Kleinleins Klartext
Die Entmystifizierung der Alterungsrückstellung

Rückstellungen sollen in der privaten Krankenversicherung dafür sorgen, dass die Beiträge stabil bleiben. Versicherte sollten wissen, wie die Gesellschaft kalkuliert. Denn im Alter drohen hohe Beitragssteigerungen.
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Manchmal treffen sich Politiker, Lobbyisten und Verbandsvertreter. Und selten werden dann sogar Verbraucherschützer mit eingeladen, um über besonders brisante Themen zu referieren und diskutieren. Gerne finden solche Veranstaltungen dann zu sehr ungewöhnlichen Zeiten statt – wie etwa an einem Freitagmorgen um 8 Uhr früh. Thema: Der „Mythos Alterungsrückstellung (?)“ in der Privaten Krankenversicherung (PKV).

Es ist erst einmal auch für Nichtversicherungsmathematiker nicht so einfach zu verstehen, warum so etwas wie eine Alterungsrückstellung überhaupt notwendig ist. Die Versicherungsmathematiker kalkulieren einen Tarif schließlich anfangs so, dass dieser genau „passen“ soll. Das Geld, das der Kunde an das Versicherungsunternehmen überweist, soll also ausreichen alles an durchschnittlichen Krankheitskosten auch bezahlen zu können.
Wenn der Versicherungsmathematiker aber den Tarif genau in dieser Art und Weise berechnet, führt das dazu, dass eigentlich jedes Jahr der Beitrag steigen muss, weil ja auch die durchschnittlichen Kosten mit dem Alter steigen. Ein 50-Jähriger geht nun mal öfter zum Arzt und braucht auch mehr Medikamente als ein 20-Jähriger.

Um diesen Anstieg zu vermeiden, kalkulieren die Unternehmen die Beiträge so, dass sie eigentlich konstant bleiben sollen. In jungen Jahren ist der Beitrag dann höher als das, was eigentlich an Kosten für das laufende Jahr zu erwarten wäre. Diese „Überzahlung“ wird auf einem gesonderten „Konto“ geparkt, um später die dann eigentlich zu niedrigen Beiträge aufzupeppen. Dieses „Konto“ nennt sich Alterungsrückstellung. Dort wird das angesparte Kapital auch mit dem Garantiezins verzinst – meist noch mit 3,5 Prozent. Die Entwicklung der kalkulatorischen Alterungsrückstellung ist dann für einen Versicherungsmathematiker auch einfach zu berechnen.

Wenn der Versicherungsmathematiker keinen Fehler gemacht hat (und das darf er nicht), dann bleibt der Beitrag von Vertragsbeginn bis Lebensende immer gleich. Die Alterungsrückstellung steigt dabei in den ersten Jahrzehnten an und wird dann später wieder abgebaut.

Leider rechnen die Versicherungsmathematiker aber oft falsch. Sie berechnen nämlich nicht ein, dass die Kosten für die Gesundheitsvorsorge ansteigen. Ein Medikament, das heute 10 Euro kostet, wird vermutlich in 2040 alleine durch die Inflation erheblich teurer sein. Einen Vorwurf darf man den Mathematikern hier aber nicht machen, denn diese Inflation darf er nach Gesetz und Verordnung gar nicht einrechnen.

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Fatale Krankheitskosten

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Wissensdurst im Morgengrauen

Kommentare zu " Kleinleins Klartext: Die Entmystifizierung der Alterungsrückstellung"

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  • Die Beiträge steigen in der PKV ebenso wie die Kosten in der GKV. In der gesetzlichen Versicherung wurde das mit Leistungsbeschränkungen abgefedert. die sich durch Regelleistungen, mehr Zuzahlungen und Praxisgebühr äußern.
    Das Problem dahinter haben primär nicht die Krankenkassen zu verantworten, sondern das Gesundheitsystem an sich.
    Für die Pharmaindustrie ist das Gesundheitssytem quasi ein Selbstbedienungsladen, da alles, was sie zur "Verbesserung" anbietet bezahlt wird.
    Das Problem liegt in unserer Ethik begründet, die auschließt, dass Leistungen verweigert werden, auch wenn sie wirtschaftlich untragbar sind.
    Die Erhöhung des Lebensalters ist z.B. nur aufgrund dieser Medikamentierung und medizinischen Versorgung möglich.
    Auf Dauer werden wir das wohl nicht durchhalten.

    Aber niemand wird entscheiden, das die Alten früher sterben müssen, weil ihre Behandlung zur Lebensverlängerung auf Dauer unfinanzierbar ist. Das widerspräche der aktuellen gesellschaftlichen Ethik in unserer Kultur und auch dem Forschungsdrang.
    Eine moralisch vertrebare Beschränkung ist unter diesen Parametern nicht in Sicht. Damit bleibt nur das durchwurschteln mit Beitragserhöhungen bei den Privatversicherten, weil denen die kosten nicht so schnell über den Kopf wachsen, wie den meisten gesetzlich Versicherten und bei letzteren die schleichende Aushöhlung des Versicherungsschutzes.

    H.

  • @hideyoshi: Sie haben recht. Mit den günstigen Beiträgen in jungen Jahren wird man verführt. Mit zunehmendem Alter steigen die Beiträge. Wenn sich dann noch Nachwuchs einstellt, der privat versichert wird (werden muss) sieht das schon anders aus. Praxisentgelt ist lächerlich bei privater Abrechnung von mindestens Faktor 2,3 üblicherweise. Zuzahlung zu Medikamenten brauche ich nicht rechnen, da ich SÄMTLICHE Medikamente generell selbst zahle, um die Beitragsrückerstattung nicht zu gefährden. Ich bleibe dabei: solange man extrem selten zum Arzt geht (gottseidank gesund) bleibt die private Kasse ein teurer Spass. Man ist in diesem Land bekannterweise zwangsversichert und kann sich nicht wehren. Die Antwort der PKV auf meine kritischen Anmerkungen zur Beitragsanpassung (ganz vereinfacht übersetzt): schön blöd, wenn Sie nicht ständig zum Arzt gehen und auch keine Rechnungen einreichen. Das ist ja der Sinn der Solidargemeinschaft, das der Gesunde die Kranken finanziert. Deshalb haben Sie keinen Vorteil, wenn Sie sich in diesem System kostenbewusst verhalten.

  • Verstehe ich nicht. Gerade in jungen Jahren ist der Beitrag der PKV deutlich günstiger und fällt auch nur 12 mal im Jahr an (nicht zusätzlich auf Sonderzahlungen). Haben Sie das und die Rückzahlungen bei Leistungsfreiheit der vermeintlich günstigeren GKV mit Praxisentgelt, Zuzahlungen zu Medikamenten, Leistungskürzungen und der Erhöhung der Beiträge im Rahmen der Höchstgrenzen ernsthaft verglichen und sind dann immer noch deutlich teurer?

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