kürzung der Bewertungsreserven eben genau durch diese Verquickung zu bewegen.

Diese Strategie ist nicht aufgegangen. Der Bundesrat hat sich erst einmal gegen die Kürzung der Überschussbeteiligung ausgesprochen und dabei billigend in Kauf genommen, dass die Regeln zum Unisex auch verschoben sind. Und damit haben die Unklarheiten nun begonnen …

Zunächst einmal die große Frage: Dürfen denn Unisex-Tarife überhaupt angeboten werden?

Aus Sicht des Versicherungsmathematikers gibt es da nur die Antwort „es kommt drauf an ...“. Und zwar kommt es drauf an, ob der Vertrag durch den Unisex teurer wird oder ob es gar zu einer Verbilligung kommt. Als Beispiel ein Rentenvertrag, bei dem der Mann bisher 100 Euro monatlich und die Frau 120 Euro zahlte und beide zukünftig nach Unisex 115 Euro zahlen sollen.

Kleinleins Klartext Der Teufelskreis der Altersvorsorge

Inflation beutelt die deutschen Sparer. Politik und Finanzdienstleister lassen die Anleger bei ihrer Altersvorsorge im Stich. In einem scheinbar endlosen Kreislauf bedienen sie sich an dem Vermögen der Bürger.

Für den Mann steigt die Prämie an. Da gibt es kein Problem, denn dann ist die Prämie ja mindestens so hoch wie bisher auch. Die Kalkulation „passt“ also und hat sogar noch mehr Luft. Wird das Angebot durch den Unisex aber billiger, dann kann es sein, dass es nach den alten „Bisex“-Tarifen zu billig ist. Im Beispiel bekommt die Frau dann die Rente schon für 115 Euro. Heute, ohne Unisex, darf der Vertrag so nicht angeboten werden, denn er ist nicht „auskömmlich“ kalkuliert, weil zu billig. Erst wenn die Unisex-Regeln auch rechtskräftig sind, darf auch der „billige“ Frauentarif vertrieben werden.

  • 19.12.2012, 15:32 Uhremilioemilio

    Wiedereinmal kommt der ganze "Scheiß" aus Brüssel!
    Da werden Adam und Eva noch gleichgeschlechtlich!
    Jahrzehnte haben Mathematiker die Risikoprofile ausgearbeitet und die Versicherungen umgesetzt.
    Adam = Eva - nur in Brüssel! Schon im "Paradies" herrschte das Ungleiche!
    Oder besser der Bürger zahlt für den "Gender-Mainstream" der ach so Gerechten Gutmenschen und Möchtegern-Weltverbesserer! Notfalls, ja fast immer auch gegen die Biologie und die Menschen.
    Wo ist ein Beispiel das die Brüsseler Willkür wirklich Kosten gesenkt hätte?

  • 19.12.2012, 17:31 UhrJannemann

    Das ist doch nur pervers. Der Männertarif darf teuerer werden, aber es ist problematisch, wenn der Frauentarif billiger wird. Diese ganze Unisex-Diskussion führt doch mal wieder nur dazu, dass alle mehr zahlen. Hauptsache die Politik zieht Ihr Gleichbehandlungsdings durch, ob es schadet ist total egal. Irgendwann wird man den Bienen verbieten Honig zu machen, weil das den Fliegen gegenüber ungerecht ist. Einfach nur zum Kotzen diese Reglementierungswut!

  • 19.12.2012, 17:32 UhrN.Probst

    Lieber Herr Kleinlein,

    ich bin kein Mathematiker deswegen verstehe ich auch die Logik hinter Ihrer Rechnung nicht.
    Wieso ist der Unisex Beitrag 115 Euro ?
    Ihr Beispiel ist: Mann 100€, Frau 120€ = 220 € durch 2 gleich 110, wieso also jeder 115€ ?? gleich 230€ gem. Ihrem Artikel. Dazu bitte ich um eine dem Nichtmathematiker verständliche Erklärung.
    vielen Dank
    Norbert Probst

Kolumnen Autoren

Nora-Vanessa Wohlert - Die Frauenversteherin

Auf Augenhöhe mit Männern, im Büro und auch zu Hause? „Die Frauenversteherin“ wirft einen weiblichen Blick auf Beruf und Lebensalltag.

RSS Feed der Frauenversteherin abonnieren

Britta Weddeling -Valley Voice

Korrespondentin für die Themen Internet und Netzwirtschaft des Handelsblatts im Silicon Valley, schreibt über die neusten Trends und kleinen Kuriositäten im Tal der Nerds.

RSS Feed von Britta Weddeling Kolumne abonnieren

Hans-Peter Siebenhaar - Medien-Kommissar

Handelsblatt-Redakteur mit den Schwerpunkten Medien und Telekommunikation. In seinem neuen Buch „Die Nimmersatten. Die Wahrheit über ARD und ZDF“ rechnet er mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ab.

Seine Kolumne erscheint jeden Montag

RSS Feed von Hans-Peter Siebenhaars Kolumne abonnieren

Axel Kleinlein - Ver(un)sicherer

Christoph Bruns - Anlagestratege

ist Fondsmanager und Inhaber der Fondsgesellschaft LOYS AG.

Seine Kolumne erscheint jeden Donnerstag

RSS Feed von Christoph Bruns Kolumne abonnieren

Wolfram Weimer - What’s right?

Herr K. - Der moderne Mann

  • Kommentare
Wallstreet Journal Deutschland: Am Rumpf der Titanic

Am Rumpf der Titanic

Wer das „Wallstreet Journal Deutschland“ besuchen möchte, wird umgeleitet. Morgen wird die Seite ganz abgeschaltet. Kein Grund an den Untergang einer Branche zu glauben, meint Oliver Stock.

Meinung: Das Erfolgsrezept der Rapper

Das Erfolgsrezept der Rapper

Songs von Verbrechen und Gewalt: Im Hip-Hop gehört das nicht nur zum guten Ton. Einige Rapper leben ihre Musik aus und landen deshalb immer wieder vor Gericht. Über den Erfolg einer ganz speziellen Musikrichtung.

  • Presseschau
Presseschau: Deutsche Bank: Abkehr vom Privatkunden?

Deutsche Bank: Abkehr vom Privatkunden?

Die Deutsche Bank steht offenbar vor einem Umbau. Die erst vor wenigen Jahren erworbene Postbank könnte verkauft werden. Für die Wirtschaftspresse kommt der Strategiewechsel nicht überraschend.

Einstellungen
Dauerhaft aktivieren und Datenübermittlung zustimmen oder deaktivieren:
Folgen Sie Handelsblatt: