Kurz und schmerzhaft

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Kleinleins Klartext: Eine kleine Geschichte der Bewertungsreserven

Eine kleine Geschichte, in der es darum geht was Bewertungsreserven sind, wie das Bundesverfassungsgericht etwas Gutes tut, die Ziele des Gerichts aber ausgehebelt werden sollten und ein Parteitag Rettung verspricht …

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.
Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Es war einmal ein Verbraucher, der eine Kapitallebensversicherung abgeschlossen hatte. Er hoffte, dass er durch den Vertrag für das Alter viel Geld zur Verfügung haben würde und seine Träume und Wünsche dann Wirklichkeit werden könnten. Es beglückte ihn zu sehen, wie das Unternehmen geschickt Zinsen erwirtschaftete und wie es die Prämien des Verbrauchers in kluge Kapitalanlagen investierte. So kosteten die Kapitalanlagen zu Beginn nur 1.000 DM. Doch sie gewannen an Wert, denn der Kurs stieg. Alsbald waren sie eigentlich 1.500 DM wert! Doch in der Bilanz führte der Versicherer diese Anlagen immer noch mit 1.000 DM.

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Eines Tages beschloss aber der Versicherer den Kunden zu verstoßen und zu einem anderen Versicherer zu schicken. „Noch viele Jahre sollst Du von nun an deine Prämien auf ein neues Konto überweisen und dereinst wirst du deine Ablaufleistung auch von diesem neuen Versicherer bekommen! Deshalb gebe ich diesem auch deine Kapitalanlagen“. Ob es dem Verbraucher gefiel oder nicht, war dabei nicht von Belang.

Doch Ach und Weh! Der neue Versicherer hatte zwar vom alten Unternehmen Kapitalanlagen bekommen. Doch übergab der gänzlich andere, als die klugen Anlagen, über die sich der Verbraucher zuvor so erfreute! Die neuen, schmuddeligen Anlagen hatten zwar auch einen Bilanzwert von 1.000 DM. Doch kamen die schmuddeligen Anlagen auch nach Kurswert nur auf 1.000 DM.

Kleinleins Klartext Der Teufelskreis der Altersvorsorge

Inflation beutelt die deutschen Sparer. Politik und Finanzdienstleister lassen die Anleger bei ihrer Altersvorsorge im Stich. In einem scheinbar endlosen Kreislauf bedienen sie sich an dem Vermögen der Bürger.

Der Verbraucher grämte sich, wähnte er sich doch um 500 DM betrogen. Bald erfuhr er, dass diese 500 DM bei der alten Versicherung von den Gralshütern des Geldes als „Stille Reserven“ oder „Bewertungsreserven“ verehrt wurden. Doch verweigerten die Gralshüter dem Verbraucher diese Reserven oder auch nur einen Anteil an diesen Werten. Aber der Verbraucher war nicht alleine. Mit einem großen und stolzen Verbraucherverein ging er gegen die Gralshüter vor.

Die Jahre gingen ins Land. Stritt man sich am Anfang nur vor einem Landgericht, so kam man Karlsruhe immer näher und schließlich sprachen die Weisen in den roten Roben Recht: „Bewertungsreserven sollen von nun an auch an die Verbraucher fließen“, so sprachen sie zur Königin. Diese nahm sich das Gesagte zu Herzen und verkündete: „Die Bewertungsreserven sollen alsdann zur Hälfte auch an die Verbraucher gehen.“ Dies wurde dann Gesetz, gegen den Willen der Versicherer, die neue verschlungene Pläne schmiedeten, um die Kunden weiter knapp zu halten.

So funktioniert der Teufelskreis der Altersvorsorge

  • 1. Schritt

    Kleinsparer investieren ihr Geld bei einem Finanzdienstleister.

  • 2.Schritt

    Der Finanzdienstleister kauft von dem Geld schlechtverzinste Bundesanleihen.

  • 3. Schritt

    Die Schuldenquote Deutschlands sinkt; der Finanzminister jubelt.

  • 4. Schritt

    Die Politik gewährt dem Finanzdienstleister Vergünstigungen; Unternehmen und Aktionäre jubeln.

  • 5. Schritt

    Die Sparergebnisse sind schlecht, die Kleinsparer jubeln nicht.

  • 6. Schritt

    Die Politik fordert die Bürger auf, noch mehr Altersvorsorge zu betreiben, weil die Sparergebnisse ja so schlecht sind und nicht ausreichen.

  • 7. Schritt

    Kleinsparer investieren noch mehr Geld bei einem Finanzdienstleister. Danach geht es zurück zum 1. Schritt.

Von alters her sollten nämlich die Verbraucher eigentlich stets zum Ende ihres Vertrages auch Schlussüberschüsse erhalten. Doch wähnten sich einige Versicherer nach dem Spruch der Königin besonders gescheit. Das was früher der Schlussüberschuss war, sollte alsbald „Beteiligung an den Bewertungsreserven“ heißen. Flugs waren diese Pläne umgesetzt. Die Verbraucher erhielten nun zwar Geld, das bezeichnet war als „Beteiligung an den Bewertungsreserven“. Im Gegenzug minderten sich aber Schlussüberschüsse. Und so erhielten die Versicherten meist keinen Cent mehr als zuvor und die Versicherer vermieden zusätzliche Zahlungen an die Kunden.

  • 06.12.2012, 12:11 UhrORR

    Lieber Herr Kleinlein, offensichtlich verstehen Sie den Unterschied zwischen Marktwert- und Nennwertpapieren nicht!
    Der von Ihnen beschriebene Fall bezieht sich auf Marktwertpapiere. Für diese hat sich die Beteiligung der Versicherten durch die Gesetzesänderung nicht verändert! Lediglich für die Nennwertpapiere(Bewertungsreserve bei Ablauf = 0!!!) soll die Beteiligung um den Teil reduziert werden, der für die Sicherstellung der Garantieverzinsung notwendig ist (Sicherungsbedarf). Würde man diesen Teil an vorzeitig ausscheidende Kunden auszahlen könnten die Garantien für die vertragstreuen Kunden u.U. nicht erfüllt werden. Die Gesetzesänderung ist kein Geschenk sondern eine Notwendigkeit!

  • 06.12.2012, 12:36 Uhrsquares

    Sehr geehrter Herr Kleinlein,

    das ist ja alles ganz niedlich geschrieben und trotzdem von Grund auf falsch. Lebensversicherer sind schon aufsichtsrechtlich verpflichtet, einen Großteil ihrer Kapitalanlagen in festverzinslichen Wertpapieren zu tätigen, die meistens im aktuellen Niedrigzinsumfeld nicht zu knapp Reserven ausweisen. Wenn der Versicherer klug investiert hat, dann ist er fristenkonform aufgestellt, die fvz. WP laufen also dann ab, wenn Zahlungen fällig werden und zwar zum kurs 100 und nicht 150! Und wenn der Versicherer jetzt zwischendrin was von den 50 Reserve ausschüttet, die ihm am Ende gar nicht gezahlt werden, dann belastet das --> genau, das Versichertenkollektiv, die im übrigen auch Ihre Mandantschaft sind. Und sollte der Versicherer entscheiden, die Reserven zu realisieren, indem vor Fälligkeit verkauft wird, so gehen die Überschüsse auch in Versichertenkollektiv, aber dann an alle und nicht nur an die, die vielleicht finanzrational in Zeiten hoher Reserven kündigen.

  • 06.12.2012, 13:50 UhrMazi

    Diese Kritik sollte nur jemand anbringen, der das System wirklich versteht.

    Sie wollen scheinbar auf die Problematik eines festverzinslichen Wertpapiers, das z.B. Mit einer Laufzeit von 10 Jahren mit einem Kupon von 7 % zu 100 % gekauft wurde, eingehen.

    Herr Kleinlein wollte Ihnen erklären, dass eben dieses Wertpapier nach z.B. 2 Jahren bei jetzt ca. 0 % Zinsen den von Ihnen zitierten Rückzahlungsbetrag von 100, aber zusätzlich noch 7 % pro Jahr (also noch 8 mal) erhält.

    Da in dem Beispiel die Bilanz das Wertpapier zu 100 % führt, der Martwert aber über alle Cash flows gebildet wird, fallen in der Bilanzierung die 8 x 7 % = 56 % (stark vereinfachte Rechnung!) "unter den Tisch".

    Erfolgt nun der "Versicherungstransfer" wie beschrieben, erhält die "neue" Versicherung ein Wertpapier zum Bilanzwert (zu 100) übertragen. Die vorgenannten 56 % fallen unter den Tisch, der Versicherungskunde wird be.... (Damit die Redaktion den Beitrag nicht löscht).

    Sie sprechen mit Recht die BaFin an. Sie ist zur Aufsicht verpflichtet. Da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Ich frage mich aber, was andere unter Aufsicht verstehen? Dabei streitet man jetzt mit Frankreich um eine europäische Aufsicht. Über was kann man nur streiten, wenn - wie aufgezeigt wurde - nichts herzugeben ist. Andererseits hat Frankreich auch nichts vorzuweisen, was es im anderen Fall verlieren könnte.

    Wenn man zu einem logischen Schluss kommen wollte, dann wäre aus der Praxis heraus argumentiert, nur die Einstellung der Aufsicht. Außer Kosten bringt sie in der Praxis nichs.

    Wenn das Beispiel eines deutlich macht, dann ist es, dass die Abgeordneten (meist Juristen und ehemalige Lehrer) mit den grundlegenden Methoden der Mathematik nicht vertraut und nur von Lobbyisten abhängig sind.

    Genau hier stehen wir vor einem riesigen Reformbedarf, der auch daran ersichtlich ist, dass kaum ein Gesetz vor dem Bundesverfassungsgericht bestand hat.

    Ich denke, dass diese Erklärungen genügen.

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