Kleinleins Klartext: Chaostage in der Versicherungswirtschaft

Kleinleins Klartext
Chaostage in der Versicherungswirtschaft

Die Einführung der Unisex-Tarife ist durch eine abenteuerliche politische Verquickung erst einmal verschoben. Das sorgt für Chaos. Dürfen Unisex-Tarife überhaupt angeboten werden? Und was wird aus den Bisex-Policen?
  • 10

Zunächst einmal ist es fair, in Sachen „verspäteter Unisex“ nicht die Versicherungswirtschaft verantwortlich zu machen. Vielmehr ist die Schuld bei denen zu suchen, die durch ein sogenanntes Artikelgesetz unbedingt dafür sorgen wollten, dass der Unisex nur dann kommt, wenn auch die Kürzung der Beteiligung an den Bewertungsreserven vorgenommen wird. Die Parlamentarier – und letzten Freitag dann auch die Länder im Bundesrat – standen durch diese unglückliche Verquickung vor der Frage, ob sie dem Doppelpack „Unisex + Bewertungsreserven“ zustimmen wollten oder nicht. Im Bundestag ging das Gesetz glatt durch, im Bundesrat dann eben nicht.

Hätte der Gesetzgeber den Parlamentariern die Möglichkeit gegeben, bei Unisex und Bewertungsreserven unterschiedlich zu entscheiden, dann hätten wir das Problem mit dem Unisex jetzt nicht. Böse Zungen behaupten, dass es von vornherein beabsichtigt war, die Abgeordneten und die Länder zur Zustimmung zur Kürzung der Bewertungsreserven eben genau durch diese Verquickung zu bewegen.

Diese Strategie ist nicht aufgegangen. Der Bundesrat hat sich erst einmal gegen die Kürzung der Überschussbeteiligung ausgesprochen und dabei billigend in Kauf genommen, dass die Regeln zum Unisex auch verschoben sind. Und damit haben die Unklarheiten nun begonnen …

Zunächst einmal die große Frage: Dürfen denn Unisex-Tarife überhaupt angeboten werden?

Aus Sicht des Versicherungsmathematikers gibt es da nur die Antwort „es kommt drauf an ...“. Und zwar kommt es drauf an, ob der Vertrag durch den Unisex teurer wird oder ob es gar zu einer Verbilligung kommt. Als Beispiel ein Rentenvertrag, bei dem der Mann bisher 100 Euro monatlich und die Frau 120 Euro zahlte und beide zukünftig nach Unisex 115 Euro zahlen sollen.

Für den Mann steigt die Prämie an. Da gibt es kein Problem, denn dann ist die Prämie ja mindestens so hoch wie bisher auch. Die Kalkulation „passt“ also und hat sogar noch mehr Luft. Wird das Angebot durch den Unisex aber billiger, dann kann es sein, dass es nach den alten „Bisex“-Tarifen zu billig ist. Im Beispiel bekommt die Frau dann die Rente schon für 115 Euro. Heute, ohne Unisex, darf der Vertrag so nicht angeboten werden, denn er ist nicht „auskömmlich“ kalkuliert, weil zu billig. Erst wenn die Unisex-Regeln auch rechtskräftig sind, darf auch der „billige“ Frauentarif vertrieben werden.

Seite 1:

Chaostage in der Versicherungswirtschaft

Seite 2:

Juristische Bedenken

Kommentare zu "Chaostage in der Versicherungswirtschaft"

Alle Kommentare
  • Es gilt für Lebensversicherungen folgender Grundsatz:

    Die einzige Möglichkeit mit Versicherungen dauerhaft Geld zu verdienen, ist der Kauf von Versicherungsaktien!

  • Gestatten Sie mir an dieser Stelle einen Querverweis auf meine Kommentierungen zum gestrigen Artikel »Millionen neue Verträge beim Pflege-Bahr«

  • Höhere Preise bei gleicher oder sinkender Kaufkraft führt zu reduzierter Nachfrage. Ergo: Der Kuchen wird dünner und die Alimentation der selbsterkannt Systemrelevanten gefährdet. Abhilfe wird der nachfolgende Schritt schaffen: der Zwangs zum Abschluss die Pflicht zur "Privaten"-Versicherung.

  • Das Unisex nicht beschlossen wurde wegen der Bewertungsreseven liegt an den vielen Stimmen wie Herr Kleinlein, die sich angeblich für die Verbraucher einsetzen aus meiner Sicht das aber nicht tun.
    Das Gesetz wurde jetzt leider nicht beschlossen und alle fälligen Lebensversicherung bekommen Anfang 2013 jetzt die Bewertungsreserven ausbezahlt. In einer solchen Marktsituation wie aktuell, mit den niedrigen Zinsen und den hohen Kursen geht dies eindeutig zu Lasten von den viellen Versicherungskunden die noch lämger laufende Verträge haben wie ich. Herr Kleinlein hat durch seine Artikel noch viele angestachelt zu kündigen, so dass noch mehr Bewertunsreserven als geplant ausgeschüttet werden müssen. Und das alles zu Lasten der großen Mehrheit der Versicherungsnehmer. Ich hätte mir vom Handelsblatt auch mal einen Artikel gewünscht, der mal den normalen Versicherungskunden im Blick hat und mal nach dessen Nachteilen schaut.

  • Die 5€ über dem Durchschnitt sind (wie mein Vorposter geschrieben hat) einfach der "Preis" für größere Unsicherheit in der Kalkulation (es kommt einfach die Komponente "Wie sieht mein Mix Männer/Frauen später aus" als mögliche Fehlerquelle hinzu).
    Mehr Unsicherheit muss mit mehr Sicherheitsmarge hinterlegt werden, d.h. je ungenauer meine Risikoeinteilung ist, desto mehr kostet es für alle.
    Von daher ist das hauptsächlich eine Folge aus der politischen Entscheidung, die in Kauf genommen wird.
    Die Versicherungsbranche freut sich darüber sicherlich nur eingeschränkt. Daran so viel mehr verdienen kann sie nicht (insb. wenn man mal die Mio. € pro Gesellschaft miteinbezieht für die komplette Neukalkulation aller Tarife), da man den erhöhten Unsicherheitsfaktor auch mit mehr Risiko(Eigen-)kapital hinterlegen muss und damit seine Kapitalkosten in die Höhe treibt, wovon die Versichertengemeinschaft/der Aktionär mal nichts hat.
    Bei den Rentenversicherungen bekommt der Versicherungsnehmer mind. 75% von der Überkalkulation zurück wenn es später besser als kalkuliert läuft (während das Risiko bei zu niedriger Kalkulation ja voll auf das Unternehmen fällt).

    Das Thema ist nicht trivial, aber eben politisch so gewollt und nun muss man eben damit leben.

  • Die Rechnung mit 110 als Durchschnitt ist deswegen falsch, weil das Verhältnis Männer/Frauen natürlich nicht 1 zu 1 sein wird. Wenn die Männer erwarten müssen, nur 100 € abzüglich Kosten der Versicherung zu bekommen, wollen viele einfach nicht abschließen. Umgekehrt ist es für Frauen extrem attraktiv => Es werden selbstverständlich mehr Frauen solche Tarife abschließen als Männer. Ein Interessent hat doch entweder vor dem 21. abgeschlossen wenn er ein Mann ist oder wartet bis nach dem 21. (Frau) => nach dem 21. dann erst mal nur noch Frauen bis irgendwann noch ein paar Männer abschließen müssen.
    Insgesamt kann die Versicherungsbranche nichts dazu, das ist allein die Schuld der Politiker. Das einzige was erreicht wurde ist, dass dann eben viele Männer nicht mehr vorsorgen wollen. Warum auch wenn man weiß, dass man weniger rausbekommt als man einzahlt und dann nocht doppelt besteuert wird.
    Leider passt die Realität selten zu den Ideologien der Politiker. Und leider erklärt Herr Kleinlein solche einfachen Zusammenhänge beim Unisex nicht (ich nehme auch an, dass er sie selbst nicht versteht) sondern titelt von Chaos in der Versicherung statt Politik. Was kann denn die Versicherungsbranche dafür dass die Politik nicht mal ihre sinnlos-Gesetze verabschieden kann.

  • Die 5€ über den (normal gerechneten) Durchschnitt sind vermutlich Profit. Muss sich schliesslich auch für die armen Versicherungen lohnen. Finanzmathematiker, Versicherungen und Politiker rechnen/denken eben so. Ist für sie ja auch super und sogar noch Luft nach oben und das Beste ist, es darf auch nur nach oben gehen. Da träumt wohl jeder Einzelhändler von, hat aber keine Lobby.

  • Lieber Herr Kleinlein,

    ich bin kein Mathematiker deswegen verstehe ich auch die Logik hinter Ihrer Rechnung nicht.
    Wieso ist der Unisex Beitrag 115 Euro ?
    Ihr Beispiel ist: Mann 100€, Frau 120€ = 220 € durch 2 gleich 110, wieso also jeder 115€ ?? gleich 230€ gem. Ihrem Artikel. Dazu bitte ich um eine dem Nichtmathematiker verständliche Erklärung.
    vielen Dank
    Norbert Probst

  • Das ist doch nur pervers. Der Männertarif darf teuerer werden, aber es ist problematisch, wenn der Frauentarif billiger wird. Diese ganze Unisex-Diskussion führt doch mal wieder nur dazu, dass alle mehr zahlen. Hauptsache die Politik zieht Ihr Gleichbehandlungsdings durch, ob es schadet ist total egal. Irgendwann wird man den Bienen verbieten Honig zu machen, weil das den Fliegen gegenüber ungerecht ist. Einfach nur zum Kotzen diese Reglementierungswut!

  • Wiedereinmal kommt der ganze "Scheiß" aus Brüssel!
    Da werden Adam und Eva noch gleichgeschlechtlich!
    Jahrzehnte haben Mathematiker die Risikoprofile ausgearbeitet und die Versicherungen umgesetzt.
    Adam = Eva - nur in Brüssel! Schon im "Paradies" herrschte das Ungleiche!
    Oder besser der Bürger zahlt für den "Gender-Mainstream" der ach so Gerechten Gutmenschen und Möchtegern-Weltverbesserer! Notfalls, ja fast immer auch gegen die Biologie und die Menschen.
    Wo ist ein Beispiel das die Brüsseler Willkür wirklich Kosten gesenkt hätte?

Serviceangebote